Das Kleine Volk: Existiert es wirklich (nicht)?

Irischer Leprechaun

Das Kleine Volk: Existiert es wirklich (nicht)? Diese Frage werfe ich am Ende meines Buches „Irland. Ein Länderporträt“ auf, das im August 2013 erschienen ist: Hier eine Leseprobe über die irischen Feen und Naturgeister: 

„Nun, am Ende dieses Buches, bleibt die so ewige wie komplizierte Frage anzusprechen, die Generationen von Einheimischen und Besuchern in den Bann gezogen hat: Wie steht es um die Little People von Irland, die Feen, Elfen, Kobolde und Naturgeister, für die das Land bekannt ist? Gibt es sie tatsächlich (nicht)? Wo leben die Leprechauns und unter welchen Umständen werden die Sidhe für uns Menschen gefährlich? Muss man nachts in der Nähe von Friedhöfen den Fear Dearg, den Roten Mann, wirklich fürchten? Das Kleine Volk aus der Anderswelt ist bei der jungen Generation fast in Vergessenheit geraten, man muss schon die alten Iren konsultieren, um den Weg zu finden, um über Banshees, Sheeries, Red und Grey Man, über Dullahan, Pooka, Cluricauns, Grogoch, Leprechauns und Changelings zuverlässig Auskunft zu erhalten.

Leprechaun IrlandIrlands bekanntester und möglicherweise am weitesten verbreiteter Naturgeist ist der Leprechaun. Er wird beschrieben als kleiner Mann mit langem weißem Bart. Der Leprechaun (auch Leipreachán, Leprechawn oder Luricawne) ist ein mürrischer, oft leicht angetrunkener Einzelgänger. Er trägt ein rotes Gewand mit sieben Knopfleisten und je sieben Knopflöchern – allerdings gänzlich ohne Knöpfe. Der Leprechaun arbeitet von Haus aus als Schuster, er hat mit seinem Handwerk ein Vermögen gemacht, werkelt aber immer nur an einem einzelnen Schuh. Das Versteck seines Goldschatzes am Ende des Regenbogens hütet er bis heute erfolgreich. Viele Menschen haben versucht, das Geheimnis der Leprechauns zu erfahren. Von ihnen stammen die Beschreibungen, wie man einen Leprechaun am besten fängt. Finbar O’Sullivan ist einer der Zeitgenossen, die einen Leprechaun getroffen haben. Der kleine Mann saß in die Arbeit vertieft am Wegesrand. Finbar näherte sich fast lautlos von hinten, stürzte sich auf den kleinen alten Mann und packte ihn am Bart. Finbar und der Leprechaun lieferten sich einen ausdauernden Kampf, der kleine Mann verwandelte sich in einen Vogel, dann in einen schlüpfrigen Aal, es half am Ende nichts. Finbar, der Farmer, wollte endlich reich sein und kämpfte wie ein Löwe. Der Leprechaun gab auf und deutete auf eine Jakobskrautpflanze: Dort ist der Schatz vergraben. Weil Finbar ein ziemlich fauler Farmer war, wuchsen auf seinem Land viele Jakobskrautpflanzen, und um ganz sicherzugehen, knotete Finbar sein rot gepunktetes Taschentuch an das Jakobskraut, unter dem der Goldschatz liegen sollte, bevor er eiligst nach Hause lief, um seine Schaufel zu holen. Nach wenigen Minuten kehrte der Farmer zurück. Der Leprechaun war verschwunden, und an allen Jakobskrautpflanzen in der weiten Umgebung hingen rot gepunktete Taschentücher.

Eine wahre Geschichte? Sagen wir: eine schöne Geschichte. Eine wahre und verbriefte Geschichte dagegen ereignete sich im Jahr 1999 im Westen Irlands, im County Clare. Die alte Nationalstraße 18 zwischen Limerick und Galway sollte großzügig ausgebaut werden, die Stadt Ennis eine Umgehungsstraße erhalten. Die neue Trasse wurde in Latoon bei Newmarket-on-Fergus über ein Feld geplant, auf dem ein einzelner alter Weißdornbaum stand. Von dem kleinen Weißdorn – mehr Busch als Baum – hieß es, er sei ein wichtiger Feenbaum, unter ihm versammelten sich regelmäßig die Fairies aus der gesamten Südwestprovinz Munster, bevor sie gegen die Feen aus der Nordwestprovinz Connaught zu Felde zogen. Aber dann . . . . So etwas kann nur in Irland passieren, dort, wo der Feenglaube noch immer verbreitet ist.  [ . . . ]

Meine eigene Suche nach den Little People war bis heute nicht erfolgreich, man sagte, ich sei zu skeptisch. So bleibt mir, ganz am Ende den Ratschlag zu geben: Suchen Sie selbst. Kommen Sie hierher auf diese herrliche kleine Insel. Unternehmen Sie einen schönen Spaziergang, entfernen Sie sich so weit vom letzten Haus im Dorf, bis Sie dessen Fenstersprossen nicht mehr erkennen können. Setzen Sie sich auf einen Stein und warten sie. Warten Sie einfach. Halten Sie ein. Genießen Sie die Ruhe. Sie werden es nicht bereuen. Auch wenn Sie niemals einen Leprechaun sehen werden. Willkommen in Irland.“

Lust auf mehr? Das Buch „Irland. Ein Länderporträt“ von Markus Bäuchle gibt es hier

 

* Die beiden Illustrationen sind dem Buch „Faeries“ von Brian Frond und Alan Lee entlehnt.

von | 2013-10-17T12:58:07+00:00 17. Oktober 2013|3 Comments

Der Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de

3 Kommentare

  1. Irlandnachrichten 18. Oktober 2013 at 6:56 - Reply

    Dazu (von mir hier ins Deutsche übersetzt) ein Erlebnis zum Thema „Glaube und Unglaube“, von dem W.B. Yeats in seinem 1893 veröffentlichten Buch „The Celtic Twilight“ berichtet:

    „… Es gibt da ein paar Zweifler sogar in den Dörfern Westirlands. Letzte Weihnachten erzählte mir eine Frau, sie glaube weder an die Hölle noch an Geister. Die Hölle, so meinte sie, sei eine reine Erfindung der Priester, damit die Menschen dem Guten bei der Stange blieben – und Geistern sei es nicht erlaubt, nach Belieben frei auf der Erde herumzutrapsen. Aber, fügte sie hinzu, natürlich gibt es Feen und kleine Leprechauns und Wasserpferde und gefallene Engel. …”

  2. inselpinsel 18. Oktober 2013 at 13:31 - Reply

    So bleibt mir, ganz am Ende den Ratschlag zu geben: Suchen Sie selbst.

    … oder besucht das National Leprechaun Museum in Dublin. http://www.leprechaunmuseum.ie

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