Sogyal Rinpoche im Abseits: Alles ist vergänglich

Dzogchenbeara. Der Ort kommt auch ohne einen Rinpoche aus.

Alles ist vergänglich. Vor 50 Jahren waren die Wiesen auf den Klippen von Garranes hoch über dem Atlantik im Südwesten Irlands einsames Farm- und Weideland am westlichen Ende Europas. Vor 30 Jahren begannen Erleuchtung suchende junge Menschen auf diesen Felden mit dem Aufbau eines buddhistischen Meditations-Zentrums. Die spirituelle Flagge trug ein schlauer Tibeter mit dem Namen Sogyal Lakar (Foto).  Der Weisheitslehrer in roter Robe nannte den Ort Dzogchenbeara (was in etwa bedeutet: Die Essenz der Lehren Buddhas auf der Beara Halbinsel). Sogyal hatte ein Projekt: Er startete mit Unterstützung mächtiger Interessen im Hintergrund das Projekt der Rettung des tibetischen Buddhismus in der Diaspora im Westen. Heute arbeiten im Namen von Sogyals Organisation Rigpa 130 Meditationszentren in 30 Ländern der Welt. Gerade noch war der inzwischen 70 Jahre alte Vorzeige-Buddhist der Rinpoche, der „Kostbare“, der in Europa zweit-heiligste Tibeter nach dem Dalai Lama.

Gerade noch. Und jetzt? Jetzt liest sich die Geschichte seines Mediations-Zentrums Dzogchenbeara auf den Klippen von Garranes nach eigener Darstellung so:

„In 1973, Peter and Harriet Cornish bought 150 acres of rugged farmland with a wish to create a place that would offer a spiritual home to people of all traditions: In 1992 they made a gift of the land and buildings to a charitable trust dedicated to making the Buddhist teachings of meditation, compassion and wisdom available to the modern world. In June 1993 Harriet died of cancer at the age of 44. Her death inspired the development of the Spiritual Care Education Programme and the building of the Care Centre at Dzogchen Beara.“

Kein Wort über Sogyal Rinpoche. Keine Zeile mehr über den berühmten Spiritual Director, seine 30 Jahre währende Präsenz auf den berühmten Klippen bei Allihies. Alles ist vergänglich. Irgendwann auch der Verdrängungs-Reflex der buddhistischen Gemeinde. Zahlen sind Schall und Rauch. Eigentlich sollte dieses Jahr 2017 in Dzogchenbeara ein Jahr der Freude sein: Der spirituelle Chef wurde 70, das Zentrum auf den Klippen 30 Jahre alt. Stattdessen verwüstete der offene Brief von acht langjährigen Rinpoche-Schülern die buddhistische Landschaft von Rigpa mit der Macht eines Kategorie-4-Hurricanes. Der Druck auf den Kesseln von Rinpoches allzu weltlicher Seelenheil-Fabrik war zu groß geworden. Nach dem Brief der Acht an ihren alten Meister ist nichts mehr wie es war. Schockwellen erschüttern das gesamte Buddhismus-Land.

Die Vorwürfe der Acht gegen Rinpoche sind gravierend:

1. Körperliche Gewalt, emotionaler und psychischer Missbrauch von Schülern.

2. Sexueller Missbrauch von Schülern (genauer: Schülerinnen).

3. Ein verschwenderischer, gefräßiger und genuss-süchtiger Lebensstil.

4. Unwahrhaftigkeit. Verstöße gegen die buddhistische Ethik und dadurch Beschädigung der religiösen Überzeugungen der Schüler.

Die Vorwürfe, der Brief der Acht im Wortlaut, Rinpoches Antwort und die Reaktionen der buddhistischen Welt können im Detail nachgelesen werden: Hier alle Fakten.

Ich besuche Dzogchenbeara, den stillen Ort auf den Klippen von Garranes sehr gerne. Es ist ein heiliger Natur-Ort. Ich habe Rinpoche dort kennen gelernt. Ich sah, wie er sich mit all den schönen jungen Frauen umgab. Ich erlebte seine Launen, wie er die Mitarbeiter des Zentrums unbeherrscht, aggressiv, selbstgerecht und selbstherrlich bloß stellte, maßregelte und demütigte. Wie sich all die, die an ihn glaubten gehorsam und erherbietig vor ihm verbeugten, oft unterwürfig duckten. Ich staunte über Rinpoches askese-ferne Leibesfülle, die von einen ausgeprägten Hang zu den schönen Dingen des Lebens erzählte. Ich war in den Augen der Gläubigen ein Unwissender, der nichts verstand von Crazy Wisdom, der verrückten Weisheit, mit der der unkonventionelle Lehrer seine Schäfchen auf dem rechten Pfad zum Licht führte. Ich habe auch das Charisma dieses Mannes erfahren. Seine Fähigkeit, andere in seinen Bann zu ziehen und ihre Herzen zu öffnen. Seine warme mitfühlende Energie, die er Menschen schenkte.

Dzogchenbeara, der stille Ort auf den Klippen von Garranes, bleibt ein heiliger Natur-Ort. Er kommt gut ohne Rinpoche aus. Das mag ihn von den Menschen, die dort leben und arbeiten, unterscheiden. Die Menschen von Garranes und die Community, die Sanga, sind im Innersten erschüttert. Jahrzehntelang haben sie den Meister geliebt und gehasst, sein willfähriges Regime erduldet, mit getragen und nach außen verteidigt. Jetzt ist der Meister weg. So weit weg, dass nicht eine einzige Zeile auf der Dzogchenbeara-Website von ihm, seinem Ruhm und seinen Abwegen kündet. Doch die Menschen von Dzogchenbeara werden ihn auch mit Schweigen und Verdrängen nicht los. Er ist in ihnen. In jedem Einzelnen.

Der tibetische Götterhimmel

Der Dalai Lama hat seinen guten alten Freund Sogyal Rinpoche mittlerweile öffentlich kritisiert und sich von ihm distanziert. Andere buddhistische Leuchtsterne haben ihre Stimme erhoben und den Daumen gesenkt. Seitdem wird an Sogyal Rinpoche auch öffentlich alles in Frage gestellt. Aus Rinpoche, dem Kostbaren, ist wieder Sogyal Lakar aus Kham geworden. Hat er das bekannteste Buch über den tibetischen Buddhismus, den Millionen-Besteller Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben“ überhaupt geschrieben? Ist er wirklich eine Re-Inkarnation eines bedeutenden Lamas? Hat er wirklich in Cambridge länger als ein Jahr studiert? Hat er wirklich eine profunde Ausbildung in den Lehren des Buddhismus?  Oder ist er nur ein besonders cleverer Guru-Darsteller?

Es scheint die Zeit gekommen, dass der einst Kostbare nun von dem buddhistischen Weltrettungs-System, das so lange von ihm profitiert hat und das ihn so lange getragen hat, ausgespuckt wird. Der einstige Rinpoche hat jedenfalls mitgeteilt, dass er alle Ämter niedergelegt habe und sich auf unbestimmte Zeit ins Retreat abmelde, wo er in sich gehen wolle. Wo immer dieses Retreat liegt: Sogyal Rinpoche muss damit rechnen, dass demnächst Polizisten an seiner Tür anklopfen werden, um ihn dem illusionären System irdischen Rechts zuzuführen.

Vor acht Jahren, am 6. Juli 2009, schrieb ich hier auf Irlandnews über Sogyal Rinpoche und den anschwellenden Konflikt unter der Überschrift Die alten Geschichten vom libidinösen Lama:

„Die Unschuldsvermutung jedenfalls gilt auch in Irland und auch für Rote Roben – zumindest solange, bis es eine Verurteilung durch ein ordentliches Gericht gibt. Bis heute gibt es diese nicht. Aber was nicht ist, kann noch werden. Wo sind all die Frauen, haben sie den Mut, aus der Deckung zu treten, und der Wahrheit die Ehre zu geben? Sie haben dafür, wie man beim amerikanischen Buddhismuslehrer Jack Kornfield lesen konnten, sogar die ausdrückliche Unterstützung des Dalai Lama.
 
Für Sogyal Rinpoche – mittlerweile ein Mann im fortgeschrittenen Alter – wäre es derweil an der Zeit, die Karten endlich selber auf den Tisch zu legen und sich zu erklären. Die Vorwürfe stehen seit 15 Jahren im Raum – der Lama und seine Organisation Rigpa tabusieren das Thema seitdem, allerdings mit nur mäßigem Erfolg. Wer den kleinen, bisweilen launischen, manchmal giftigen und zeternden Buddhismuslehrer studiert hat, wer um seine Distanz zur Askese und seine Nähe zu irdischen Genüssen weiß, der weiß auch, dass dieser Mann kein Heiliger ist. Er ist ein heller Stern mit einem großen dunklen Fleck – ein brillianter Lehrer und Übersetzer des Buddhismus, ein Mittler der Kulturen, ein Mann, der mit seinem Engagement vielen Menschen weltweit Hilfe und Trost in schweren Lebenssituationen geleistet hat, der tiefe Einsichten in die menschliche Existenz vieldimensional erklären kann – auch ein ganz profaner, dicklicher Mann mit Schwächen und roter Arbeitskleidung, und möglicherweise ein „Schweinsack“. Sag an, Mann im roten Gewand.“

Der kleine Mann in der roten Robe hat nichts angesagt. Er hielt sich offensichtlich für unangreifbar. Auch das eine Illusion.

Viele Menschen, die im Buddhismus und in anderen mystischen Lehren das Göttliche in sich selbst suchen, sind an anderen Menschen gescheitert. An Menschen, die erfolgreich den Eindruck erweckten, diesem Göttlichen ein Stück näher zu sein als alle anderen – sei es aufgrund ihrer Profession, ihres Charismas oder ihrer tiefen Einsichten.  Andrew Harvey heißt der Mann, der wesentliche Teile von Sogyal Rinpoches Tibetischem Buch vom Leben und vom Sterben geschrieben hat. Der Engländer erkannte schon in den 90-er Jahren, wohin das Guru-System führen wird: Ins Abseits. Andrew Harvey wandte sich früh von Rinpoche und all den anderen spirituellen Anführern und Mitmenschen im Auftrag des Göttlichen ab. Er erinnerte daran, dass das Göttliche in jedem Menschen selber liegt und dass es einen direkten Weg dorthin gibt. Ohne den Umweg über Gurus und Priester.

Alles ist vergänglich. Sogyal Lakar aka Rinpoche mag Trost im Gedanken finden, dass auch die Erinnerung an sein Versuchen, Verführen und Scheitern eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft vergessen sein wird. Sie wird sich auflösen wie eine feine weiße Wolke im blauen Himmel über dem Nordatlantik.

Von | 2017-09-14T13:06:51+00:00 14. September 2017|0 Kommentare

Über den Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus und seiner irischen Outdoor-Firma Wanderlust können Sie Irlands faszinierende Natur von den schönsten Seiten erleben.

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