Blinder Anspruch und deutsche Witzewelle

 

hamsterkaeufe-768x566

Zivilschutz, Hamsterkäufe, Gefahren für die Bevölkerung. Hier in Irland, aus der Distanz von 2000 Kilometern, wirkt die deutsche Debatte über die Vorsorge für den Problemfall belustigend weltfremd. Hohn, Spott und eine sommerliche Witzewelle in den sozialen Medien: Wie viele Menschen und Medien mit den völlig angemessenen Verhaltens-Vorschlägen des Innenministeriums für den Fall von Krisen und Naturkatastrophen, von  Terroranschlägen oder Cyber-Angriffen auf die Infrastruktur umgehen, macht nachdenklich: Ist es Ignoranz und Arroganz oder doch eher Hilflosigkeit und tief sitzende Angst, dass das  bier-ernste Thema der Eigenverantwortung im Problemfall  so leichtfertig ins Lächerliche gezogen wird; und warum werden Menschen, die Vorsorge treffen für den Notfall, öffentlich lächerlich gemacht und der Hysterie bezichtigt?

Übersetzt man die Anti-Kommentare und Witzchen, die sarkastischen Bemerkungen und comedyesken Einlagen in einfache Sätze, dann steht oft diese Bedeutung dahinter:

  • Das gibt es bei uns im Hightech-Land D doch nicht.
  • Ist nur leeres Wahlkampfgeplapper von Politikern.
  • Der Strom kommt doch aus der Steckdose.
  • Und meine Nahrung aus dem Supermarkt.
  • Erzähl mir nichts vom letzten Krieg. Das war mal.
  • Wenn die Lichter ausgehen, dann machen auch Vorräte für eine Woche keinen großen Unterschied mehr.
  • Macht ihr Politiker mal Eure Arbeit richtig, dann brauchen wir diese Ratschläge nicht.

Vor allem aber steckt hinter vielen Kommentaren eine enorme Anspruchshaltung: Warum sollten wir uns selber schützen müssen. Das ist Aufgabe des Staates, und das erwarten wir. Schließlich bezahlen wir dafür unsere Steuern.

vorratsregalNun ja. Eigentlich ist es vollkommen normal, dass Menschen sich gegen Risiken schützen, dass sie Vorsorge treffen für etwaige Krisen, dass sie sich beispielsweise ein paar Vorräte anlegen, um sich im Notfall einige Tage oder Wochen aus eigener Kraft über Wasser halten zu können. Das ist selbstverantwortliches vernünftiges Handeln, das bei den Nachbarn in der Schweiz selbstverständlich zur Lebens-Routine gehört. Es scheint, als hätten viele Menschen in Wohlstands-Deutschland in 70 fetten und sicheren Jahren und erst recht nach dem vermeintlichen Ende der Geschichte nach 1989 etwas Entscheidendes verloren: den Überlebensinstinkt, den Sinn für Gefahren und für die Notwendigkeit, sich selber und die Seinen zu schützen, sich notfalls an die widrigen Verhältnisse anpassen zu müssen. Statt dessen Vertrauen in eine vermeintlich perfekt funktionierende Welt. Es regiert der blinde Anspruch: Das steht uns zu. So sicher und wohlständig  muss es auch in Zukunft sein. Wird es aber wohl nicht  . . .

Hier in Irland liegen die Dinge noch anders: Stromausfälle etwa gehören zum Leben. Hier auf dem Land waren wir in den vergangenen Jahren, etwa nach heftigen Winterstürmen, mehrfach mehrere Tage ohne Strom. Und wenn der Strom fehlt, dann läuft auch die Wasserpumpe des Tiefbrunnens nicht. Telefon und Internet fallen aus. Kommt Frost hinzu, versagt die Heizung, bleibt das Auto stehen. Auch der Busbetrieb wird eingestellt. Denn Winterdienst darf man hier an den kleinen Nebenstraßen keinen erwarten. Dann fehlen schnell Wasser, Wärme, Essens-Nachschub aus der Stadt. Was also tun die Menschen? Sie legen ein paar Vorräte an. Sie haben Wasser abgefüllt oder nutzen den Zugang zum Bach oder einem nahen See. Sie haben Holz und Torf gelagert. Sie kochen mit Gas und greifen auf einen Flaschengasvorrat zurück. Sie haben, zumal Geschäfte oft weit entfernt sind, ein gut gefülltes Lebensmittellager. Zusätzlich einen Gemüsegarten, ein paar Obstbäume, Beeren – vielleicht sogar einen vollen Benzinkanister und einen Stromgenerator im Schuppen. Die Menschen wissen, dass sie sich selber kümmern müssen, dass sie eigenverantwortlich handeln müssen – dass sie im Zweifelsfall auf sich selber vertrauen müssen und auf sich selbst angewiesen sind.

Hier in Irland sind die Verkehrs- und Versorgungsnetze bei weitem nicht so perfekt wie in Deutschland. Man mag bedauern, dass es in den eineinhalb fetten Jahrzehnten des Keltischen Tigers nicht gelang, eine intakte Infrastruktur aufzubauen. Es änderte freilich nichts. Die Irinnen und Iren, und auch wir, leben damit, und das ganz gut.

Wenn uns Menschen vom Kontinent besuchen, manche mit besagter blinder Anspruchshaltung, prallen die Welten manchmal aufeinander. Kürzlich wunderten wir uns über eine Frau mittleren Alters, die sich bitterlich über die hohe Luftfeuchtigkeit in ihrem Gastzimmer beklagte. Dass die Luftfeuchtigkeit im subtropischen Südwesten am Atlantik regelmäßig über 90 Prozent liegt, kommentierte sie mit den Worten: „Das ist mir sch…egal. Ich will trockene Luft“.

 

Bild oben: www.bento.de

 

 

 

Von | 2017-03-30T12:48:46+00:00 25. August 2016|2 Kommentare

Über den Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten erleben.

2 Kommentare

  1. Dieter Emil Baumert 25. August 2016 um 9:50 Uhr - Antworten

    Wir Alle in den Industriegesellschaften leben diesen Spagat: Je mehr die Menschen verdienen, desto gröszer wird ihr ökologischer Fussabdruck. Sozialeinrichtungen und Infrakstruktureinrichtungen werden nur noch wahrgenommen, wenn sie nicht mehr perfekt funktionieren. Doch jeder weisz heute, dasz der Standard der reichen Nationen in weiten Teilen der Welt alles andere als normal ist. Jeder kennt das von seinen Urlaubreisen, schon eine kleine Wegstrecke entfernt von unserem Zuhause zeigt sich die Welt in ihrer ursprünglichen Form. Wer es positiv wendet, findet sich schnell bei Henry David Thoreau, den Indianern oder den Aborigines. Wer die Gleizeitigkeit des Ungleichzeiten nicht verträgt, entwickelt Abwehrreflexe, kreiert Verschwörungstheorien oder nährt die kleine Pflanze Hass.

  2. Dieter 25. August 2016 um 12:03 Uhr - Antworten

    Schöner Beitrag 🙂
    Gut finde ich „Matchapulver, Sojabohnen & Koks“….
    Ich muss zugeben, dass ich mir da auch keine großen Gedanken, Sorgen mache. Mein letzter „Notstand“ ist schon lange her. Als Jugendlicher habe ich die Schneekatastrophe 1978 miterlebt. Damals war ich der einzige, der aus meiner Klasse zur Schule kam. Ich wohnte nur 200m entfernt und meine Klassenkameraden kamen fast alle vom Land. Die Berichte aus deren Umfeld waren schon sehr dramatisch. Kühe konnten mangels Strom nicht gemolken werden und verendeten. Als Folge hat man sich später mit Notstromaggregaten etc. eingedeckt. Die Einsicht in die Notwendigkeit gewisser Vorsorgemaßnahmen nimmt allerdings mit dem Verblassen der Erinnerung an einen erlebten Notstand ab. Ich nehme mich da nicht aus, halte es aber für unangebracht, auf diese Empfehlungen mit Spott zu reagieren.

Hinterlassen Sie einen Kommentar