Beara Stories: Das Schicksal eines Dorfes

Goulane Beara

Das Dörfchen Goulane in den 80-er Jahren

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 1)

von Peter Bernhardt* 

Heute beginnen wir auf Irlandnews mit einem Geschichten-Zyklus über das ländliche Irland an der Atlantikküste, geschrieben von unserem Freund Peter Bernhardt. Er liebt es, in der Vergangenheit zu forschen und lässt ein Stück „altes Irland“ lebendig werden.

(Edit 31. Mai 2016: Wer diese Geschichte schon zu kennen glaubt: Er/sie hat Recht. Denn sie erschien erstmals am 5. April 2016 hier auf Irlandnews. Und dann folgte trotz Ankündigung bis heute kein Teil 2. Sorry, Peter! Der „lästige“ Alltag, Reisen, die beginnende Wander-Saison, ließen kaum Zeit übrig. Irlandnews zu publizieren bleibt das schönste Hobby und muss bisweilen hinter der Tages-Arbeit zurückstehen. Nun aber geht es wirklich los mit den Beara Stories. Heute noch einmal Teil 1 von Peters Geschichten, und morgen dann schon Teil 2. Gruß aus dem irischen Sommer, der Wanderer.)

In der Mitte der Beara-Peninsula liegt das Townland (Gewann) mit dem Namen Goulane. Etwa sechs Kilometer von Castletownbere und vier Kilometer von Eyeries. Eingerahmt von den Bergen Maulin und Lackawee. In der irischen Sprache hat Goulane zwei Bedeutungen. Zum einen bezeichnet es einen „großen Stein“ – das kann man aber in diesem Falle ausschließen, weil es zwar viele Felsen, aber keinen markanten Stein gibt, der es Wert wäre, dieses Townland danach zu benennen. Die andere Bedeutung ist eine „Gabel“ oder „Forke“. Und da es zwei Bäche gibt, die links und rechts vom Berg Maulin herunter kommen und sich am Fuße zum „Stil“ vereinen, darf man davon ausgehen, daß das Townland davon seinen Namen hat.

Goulane Beara

Das Murphy-Haus in Goulane im Jahr 1987

In Goulane gab es einst elf Cottages. Hier wohnten elf Familien. Heute ist nur noch eines der schlichten alten Häuser bewohnt. Zwei weitere sind in einem bedauernswürdigen Zustand, ein drittes nicht mehr zu retten. Alle anderen sind verfallen, abgetragen und nicht mehr zu lokalisieren. Nur die alten Landkarten des Ordnance Survey aus den Jahren 1840 und ein Update um 1900 zeigen noch die Orte, wo Menschen gelebt und ihre Häuser und Ställe und Schuppen gehabt haben. Goulane war damals ein richtig kleines Dörfchen, was zu der Zeit recht selten war. Die englischen Landlords sahen es lieber, wenn ihre Pächter weit verstreut wohnten. Es ist einfacher, Menschen unter Kontrolle zu halten, wenn sie wenig Kontakt haben.

Der Baustil dieser Cottages war bei fast allen gleich, eben: das typisch irische Cottage. Man benutzte die in der Umgebung gefundenen Feldsteine, die lediglich mit Erdmörtel verbaut wurden. Die Mauern konnten bis zu 70 Zentimeter dick sein. Die Fenster waren in der Regel klein, denn Glas war teuer und zu große Fenster bedeuteten Wärmeverlust. Im Erdgeschoß gab es zwei gleich große Räume. Ein Raum war die Küche mit einer großen offenen Feuerstelle. In späteren Jahren nahm dort ein gusseisener Ofen den Platz ein. Der zweite Raum war das Zimmer der Großeltern, wenn es die noch gab,  und hatte oft auch eine weitere offene Feuerstelle. 

In der Mitte führte eine Treppe in den ersten Stock, der in den meisten Cottages keine richtige Stockhöhe hatte. In den 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts konnten die Bewohner einen günstigen Kredit beantragen, um ihr Haus auszubauen und zu vergrößern. Das geschah manchmal dadurch, daß man das Dach vorsichtig abtrug, die Stockhöhe bis zu einer vollen Stehhöhe anhob und anschließend das alte Dach wieder drauf setzte. Im Obergeschoß schlief dann die Familie, die nicht selten aus acht bis zehn Personen bestand. In den wenigen Betten schliefen, je nach Alter und Geschlecht, jeweils zwei bis drei Kinder.

In den fünfziger Jahren begann Goulane auszusterben. Die alten Leute starben und die Jungen zog es in die größeren Städte, wenn sie nicht sogar emigrierten – vor 1900 meistens in die USA, danach eher nach Großbritannien. Zum Glück aber haben die zuletzt verbliebenen Söhne zwei neue Häuser gebaut und zwei von deren Kindern haben auch wieder gebaut. Keiner von ihnen war interessiert daran, eines der alten Cottages auf heutigen Standard zu modernisieren.

In Irland gab es regelmäßig Volkszählungen. Angefangen im Jahre 1821 und dann regelmäßig alle 10 Jahre. Leider sind die Beara-Unterlagen von 1821 bis 1851 einem Feuer in The Four Courts  in Dublin zum Opfer gefallen und die Unterlagen von 1861 und 1871 wurden durch eine „bürokratische Entscheidung“ vernichtet. Die Volkszählungen von 1881 und 1891 sind unvollständig, denn ich habe die Unterlagen von Goulane im Internet nicht finden können.

Der Volkszählunges-Bogen aus dem Jahr 1911 für das Murphy-Haus in Goulane

Der Volkszählunges-Bogen aus dem Jahr 1911 für das Murphy-Haus in Goulane

Dafür sind die Zählungen 1901 und 1911 vollständig einzusehen. Offensichtlich hat man auch schon damals getrickst und getäuscht. Denn so manche Angabe darin ist nicht logisch, obwohl unter jedem Formular die Unterschrift des Volkszählers steht. Erfaßt wurden damals der Name, das Alter, das Geschlecht, das Verhältnis zum Familienoberhaupt, die Religion, der Geburtsort, der Beruf, ob die Person lesen und schreiben und ob sie neben Englisch auch Irisch sprechen konnte. Darüber hinaus wollte der Staat auch noch den Ehestand, näher beschriebene Krankheiten, die Ehedauer und die Zahl der lebenden wie der toten Kinder wissen.  Erhebenswert war den Behörden auch ein grober Zustand des Hauses. Hatte es Steinmauern? Welche Dachdeckung? Wieviele Räume? Wieviele Fenster? Auch die Anzahl der Ställe und Schuppen wurde abgefragt.

Goulane und die nähere Umgebung müssen schon zu Zeiten besiedelt gewesen sein, als noch niemand an Schreiben und Volkszählen dachte. Man findet zahlreiche archäologische „Beweisstücke“, darunter ein Hill Fort, ein ungewöhnlich großes Ring Fort mit einem Durchmesser von rund 200 Metern. Eingeschlossen darin findet man die Grundmauern einer Kirche, ein frühchristlichen Steinkreuz und ein Cillin. Ein Cillin (auch Caldragh, oder Lisheen) ist ein ungesegneter Friedhof. Vom Frühmittelalter bis in die Neuzeit waren Cillins der traditionelle Begräbnisort ungetaufter Kinder. Allerdings wurden hier auch Erwachsene beerdigt. So wurde speziell während der Hungersnot eine größere Anzahl Erwachsener auf diesen Plätzen beigesetzt.

Berge Beara

Die Berge über Goulane geben den Blick frei auf Beara und über die Bucht nach Kerry

 Dazu gesellen sich etliche Standing Stones (stehende Steine) ein Wedge Grave (Hühnengrab) und eine ancient Copper Mine (eine Kupfermine aus dem Beginn der Bronzezeit). Diese Kupfermine wurde im Jahre 1999 vom Archäologen Billy O’Brian ausgegraben und anhand von drei Holzkohle-Proben datiert: Sie war zwischen 1750-1530 vor Christus in Benutzung.

Noch Anfang 1900 mußten die Einheimischen in Irland befürchten, von ihrem Grund und Boden vertrieben zu werden, wenn sie die Pacht nicht bezahlen konnten. Schließlich gehörte das ganze Land damals englischen Grundbesitzern. Und es traf auch einige Bewohner von Goulane. Aber das ist eine andere Geschichte . . .


Peter in Clogher 2013_IMG_1710Der Autor: 
Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer 5-wöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling

Peters Geschichten von der Beara Peninsula werden künftig alle zwei Wochen jeweils dienstags hier auf Irlandnews erscheinen.

Fotos: Peter Bernhardt (3); Markus Bäuchle (1, unten)

By | 2017-03-28T12:58:53+00:00 31. Mai 2016|1 Comment

About the Author:

Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

One Comment

  1. Elisabeth Firsching 5. April 2016 at 9:48 - Reply

    Das freut, danke!

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