Beara-Stories von Mike, Madge und Father Godley

Geschichten von der Beara-Halbinsel im Süd-Westen Irlands (Teil 19)

von Peter Bernhardt* 

Heute erzählt Peter Bernhardt so alte wie wahre Geschichten, die er im Dorf Adrigole am Fuße des Hungry Hill gesammelt hat.

Adrigole County Cork

Adrigole, das Dorf unter dem Hungry Hill auf der Beara Halbinsel


Mike wurde im September 1881 geboren und wurde Hilfslehrer an der Trafrask Schule. Mike war unverheiratet und tat über 20 Jahre seinen Dienst unter Schulleiter Tom. Nachdem Tom in Pension ging, machte sich Mike Hoffnung auf diese Stelle, doch der Gemeindepriester Father Godley wollte dies nur unter einer Bedingung akzeptieren. In diesen Zeiten hatte die Kirche die Oberhoheit über die Schulen und konnte Lehrer einstellen und entlassen. Der Priester hatte eine unverheiratete Hauswirtschafterin mit Namen Madge.

Father Godley bot Mike die Schulleitung an, unter der Bedingung, daß er Madge zu Frau nehme. Mike lehnte das rundweg ab und bat Godley um ein Zeugnis, weil er sich unter diesen Umständen nach einer anderen Schule umsehen wollte. Father Godley war beglückt, Mike los zu werden, weil er hoffte, einen anderen Kandidaten zu dieser Bedingung zu finden und gab Mike ein fabelhaftes Empfehlungsschreiben. Mikes Mutter, bekannt als „Big Annie“, nahm das Empfehlungs-Schreiben, ging umgehend damit zum Bischof of Kerry und wollte von ihm wissen, warum Father Godley Mike den Job als Schulleiter nicht geben wollte, obwohl er ihm ein so fabelhaftes Empfehlungsschreiben gegeben hat. Der Bischof ordnete umgehend an, Mike den Posten als Schulleiter zu übertragen – und die arme Madge war gezwungen, einem anderen Mann schöne Augen zu machen.

Flor, geboren 1884 war bekannt als Flor der Missionar, weil er einen ungewöhnlich langen Bart trug. Als seine Mutter in Pension ging, bat sie Flor, im Shop von Mister O’Shea zwei Habits zu kaufen, für sich und den Ehemann, als Vorsorge für den Tod. Flor und sein Bruder machten sich einen Spaß daraus mit diesen Ordenstrachten in die Berge zu gehen, um nach den Schafen zu sehen. Es war in der Abenddämmerung, als zwei Kerrymen die beiden Brüder sahen und entsetzt Reißaus nahmen. Sie erzählten jedem, dem sie begegneten, sie hätten oben in den Bergen die Geister von zwei Franziskaner-Mönchen getroffen.

Im Townland Lochavoul gab es einen Mann mit Namen Peter Crath. In dieser Zeit, rund um 1830, kam es vor, daß Frauen von „heiratswilligen“ Männern entführt wurden – natürlich gegen den Willen der Frauen. Und so kam es, daß Peter, der schon lange ein Auge auf Catherine geworfen hatte, sie eines Tages „entführte“ und bei sich Zuhause einsperrte und loszog, um Gäste für seine Hochzeit einzuladen. Gegenüber von Peters Haus gab es ein kleines Cottage, in dem eine alte Frau mit Namen Maire lebte. Maire hatte etwas dagegen, daß Peter Catherine unter diesen Umständen zur Frau nehmen wollte. Und so befreite Maire Catherine und brachte sie ins Townland Firkale, wo sie Humphrey trafen, dem sie die Geschichte erzählten. Die drei heckten einen Plan aus und Humphrey war bereit, Catherine über den Berg zu Con zu bringen. Und Con brachte Catherine noch weiter westwärts ins Townland Dirreen zu Seán. Seán und Catherine waren schnell bereit, sich trauen zu lassen – und beide waren schon verheiratet noch bevor Peter herausgefunden hatte, wo Catherine geblieben ist. Peter war stinksauer, er hatte verloren. Seán und Catherine bekamen eine Tochter und einen Sohn.

Mike aus Adrigole war gerade erst 16 Jahre alt, als er mit seinem Bruder Seán an den Stahl-Schmelzöfen in Wales arbeitete. Die Arbeit war hart und der Verdienst gering. So trat er in die British Navy ein und tat dort zwei Jahre lang Dienst. Sein Schiff lag für zwei Tage in Southampton und Mike nutzte die Gelegenheit und desertierte. Er reiste unter dem Namen Michael Crowley für ein halbes Jahr durch England und verdiente sich ein paar Shillings als Knecht bei verschiedenen Bauern. Da dies aber auf Dauer keine Lösung war, schlug er sich nach Irland durch und erreichte sein Zuhause. Aber auch dort mußte er sich verstecken. Immerhin mußte er befürchten, als Deserteur gesucht und verhaftet zu werden. Und so beschloß er nach ein paar Wochen, nach Amerika auszuwandern. Mike und sein Vater machten sich auf den Weg nach Queenstown (heute Cobh). Sie versteckten sich bei Tag und reisten bei Nacht. In Queenstown angekommen kaufte sein Vater ein Ticket für six Pound nach Amerika und gab es Mike, der an Bord des amerikanischen Schiffes Titanic ging. Es handelte sich sicher nicht um die berühmte Titanic, die am 15. April 1912 nach einer Kollision mit einem Eisberg unter ging, weil seine erste Tochter schon 1910 in Amerika geboren wurde. Auf jeden Fall traf Mike an Bord seine künftige Frau Mary und das Paar bekam vier Kinder.

Wann Timothy geboren wurde, ist nicht bekannt. Es muß in den Hungerjahren gewesen sein. Nicht gerade die beste Voraussetzung für einen Start ins Leben. Er verließ schon früh Irland und ließ sich in Newport/Rhode Island nieder, wo er Mary heiratete, die 1846 in Irland geboren war und als junges Mädchen auch nach Newport kam. Sie wurde übrigens 89 Jahre alt. Während des amerikanischen Bürgerkrieges war Timothy Korporal in der Kompanie K und wurde in der ersten Schlacht bei „Bull Run“ im Juni 1861 so schwer verwundet, daß man ihm einen Arm amputieren mußte. Timothy und Mary bekamen zehn Kinder, von denen einer Steuergutachter, ein anderer Bürgermeister von Newport, ein dritter Richter am Kammergericht und zwei Töchter Lehrerinnen wurden.

Patrick wurde bekannt als der blinde Geiger. Er war knapp 13 Jahre alt, als eine Masern-Attacke sein Augenlicht angriff und ihn langsam erblinden ließ. Auf Ratschlag des örtlichen Priesters wurde eine Geige angeschafft und Patrick begann eifrig zu lernen. Im Laufe der Jahre entwickelte er sich zu einem wahren Meister. Ein kräftiger Stock und die Geige waren seine einzigen Begleiter, mit denen er über 50 Jahre lang übers Land zog. Er sprach die gälische Sprache fließend, war mit Mary O’Sullivan verheiratet und starb am 13. Oktober 1941 in Bray, County Wicklow.

 Peter BernhardtDer Autor: Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

PS: Peters Geschichten von der Beara Peninsula erscheinen regelmäßig hier auf Irlandnews.

 Alle Fotos: Peter Bernhardt, außer: Dorf am Hungry Hill by Markus Baeuchle.

Von | 2017-04-24T08:08:59+00:00 20. April 2017|1 Kommentar

Über den Autor:

Peter Bernhardt lebt seit dem Jahr 2000 in Eyeries auf der Beara Peninsula in West Cork. Bis zu seinem Ausscheiden aus seinem Arbeits-Leben war er Art Direktor und Werbeleiter. Seine Liebe zu Irland hat er 1967 auf einer fünfwöchigen Fahrradtour durch den Süden entdeckt. Danach folgten mehrere Irland-Urlaube mit Familie, bis 1987 ein altes Cottage seine Aufmerksamkeit weckte und darum warb erworben zu werden. Peters Interessen sind unter anderem Archäologie, lokale Geschichte und Storytelling.

Ein Kommentar

  1. Werner Bartholme 23. April 2017 um 10:00 Uhr - Antworten

    Lieber Peter,
    Geschichte durch Geschichten weitertragen…
    Menschen durch deren erzählte Schicksale weiterleben lassen…
    … das sind die Stärken deines Blogs!

    Wer deine Beiträge liest, ist nah an Bearas lebendiger Vergangenheit/Gegenwart, seinen wunderbaren Menschen, seiner Schönheit!
    Vielen Dank für deine Mühe
    Werner

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