Irlands Bäume (8): Die Eiche

 

Eiche im Inchiquin Valley, Beara Peninsula, Irland

Irlands Bäume und der Keltische Baumkalender. Eine Serie von Elisabeth Firsching. Mit der Eiche (Quercus) haben wir aus Sicht der Kelten den Archetypus eines Baumes vor uns. Die Eiche herrschte über die Mittsommerzeit vom 10. Juni bis 7. Juli. Nach Robert Ranke Graves, dem großen Deuter des keltischen Baum-Universums, begründete sie als Hauptbaum das Keltische Baumalphabet. Der Eichenkult soll vor etwa 3500 Jahren von der Ostsee nach Britannien gekommen sein, die druidische Religion beruhte auf dem Kult um die Heilige Eiche. Ihr Name im Keltischen war DUIR, der Buchstabe D.

Zwei Eichen auf der Beara Peninsula

In vielen europäischen Sprachen geht das Wort für Tür auf das keltische Duir zurück. Altgälisch „dorus“, in der lateinischen, griechischen, deutschen, hebräischen und in weiteren indoeuropäischen Sprachen, sogar im Sanskrit (dwr) ist abzuleiten, dass Türen bevorzugt aus Eichenholz gefertigt waren, aber auch, wie kulturell eng verbunden dieser Kontinent gewesen sein muss. Die Eiche als ein sprachlich verbindendes Element zwischen den vielen verschiedenen Stämmen Europas und darüber hinaus. Ein faszinierender Gedanke.

„Thing“ hießen die mehrtägigen Ratsversammlungen keltischer Stämme, die stets unter Heiligen Eichen (oder Linden) unter Teilnahme der Clanführer und Druiden ( siehe auch in diesem Wort die Verbindung zu Duir) abgehalten wurden. Hier wurde auch Recht gesprochen. Ein zeremonieller Ablauf und der Wille solange zu verhandeln, bis man zu einem, für alle be-fried-igenden Ergebnis kam, zeugen von einer hochentwickelten Kultur. Neben der griechischen sind auch hier alte demokratische politische Strukturen innerhalb Europas zu erkennen. Ein genauerer Einblick würde den Rahmen hier sprengen, nur so viel: In Island sind regelmäßig abgehaltene demokratische Versammlungen in Thingvellir vor tausend Jahren belegt, zur selben Zeit herrschten in Zentraleuropa Adelshäuser.

Eine raum greifende Eiche in Muckross, Killarney, County Kerry

Warum gerade die Eiche, könnte man sich fragen. Sie wächst bevorzugt auf Kreuzungen von unterirdischen Wasserläufen und Verwerfungen und zieht damit Blitze an. Der Spruch: „Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen“, der schon Schulkindern mitgegeben wird, weist auf richtiges Verhalten im Freien bei einem Gewitter hin. Die mehrstöckige Krone, eine tief reichende Pfahlwurzel und häufiger Blitzeinschlag bescherte der Eiche den Ruf, der Sitz eines Gottes zu sein, dessen Gesetz sowohl im Himmel, als auch auf der Erde und in der Unterwelt galt. Eichen können außerdem ein sehr hohes Alter erreichen.

Eichenholz ist zäh, hart und unverwüstlich, es überdauert Jahrhunderte und zählt zu den wertvollsten Nutzhölzern für Möbelbau und Innenausbau. Wir alle kennen die hervorragend recherchierten Comics von Asterix mit dem Abschlussbild auf der letzten Seite, wo man unter einer mächtigen Eiche tafelte, dass sich die Eichenbretter sprichwörtlich bogen. Bis zum 17. Jahrhundert gab es europaweit ausgedehnte Eichenwälder, mehrere hundert Arten waren gut an die unterschiedlichen Gegebenheiten angepasst. Besonders in meeresnahen Gegenden wurde in der Folge im großen Maßstab abgeholzt, weil man das Holz für den Schiffbau brauchte.

In Irland habe ich bearbeitetes Eichenholz entdeckt, das man aus dem Moor geholt hat, es ist manchmal mehrere tausend Jahre alt und bei Künstlern sehr beliebt, weil es sich wunderschön bearbeiten lässt. Medizinisch von Bedeutung ist die Rinde wegen ihres hohen Gerbstoffgehaltes, sie eignet sich zum heilen für Haut und Schleimhaut. Das aus den Eicheln gewonnene Mehl gehört zu den ältesten Nahrungsmitteln in Europa. Die  Früchte fanden als Viehfutter für Schweine Verwendung.

In Zeiten der Unsicherheit, vor wichtigen Lebensentscheidungen oder in Situationen wo Mut gefragt ist, kann es hilfreich sein die Nähe einer Eiche aufzusuchen. Sich Zeit lassen, sich bewusst für eine kurze Zeit aus dem Feld einer zur Gleichschaltung verführenden Mediengesellschaft auszuklinken und zu horchen, was aus dem eigenen Inneren aufsteigt, könnte zu überraschenden Ergebnissen führen. Unter einer Eiche kann die Verbindung zur inneren Kraft leichter gelingen oder Sicherheit gefunden werden, wenn es darum geht, eigene Wege zu gehen.

Wenn wir uns gleichzeitig auf die keltische „Kernkompetenz“ der Eiche besinnen, könnte eine Versammlung einer kleineren oder größeren Gemeinschaft in schwierigen Fragen zu neuen Lösungen führen. Wäre es nicht einen Versuch wert, die Europäische Regierung in Arbeitsgruppen aus ihren Betonburgen zu holen und unter freiem Himmel mit dem Blick auf majestätische Bäume konferieren zu lassen? Undenkbar? Wir schmunzeln vielleicht bei diesem Gedanken.

Die Autorin: Elisabeth Firsching. Elisabeth schreibt den Blog www.kleinefreude.blogspot.com

Wie gut es geht, den Kopf freizubekommen und zu neuen Perspektiven zu gelangen, wenn wir  nach einem langen Tag innerhalb der vier Wände ins Grüne hinaus gekommen sind, haben wir alle sicher schon erlebt. Es wäre vielleicht gar nicht so dumm, etwas aufzugreifen, was vor vielen Jahrhunderten Menschen mit hoher Verantwortung dem Kollektiv gegenüber zum Erfolg geführt hat.

Verhandeln, bis weißer Rauch aus Eichenscheitern aufsteigt könnte die Devise lauten. Weißt du, wo in deiner Umgebung die nächste alte Eiche steht? Wann hast du sie das letzte Mal besucht? Es könnte der Baum sein, der deinen persönlichen Himmel mit der Erde verbindet und dich ein Stück auf deinem Weg weiterbringt.
Mehr von Elisabeth gibt es auf ihrem Blog www.kleinefreude.blogspot.com zu lesen.

Von | 2011-06-24T07:36:04+00:00 24. Juni 2011|0 Kommentare

Über den Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten erleben.

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