Adrigole: Wo Pubs und Shops verschwanden

Adrigole Dorf

Adrigole von oben. Dorf am Hungry Hill

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 18)

von Peter Bernhardt* 

Heute bewegt sich Peter Bernhardt ostwärts und erzählt im Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland am Atlantik über das Dorf Adrigole. Es ist kein Dorf wie jedes andere.

Die Geschichte(n) von Adrigole. Eigentlich wollte ich hier von weiteren Geschichten, die das Leben schrieb berichten, die sich in und um den Ort Adrigole abspielten. Doch dann fand ich heraus, daß ich zunächst etwas über dieses Dorf selbst schreiben müßte. Es ist nämlich ein Ort, der sich von dem unterscheidet, was wir unter Dorf verstehen. Adrigole, das soviel bedeutet wie Place between two rivers, ist kein Runddorf und ist auch kein Straßendorf im deutschen Sinne. Es ist mit etwa zwölf Kilometern Ausdehnung das wohl längste Dorf in Irland. Aber Adrigole hat, oder besser hatte, alles was ein Ort benötigt. Außerdem ist es reich an geschichtlichen und archäologischen Orten. Vor den Hungerjahren 1845-47 zählte die Bevölkerung in Tausenden, heute wohnen hier nur noch in einigen hundert Menschen.

Adrigole Post

Adrigole: Eínst Geschäft und Post

Am besten, ich nehme Euch auf einen Gang durch durch Adrigole mit, um zu zeigen, auf was man alles trifft, wenn man nur die Augen aufmacht. Wir starten von Glengariff kommend, wo sich das Ortseingangs-Schild befindet. Wenige hundert Meter von diesem Ortsschild stoßen wir als erstes auf ein verlassenes Haus. Hier befand sich einstens ein Geschäft und die Post. Doch schon seit vielen Jahren geht hier keiner mehr einkaufen und wie man sieht, ist es dem Verfall preisgegeben.

Adrigole Beara

Adrigole: Die Grundschule ostwärts

Etwas weiter auf der Straße liegt links eine von zwei Grundschulen , die Adrigole hat, erbaut im Jahre ca.1850.

Adrigole Pubs

Adrigole: Das Sugarloaf-Pub

Auf der gegenüber liegenden Straßenseite ist der Sugar Loaf Pub, der auch noch einen kleinen Lebensmittel-Laden hatte. In den letzten 30 Jahren erlebte dieser Pub allerhand Auf-und-Abs, die Besitzer-Familie mußte einige Schicksals-Schläge verkraften, so, als läge auf diesem Anwesen ein Fluch. Die neuen Eigentümer haben den Namen jetzt geändert in „Wild Atlantic Pub“. Viel Erfolg damit!

Adrigole Kirche

Adrigole: Kirchenruine aus dem 10. Jahrhundert

Weiter auf der Hauptstraße kommt man an einigen Abzweigungen vorbei. Links hinunter zur Bantry Bay und rechts hinauf in die Berge. Auf der alten, oberen Bergstraße treffen wir auf die Ruine der „Mass Mount Church“ aus dem 10. Jahrhundert. Von hier hat man einen herrlichen Blick auf den Hafen von Adrigole und die Bantry Bay.

Adrigole Kirche

Adrigole: Die katholische Kirche aus dem Jahr 1840

Zurück zur Hauptstraße, bis zur nächsten kleinen Häuseransammlung kommt man an einigen alleinstehenden Cottages und neuen Häusern vorbei und sieht dann schon die katholische Kirche mit dem Namen St. Fachtna, erbaut im Jahre 1840. Hier ist auch einer von drei Friedhöfen. Und den Kirchen-Oberen zum Trotz, denen Musik, Tanz und Alkohol offiziell nicht immer geheuer war, gab es gleich zwei Pubs gegenüber der Kirche.

Adrigole Pub

Adrigole: Die Pubs sterben.

Einer davon hat schon seit Jahren aufgegeben und die Schanklizenz gut verkauft. Und die Besitzer des zweiten Pubs denken auch übers Aufgeben nach. Das Pub-Sterben auf dem Lande ist nicht aufzuhalten. Mit Aufkommen des Fernsehens und der strengen Promille-Grenze, hat das Public House seine frühere Funktion verloren.

Adrigole Tourismus

Adrigole: Kajak- und Segel-Schule

Im weiteren Verlauf der Straße kommen wir an einer Art Gallery vorbei. Hier können sich Touristen mit schönen Erinnerungs-Stücken eindecken. In der Gallerie hängen in sehr schönen Räumen sehr schöne Original-Gemälde (teilweise von recht bekannten Künstlern) und es gibt eine nette Möglichkeit, Tee und Kaffee zu genießen. Schräg gegenüber liegt der lokale Football Pitch mit dem angeschlossenen Caha-Centre. Weitere Center findet man in Ardgroom, Lauragh und in Tuosist. In diesen Gemeindezentren kümmert man sich um geografisch benachteiligte Personen und die Verbesserung in Familien-Haushalten. Hier finden auch diverse Veranstaltungen statt, wie beispielsweise Bingo-Abende und der Nachmittags-Kaffee-Klatsch. Neben dem Sportplatz geht ein Weg ab zum Meer hinunter, wo sich eine Kayak- und Segel-Schule niedergelassen hat.

Adrigole Geschäfssterben

Adrigole: Einst ein Gemischtwarenladen

Ein paar Schritte weiter kommen wir an einem zum Wohnhaus umgebauten Geschäft vorbei. Hier eröffnete Eugene Dunne im Jahre 1928 einen Gemischtwarenladen, wo er alles anbot, was die Menschen vor Ort brauchten, wie Anzüge, Schuhe und Stiefel, Holz und Lebensmittel. In den späten fünfziger Jahren kam dann auch das Post Office hinzu. Eugene bekam das erste batteriebetriebene Radio in Adrigole im Jahre 1940. Strom kam erst im Jahre 1952 auf die Beara Peninsula. Eugene war auch der Erste, der 1963 Fernsehen hatte und nebenbei war er ein Motor Cycle Enthusiast, ein Motorrad-FreakEugenes Neffe Finn übernahm das Geschäft 1960. Und Finns Sohn stieg 1999 ein, doch schon fünf Jahre später (2004) gaben er und seine Frau auf, weil der Laden die Familie nicht mehr ernähren konnte.

Adrigole Brücken

Adrigole: Eine von vielen Brücken

Wir wandern weiter und kommen zu einer engen Brücke über den Adrigole River, wo wir uns entscheiden müssen (8A). Nach rechts führt die Straße zum Healy Pass. Nach wenigen hundert Metern steht die zweite Grundschule von Adrigole und in etwa weiteren drei Kilometern zeigt ein Hinweisschild zum Kilcaskin-Friedhof (15) mit einem sehr alten und einem neuen Friedhofsteil.

Adrigole Friedhof

Adrigole: Noch ein Friedhof

Auf dem älteren Teil befindet sich eine Kirchenruine, ein paar schöne alte Grabsteine und einen Ogham Stone, dessen oberer Teil allerdings abgebrochen und verloren gegangen ist.

Adrigole Dance Hall

Adrigole: Die alte Dance Hall

Noch bevor wir über die Brücke gehen, befindet sich im Rücken die ehemalige Tanz-Halle, die Dance Hall, von denen es in den 40-er bis in die 60-er-Jahre  gleich zwei gegeben hat. Beide sind längst geschlossen. Die Musik machten in der Regel die Einheimischen selbst und sie spielten aus Vergnügen, nicht des Geldes wegen. Der Priester wachte streng über Regeln und Anstand – und wenn die Sperrstunde nahte, stand er an der Türe und drohte dem Besitzer der Tanzhalle mit Entzug der Lizenz, wenn er nicht dafür sorge, daß alle Besucher umgehend die Halle verlassen.

Adrigole Shops

Adrigole: Peg´s Shop

Wendet man sich nach der Brücke nach links, kommt man zu Peg’s Shop, dem einzigen noch existierenden Lebensmittelladen in Adrigole – und mit Poststelle. Peg O’Sullivan war eine Persönlichkeit in Adrigole. Peg wuchs bei ihren Großeltern auf. Mit elf Jahren kam sie wieder zurück ins Elternhaus und beendete mit vierzehn die Schule. In ihrem Elternhaus gab es genug Arbeit, auch für die sieben Geschwister. Trotzdem erinnerte sie sich gerne an ihre Kindheit: They were lovely days!

Mit 18 Jahren ging sie zu ihrer Tante ins Post Office. Nach drei Jahren zog sie weiter nach Banteer (North Cork), später nach Lixnaw und Ballyduff (Kerry) und arbeitete dort bei der Post. 1948 kehrte sie zurück zu ihrer Tante, die erkrankt war und dringend Hilfe brauchte. Nach dem Tode ihrer Tante übernahm sie die Post und erweiterte das Geschäft zu einem Lebensmittelladen, den sie Peg’s Shop nannte.

1950 heiratete Peg in St. Fachtna Church. Ihr Mann war Lehrer: ein großer, schwerer Mann mit einem weichen Herz! Peg starb im letzten Jahr kurz vor ihrem 100. Geburtstag. Ihre Enkelin führt jetzt das Geschäft weiter – und wie kann es anders sein: unter dem Namen: Peg’s Shop.

Adrigole Pubs

Adrigole: Noch ein geschlossenerPub

Ein kleines Stück weiter auf der Straße nach Castletownbere  gibts einen weiteren Pub, die Glenbrook Bar oder, wie ebenfalls über dem Eingang steht Doyle’s Bar mit einem Campingplatz nebenan. Auch dieser Pub ist inzwischen geschlossen. Nur 50 Meter weiter weist ein Hinweisschild auf den alten protestantischen Friedhof hin, auf dem Beara-Schlossherr Henry Puxleys junge Frau beerdigt liegt. Sie starb im Jahre 1872 im Alter von nur 36 Jahren. Puxley verließ gleich nach der Beerdigung Irland und kehrte nie mehr zurück zu seinem Castle in Dunboy.

Adrigole Geschäfte

Adrigole: Der Automachaniker

Im weiteren Verlauf der Straße, links das Meer, kommt man vorbei an einer Polizeistation, die in der Finanzkrise der Budget-Kürzung zum Opfer fiel. Schräg gegenüber hat ein Automechaniker seine kleine Auto-Werkstatt und wieder ein paar Meter weiter, waren einst auch Geschäfte – jetzt ebenfalls Geschichte.

Adrigole Polizei

Adrigole: Die Polizeistation. Auch geschlossen.

Im vermeintlich letzten Haus des Dorfes hat Jim Blake seine Schusterwerkstatt. Er ist der einzige noch lebende Schuster auf der Beara Peninsula. Jim ist 88 Jahre alt und freut sich über jeden Kunden, mit dem er ein Schwätzchen halten kann. Von ihm demnächst mehr . . . 

Das war unser Gang durch das heutige Adrigole. Eine Dorf-Tour noch vor 30, oder gar vor 50 oder 100 Jahren hätte ein deutlich anderes, lebhafteres und vielfältigeres Dorfleben gezeigt. Es gab Zeiten, da hatte Adrigole bis zu 20 Geschäfte, drei Schneider und eine Schneiderin, einen Korbmacher, einen Sargschreiner, Hufschmiede, Stellmacher und…und… und…! Und die meisten hatten ein einigermaßen zufrieden stellendes Auskommen, um in dieser kleinen Welt am Atlantik glücklich oder zumindest zufrieden zu sein.

 Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

 Alle Fotos: Peter Bernhardt, außer: Dorf am Hungry Hill by Markus Baeuchle.

von | 2017-04-13T18:38:16+00:00 23. März 2017|1 Kommentar

Der Autor:

Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

One Comment

  1. Tina 25. März 2017 at 15:53 - Reply

    Die Strecke sind wir letztes Jahr im Urlaub öfters gefahren , zu Ausflügen rund um Castletown . An das ein oder andere Haus kann ich mich gut erinnern…Schade das so ein Dorf Leben ausstirbt. Aber leider ist es hier in Deutschland zum Teil auch nickt anders..
    Trotzdem Danke für Hintergrund Wissen rund um Häuser welche man zwar gesehen hat ,aber nichts darüber weiß. Ist immer interessant.

    Gruß Tina

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