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Wildnis-Burger mit Selfie an Galgen 47

Irland Westküste

Was ist wild am Wild Atlantic Way in Irland? Vorgestern hatten wir hier auf Irlandnews ein paar Fotos von den neuen Wegweisern entlang der irischen Westküste gezeigt und dazu bemerkt:

Ja was ist denn das? Es ist rostig, es ist 5 Meter hoch, es steht mitten in der sccönen Aussicht, und es sieht aus wie ein Galgen. Über den Winter wuchsen an 188 Orten an der irischen Westküste seltsame Gebilde aus rohem Eisen aus dem Boden. Sie stehen eindeutig an den landschaftlich schönsten Orte an der Atlantikküste, die jeder Fußkranke mit dem Auto erreichen kann. Besucher von Irlands wildem Westen werden sie nicht verfehlen.

Die Fakten: In den vergangenen Monaten haben die Lokalverwaltungen im Auftrag der Tourismusbehörde Failte Ireland an 188 Orten an Irlands Atlantikküste 3,5 bis 5 Meter hohe Markierungspfähle samt Info-Displays aus Rohstahl aufgestellt. Die von weit her sichtbaren Masten tragen den Namen des Ortes und das Wild Atlantic Way Logo. Die Form der zwar rostenden und dennoch wetterfesten Masten, die von Designern der Paul Hogarth Company in Belfast entwickelt wurden, erinnert an einen Galgen ud könnten auch in Corks Fußgängerzone stehen. Diese eisernen Photo Points an den 188 schönsten, markantesten, wichtigsten oder interessantesten Stellen der Westküste sollen Besucher des Wild Atlantic Way darauf hinweisen, wo es sich lohnt anzuhalten und ein Foto von der Landschaft zu machen. Der Markierungsmast soll selber Teil des Fotos werden, indem er dieses einrahmt. Ein Hilfsmittel für Besucher also. (Zumindest so wollen es die Verantwortlichen).

WAW Pfeiler Donoeen

Wild Atlantic Way (Wilde Atlantik Straße) ist der vor drei Jahren kreierte Vermarktungs-Name für das, was immer schon existierte: Irlands Westküste am Atlantik. Irlands Regierung investierte in den vergangenen zwei Jahren zehn Millionen Euro, um die auf 2.500 Kilometer Länge addierten Straßen und Sträßchen an der Atlantikküste zwischen Donegal im Norden und Cork im Süden mit über 10.000 Hinweisschildern und Wegweisern als Wild Atlantic Way zu markieren — und die Natur der Atlantikküste somit als Marke zu kapitalisieren.

Die Reaktionen von Irlandnews-LeserInnen auf die Eisen-Masten: Von Oh no . . . über Gruselig und Grauenhaft bis Einfach nur schade . . .  Nur die seit vielen Jahren in Irland lebende Autorin Petra Dubilski will nicht in den Chor der Entrüsteten einstimmen. Sie kommentiert:

 

„Thank god for the tourists.“ Das höre ich überall von Leuten an der Westküste. Der Atlantic Way ist eine großartige Initiative des Tourist Board. Er führt Touristenlämmer in Gegenden, die dringend Touristen benötigen. Und leider brauchen Touristen Wegweiser und Initiativen (und Reiseführer), um ihre Tour zu finden. Das ist der moderne Tourismus. Und Tourismus ist nicht nur ein Geschäft, sondern auch Lebensunterhalt für Menschen auf der Strecke. 

Über die Kosten für die Schilder und die Promotion rege ich mich nicht auf. Ich kenne sie nicht („It could be worse“, wie man in Irland sagt). Aber wenn es darum geht, Irland als Touristenziel neu zu erfinden und damit das Einkommen der Leute zu erhöhen, halte ich eine gute Investition immer für lohnenswert.

Ich habe diese Wegweiser bislang nicht live gesehen, aber ehrlich, ich finde sie toll. Es ist Kunst im Gegensatz zu simplen Wegweisern. Und ich mag das Design. Es ist urban, corporate und doch themenbezogen und Irisch. Ein symbolischer Minimalismus, den ich auch als Kunst ins Wohnzimmer stellen würde.

Ich finde die Dinger passend zum modernen Irland. Und ich fände es passend, wenn Irlandromantiker auch mal an den Erhalt des touristischen Irland denken würden. Es sind Existenzen, die davon abhängen. Geht mit der Zeit. Irland ist doch kein Disney Park, oder?

 

Gute Sichtworte: Urban, Disney Park, Irlandromantiker. Man kann leicht die Nase rümpfen oder ein schnelles Oh no . . .  hinschreiben, wenn man seine Meinung nicht begründen muss, und vor allem: Wenn man nicht selber im Land lebt. (Interessant allerdings ist, dass der Protest gegen die Eisenpfeiler in Donegal oder Connemara bislang von Einheimischen kommt. Sie fühlen sich übergangen und von der urbanen Ästhetik brüskiert.) Wir neigen alle dazu, als Urlauber eine Pause von unserem Alltag zu nehmen und unsere Sehnsüchte auf die besuchte Region zu projizieren. Wir sehen dann, was wir sehen wollen und verteidigen, was wir sehen, als echt und authentisch.

Der Alpinist Reinhold Messner sagte kürzlich, die Urlauber strömten in den Vergnügungsraum Alpen, um dort eine Gegenwelt zu phantasieren und zu simulieren und dabei doch genau das Leben weiter zu leben, das ihnen von zuhause vertraut ist. Nur mit anderen Bildern. Natur-Tapete statt Natur-Erfahrung sozusagen. Was auch im Urlaub zählt, sind risikofreie Vergnügung und maximaler Komfort. Lifte mit Hintern-Heizung, Mega-Livekonzerte an der Skipiste, die sensationellsten super-sicheren Klettersteige für den Turnschuh-Touristen.

In den Alpen hat der Mensch längst die Oberhand über die Natur gewonnen und industrialisiert diesen einzigartigen Naturraum nun systematisch nach dem Rummelplatz-Konzept zugrunde. Das Gleichgewicht von Natur und Kultur ist aufgrund der entfesselten privaten Profitorientierung verloren gegangen. Genauso markiert die Vermarktung von Irlands Westküste als Wild Atlantic Way einen denkwürdigen Wendepunkt im Irland-Tourismus — und die 188 Eisenpfosten sind das Symbol dieser Wende.

:: Erstmals zielt das Land systematisch, professionell und hemmungslos auf den touristischen Massenmarkt: Umsatz, Zuwachs, Profit, Erfolg um fast jeden Preis. Eine neue Dimension.

::  Die Wildheit der irischen Westküste wird zum Vermarktungskonzept erhoben und gleichzeitig domestiziert. Wildnis als Kuschel-Erlebnis mit Sitzheizung. Noch ist Irlands Kapital, das es von vielen anderen Regionen unterscheidet, seine ursprüngliche Natürlichkeit. Man blickt über die unberührte Küstenlandschaft und erlebt das Gefühl, der erste Mensch jemals zu sein, der diese vermeintlich natürliche Landschaft betrachtet. Eine tiefe Erfahrung von Freiheit, Erhabenheit, Frieden. Die urbanen Eisen-Pfosten werden uns künftig daran erinnern, wo wir das Foto zu machen haben. Sie nehmen uns die Regie und die Verantwortung für das Erleben aus der Hand. Sie führen uns die Hand zum Zündschlüssel, zum Türöffner, zum Kamera-Auslöser.

:: Die 188 design-gestylten Photo-Pfosten, die Foto-Rahmen für Irland-Urlauber,  sehen wirklich nicht schlecht aus. Nur deplaziert. Sie sind ein urbanes Statement in der Naturlandschaft. Sie symbolisieren die Unterwerfung der Landschaft unter den Imperativ der kommerziellen Verwertung. Das Produkt heißt Wildnis in Tüten, leicht zu konsumieren wie eingedoster Zuchtlachs. Aus einem Vier-Gänge-Menü sinnlicher Erfahrung wird Fast Food: der Wildnis-Burger, inklusive Selfie an Wildnis-Galgen 47.

::  Tourismus neigt immer dazu, seine eigenen Grundlagen zu zerstören. Der Natur liebende Urlauber konsumiert und zerstört die Natur, je mehr er in Massen mit hohen Ansprüchen auftritt. Aber gerade, weil wir das wissen, können wir einen behutsamen Ansatz wählen, um die Balance zwischen Natur und Kultur, zwischen Natur und Geschäft zu bewahren. Was nichts anderes heißt, als auch unseren Kindern und Enkeln noch einen Teil des Kuchens zu gönnen und nicht gierig alles selber abzuräumen.

:: Irland ist noch kein Disney Park. Aber Irland ist auf dem Weg dort hin. Zugegeben: Was Irland-Fans bislang an diesem Land mochten und schätzten, muss nicht mit den Vorlieben der neuen Urlauber-Generationen überein stimmen. Und vielleicht hat Irland als Urlaubsland nur eine Zukunft, wenn es sich zum Themenpark „Wilde Natur am Atlantik“ wandelt. Und doch hat Irland die Chance, aus den gigantischen Fehlern anderer Regionen zu lernen. Zum Beispiel von den Alpen am Abgrund. Die Mittel sind: Augenmaß, Selbstbeschränkung, Gemeinschafts-Orientierung und Weitsicht.

Wild ist die Atlantikküste. Vom Vermarktungskonzept Wild Atlantic Way dagegen erwarten wir etwas Anderes: Besonnenheit und kluge Selbstbeschränkung. Was ist Deine Meinung? Wir bleiben dran am Thema. Demnächst mehr.

Viewpoint Lough Hyne

(c) Fotos: Irlandnews.com

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Von | 2017-04-04T10:50:25+00:00 13. März 2016|8 Kommentare

Der Autor:

Autor, Journalist und Wanderer. Lebt in Glengarriff im Südwesten Irlands. Mit Markus kann man in Irland wandern gehen: www.irland-wandern.de

8 Kommentare

  1. Tina 13. März 2016 um 16:33 Uhr- Antworten

    Ich habe ja nichts gegen Tourismus-Förderung, bin ja selber ein Irland Tourist und das gerne !!
    Aber diese rostige „Galgen“ ne, die müssen es nun doch nicht sein, aber :über Geschmack lässt sich ja trefflich streiten….
    Ich werde dann dieses Jahr mal Ausschau halten und mir vor Ort ein Bild davon machen, aber garantiert kein Selfie…dieser Spielart kann ich nichts abgewinnen….aber auch drüber könnte man unendlich diskutieren 😉

    Gruß Tina

  2. Petra Dubilski 14. März 2016 um 1:00 Uhr- Antworten

    Markus, wir beide sind privilegierte Irlandbewohner, wir leben mehr oder weniger beruflich und finanziell autonom in einem Land, das Schönheit pur bietet und können hier unseren jeweiligen Traumjob verwirklichen. Beide leben wir in gewisser Weise von der Unberührtheit unserer Wahlheimat und promoten sie. Wir sind, wenn ich so sagen darf, die Ausnahme, nicht die Regel.

    Aber es gibt diese Realität in einem politischen und wirtschaftliche Klima, das sich zerreißt zwischen unberührter Natur und existenzieller Notwendigkeit. Das ist ein sehr dünnes Seil, auf dem eine Nation balanciert.

    Irland hat das in der Vergangenheit nicht geschafft. Die Fehler sind viele – ich denke nur an die Cliffs of Moher in meinem County, das wirklich zum Touristen-Abzock-Park verkommen ist. Ist aber ein touristischer Erfolg und tut zumindest ökologisch nicht weh, im Gegenteil. Manchmal muss Natur auch durch kommerzielle Kontrolle geschützt werden. Na ja, im Prinzip.

    Aber: Wir dürfen die wirtschaftlichen Bemühungen des Tourist Board (ein enormer Wirtschaftsfaktor) nicht einfach so abtun. Die Leute haben gelernt, langsam, aber allmählich und mittlerweile recht erfolgreich, was Tourismus angeht. Sie versuchen Geschmack in den ganzen Zirkus zu bringen. Und das ganze Konzept des Atlantic Way sorgt dafür, dass kleine Unternehmen, von B&B bis zu Pubs, auf ihre Kosten kommen und somit für eine Existenzgrundlage sorgen.

    Den Atlantic Way gab es im Prinzip schon immer – die Straßen und Sträßchen von Kinsale bis Malin Head. Bin ich selbst alles abgefahren als die Straßenbeschilderung noch eine Katastrophe war.
    Ich fand’s toll, habe dadurch viel entdeckt, was jenseits der Touristenroute liegt (bin aber auch berühmt dafür, mich ständig zu verfahren – was mich in Ecken gebracht hat und noch bringt, die nie ein Tourist gesehen hat – und keiner sehen will).

    Aber gibt es nicht auch massenhaft Touristen, die sich ständig über die schlechte Beschilderung beschwert haben?

    Was die urbane Deplazierung dieser „Galgen“ im ländliche Raum angeht: Der einstige „Bungolow-Blitz“ mitten in der Pampa oder die „Southfork Ranch“ in jedem Dorf während des Booms sind weitaus hässlichere Auswirkungen des schlechten Geschmacks,

    Von den Fotos her finde ich die Galgen immer noch gut – und sei es deswegen, dass sie zu Diskussionen Anlass geben. Mir auch Fantasien, was man da alles dranhängen kann. Ich hätte gerne so ein Ding für meine Schalsammlung … oder für einen katzenfeindlichen Birdfeeder … oder für einen Hängeblumenkasten … oder für dämliche Selfies …

    Ist das nicht das Anliegen von Kunst? Kontroverse, Ideen und Fantasien der Betrachter?
    Dann: well done, dear Tourist Board!

  3. Annette Bauta 14. März 2016 um 20:00 Uhr- Antworten

    Hallo,
    als ich im letzten Jahr zum ersten Mal von diesem Vorhaben gelesen habe, war ich gerade von meinem 10. Irland-Urlaub zurückgekommen und glaubte meinen Augen nicht zu trauen. Auch wenn damals noch nicht die genaue Summe dieser ‚Investition‘ genannt wurde, war schon klar, dass hier geklotzt und nicht gekleckert wurde, soll heißen, eine Menge Geld würde ausgegeben werden, für etwas, was ich noch nicht einmal als schön empfinden konnte, (Mir kam auch sofort die Assoziation mit einem ‚Galgen‘ in den Sinn.) Mich hat dabei am meisten geärgert, dass es viel sinnvollere Anliegen gibt, die mit solchen Beträgen finanziert werden könnten. Und zwar ganz im Sinne des Tourismus. Wer jemals als Individualtourist durch Irland gefahren ist und auf häufige Toilettenstopps angewiesen war, weiß wovon ich rede. Die Anzahl öffentlicher ’stiller Örtchen‘ hat sich seit unseren ersten Busreisen nicht wesentlich erhöht und schon damals haben uns die Reiseleiter häufig klammheimlich durch verborgene Hotel-Nebeneingänge geschleust.
    Ich begrüße die touristische Entwicklung, die Irland in den letzten Jahren genommen hat und ich genieße es, von Schildern geleitet zu werden, wo man vor 5 Jahren seinen Weg erahnen musste. Aber zu einem erfolgreichen Tourismuskonzept gehört m.E. auch, dass man Basisbedürfnisse der Besucher befriedigt.
    (Ich habe übrigens beim Tourist Board angefragt, wie die Planungen diesbezüglich aussehen. Und ich habe sogar eine ganz, ganz nette Antwort bekommen, inklusive der Pläne für die nächsten 5 Jahre. Schon beeindruckend, ich glaube hier in Deutschland hätte man sich nicht in die Karten schauen lassen.)

    Trotzdem stehe ich der touristischen Entwicklung mit gemischten Gefühlen gegenüber, unsicher ob es für Irland wirklich gut ist, sich in ein Klischee seiner selbst zu verwandeln. Bisher waren die meisten Touristen, die ich dort getroffen habe, doch ganz glücklich, dass nicht alles perfekt war. Und dass man bisher noch selbst entscheiden durfte, wo man seine Fotos geschossen hat.

    Werde mir die Teile in diesem Sommer anschauen und danach entscheiden, ob ich nach einem neuen Urlaubsziel Ausschau halte – so ohne Galgen an den Küsten.

  4. Dieter 15. März 2016 um 7:03 Uhr- Antworten

    Ich kann Petra nur zustimmen…
    Beim ersten lesen des Artikel war ich zunächst auch schockiert. Lag wohl an der tendenziösen Aufmachung ;-). Oder doch an meiner altersbedingten, latenten konservativen, Grundeinstellung?

    Der Kommentar von Petra hat mir eine erfrischen offene Betrachtung gezeigt. Wir sollten Veränderungen nicht reflexartig ablehnend begegnen, sondern sie vielleicht wie mit Kinderaugen erst einmal als Bereicherung sehen. Als Tourist (welcher Art auch immer) steht es mir nicht zu über das Verhalten der Einheimischen die Nase zu rümpfen. Ich besuche kein statisches Museum, sondern ein lebendiges Land, dessen Wandel und gesellschaftliche Entwicklung ich akzeptieren muss. Was nicht bedeutet, dass ich diese immer gut heiße.

    Letztendlich werden die nachfolgenden Generationen jeweils ihren eigenen Blick auf die Entwicklung werfen.

    Ob hierfür oder doch besser für andere Dinge sooooviel Geld ausgegeben werden muss, halte ich grundsätzlich für eine wenig hilfreiche Frage. Der Rubel muss rollen… wie es so schön heißt. Unsere Wirtschaft ist darauf aufgebaut Geld zu bewegen. Solange es möglichst viel mit möglichst geringem Schaden ist, finde ich das gut. In diesem Sinne sind die Wegweiser gut ausgewählt. „Teuer“ und durch den nackten Stahl auch vergänglich.

    Ich persönlich empfinde diese Wegweiser in der Landschaft auch durchaus dezenter, als es eine Batterie DIXI-Klos für Bustouristen je sein könnte.

  5. Markus Bäuchle 16. März 2016 um 8:02 Uhr- Antworten

    @ Petra: Ich fühle mich privilegiert, diese atlantische Luft atmen zu können und den weiten Blick auf Berge und Atlantik Tag für Tag genießen zu dürfen. Angesichts des sehr ordentlichen Wohlstands und Lebensstandards von zwei Dritteln der Irinnen und Iren fühle ich mich allerdings überhaupt nicht privilegiert. Dass es einem Drittel deutlich schlechter geht, ist ein Skandal, ein Verteilungsproblem und am Ende politisches Versagen.

    Ich beschäftige mich seit 30 Jahren — auch beruflich — mit dem Phänomen des modernen Tourismus und betreibe bekanntlich selber einen Wanderreiseveranstalter. In diesen 30 Jahren habe ich in zahlreichen Ländern erfahren, wie ein zügelloser Tourismus seine eigenen Grundlagen konsumiert und sie – Hand in Hand mit der „Rest“-Ökonomie – innerhalb weniger Jahrzehnte fast völlig beseitigt. Natur wird in Kapital verwandelt: In Beton und Asphalt, in eine Ware, in Events. Es scheint wirklich ein Naturgesetz zu sein, dass Länder, Regionen, oft auch Menschen, nicht aus den Fehlern anderer lernen können. Der zerstörerische Kreislauf wiederholt sich.

    Es geht deshalb überhaupt nicht um die Galgen. Es geht um die Zukunft. Du siehst nicht, wie sich gerade die nächste große Welle eines Tiger-Tsunamis auftürmt? Augenmaß, Behutsamkeit, die langfristige Sicherung unserer Lebensgrundlagen, alles schon wieder komplett vergessen – und der Tourismus spielt dieses Mal ganz groß mit.

    Das Konzept des Wild Atlantic Way ist eigentlich ein geniales Konzept: Es ist einfach zu vermitteln, es ist attraktiv, es nutzt, was schon vorhanden ist, und es ermöglicht und stärkt viele Existenzen im ländlichen Raum. Nun müssen die treibenden Kräfte hinter dem WAW das Konzept nur noch ernst nehmen und wirklich das vermarkten und gleichzeitig beschützen, was sie versprechen: Wilde Natur — und eben nicht touristisches Fast Food.

    Angesichts der aktuellen politischen Prioritäten (kriegerische Konflikte und Migration) geraten die größten Probleme dieser Erde und seiner Bewohner mal wieder gehörig ins Hintertreffen: die Zerstörung unsres Planeten durch eine zerstörerische Wirtschaft und ungebremstes Bevölkerungswachstum. Natürlich müssen alle Menschen von etwas leben, aber die alten Antworten, wie das gehen soll, einfacherweise immer schon die Transformation von natürlichen Ressourcen in Kapital und Profit, führen uns immer tiefer in eine ausweglose Lage. Wir müssen neue Lösungen denken und praktizieren — da hilft wenig, den Gang der Dinge einfach großzügig und ganz tolerant wie mit neugierigen Kinderaugen zu akzeptieren.

    @ Dieter: Toleranz ist immer gut, man ist dann auch moralisch ganz schnell fein raus. Was man nicht gut heißt, muss man allerdings nicht zwangsläufig dennoch akzeptieren. Man muss es vielleicht hinnehmen. Und ja: Es gibt einen Unterschied zwischen Liberalität, Gleichgültigkeit und kindlicher Nichteinmischung.

    Vor allem aber: Als Europäern in Europa steht es uns sehr wohl zu, mit den Einheimischen über den richtigen Weg zu diskutieren und zu streiten. Und es steht uns noch nicht einmal deswegen zu, weil die Schilder des Wild Atlantic Way auch von Deiner Steuerkohle finanziert sind. Es steht uns zu, weil es in dieser Welt des 21. Jahrhunderts kein Geburts- und Boden-Vorrecht mehr geben kann. (Es sind im übrigen Einheimische, die die neuen Stahlständer kritisieren. Ich selber weise nur auf die Symbolik hin, die in diesen Stahl-Markern steckt. Sie zeigen, in welche Richtung die Entwicklung geht).

    Gut, mal wieder darüber geredet zu haben 😉

  6. Madeleine 23. März 2016 um 0:15 Uhr- Antworten

    Ich habe mit vielen Einheimischen gesprochen und ihre Meinung eingeholt in Bezug zu den „rostigen Galgen, die den geliebten und gewohnten Blick ENTARTEN“. Ich hörte oft die Worte „Saw“, „Night“ und „for fuck sake what were they thinking“. Wenn ich es als Designer betrachte, erkenne ich durchaus das Konzept, das Brainstorming vieler kreativer Köpfe. Wie entwickelt man ein aussergewöhnliches Schilddesign, das gut von der Ferne zu sehen ist, mit den Wetterbedingungen gut umgeht und einen Twist hinzufügt und die Selfiekultur motiviert. Auf einem Stück Papier haben sie durchaus eine gute Lösung gefunden, da Rost teil des Designs wurde und in die Landschaft sich anpasst, da das Logo weit in den Himmel ragt und so gut zu sehen ist, da der Titel des Aussichtspunkt nicht wegrosten kann und da jeder erkennen wird, dass es wie ein Bilderrahmen funktioniert wenn man sich daneben stellt und ein Selfie macht. Es durchbricht die übliche Form der Beschilderung von Aussichtspunkten und enthält somit einen künstlerischen Kreativanteil. Was auf dem Blatt gut aussieht, entartet leider in Wirklichkeit die Landschaft der Westküste. Durch uralte kulturelle Prägungen kann ich mich nicht der Assoziation eines Galgens entziehen. Wenn ich an den Aussichtspunkten vorbei fahre, schweifen meine Augen nicht mehr über die traumhafte Landschaft sondern hängen an einem rostig aggressiven Stahlpfeiler fest. Es wurde viel Gelder und Gedanken in dieses Projekt gesteckt und es war gut gemeint und wollte dem Auge schmeicheln. Leider ist es wie ein Dorn im Auge. Sie haben einen einzigen Fehler gemacht. Der rechte Winkel ist schuld. Hätten sie einfach einen Pfeiler installiert, das WAW logo oben drauf… wir reden hier über eine völlig andere Installation, mit der ich durchaus leben kann. Wer weiss schon: „Saw“ und „Night“ und eine Schraube können das Millionenunterfangen vielleicht noch retten ( ; Vielleicht kommen die Designer selbst ja noch zur Vernunft.

    …. Danke, das macht dann 4999 Euro bitte 😀

  7. Christian 20. Juli 2016 um 9:00 Uhr- Antworten

    Bin gerade am sortieren der Bilder vom April, ich muß sagen die „Galgen“ machen sich teilweise gar nicht so schlecht, und die Rost-Optik hat was. Wie so oft, über Geschmack lässt sich streiten.

    Viele Grüße
    Christian

    • Markus Bäuchle 20. Juli 2016 um 11:01 Uhr- Antworten

      Das ist ja das Schöne, dass wir nicht alle einer Meinung sind (und auch nicht – siehe aktuell Türkei – sein müssen).
      Alles Gute, Markus.

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