082 :: Marina Market, Cork
Ich kann das Zetern und Lamentieren über den orangefarbenen Möchtergerndiktator nicht mehr hören. Auch Trump wird vergehen. Aus dem Niedergang wird die neue Welt wachsen. Das Böse provoziert das Gute herbei. Das Ende trägt den Neuanfang in sich. Vor ein paar Tagen schlenderten wir erstmals über den Marina Market in Cork. In einer riesigen alten Lagerhalle der Southern Fruits Distribution Company in den Docklands haben findige Unternehmer einen riesigen Fresstempel der anderen Art eingerichtet. Hierhin, zum Kennedy Quay, einen Kilometer östlich vom Stadtzentrum, strömen an den Wochenenden tausende Menschen, unter der Woche hunderte, um etwas zu essen oder Tee und Kaffee zu trinken. Sie haben die Wahl. Über 30 Stände bieten ihr Fast Food aus fast aller Welt an. Neben dem typisch irischen Heiß-und-Fettig kann man sich Koreanisch, Südamerikanisch, Italienisch, Arabisch, Soulfood, Fleisch, Vegetarisch oder Vegan auf die Papp- und Plastikteller laden. Die Gäste sitzen zwanglos an den vielen Tischen, auf Sofas, drinnen, bei schönem Wetter draußen. Der Konsumdruck ist gering. Es gibt keine Reservierungen – und keinen Alkohol. Unter dem Dach der alten Lagerhalle finden Events statt, kleine Konzerte, Nachmittage für Kinder, Flohmärkte.
Die Leute von Cork lieben den Marina Market in der weitläufigen Handelsbrache an der Mündung des River Lee. Er ist eine Befreiung vom ewig Gleichen: dem Pint-Stemmen in dunklen, stinkigen Kaschemmen, dem Tafeln in den ewig gleichen Lokalen. Der Marina Market schenkt Cork einen Treffpunkt, einen öffentlichen Raum für Begegnungen, einen dritten Ort der Gemeinschaft, wie er selten geworden ist in unseren Städten, in denen jeder Quadratmeter kommerziell ausgebeutet wird. Hier in den aus der Zeit gefallenen Docklands gibt es viel Platz, zum Spazieren, zum Herumsitzen, auch zum Parken. Langsam frisst sich die profithungrige Stadt in Richtung der alten Hafenanlagen; die ersten Silos und Lager sind gefallen und machen Wohnungen und Büros Platz. Der Marina Market scheint erst mal sicher. Er macht aus Cork eine freundlichere Stadt – er hilft, die Wunden schlimmer Jahre zu heilen.
Der Marina Market hat seine Existenz einer dunklen Zeit zu verdanken, den traumatischen Corona-Jahren. Er öffnete seine massiven Rolltore im September 2020, als ganz Irland geschlossen war und die Iren in ihrer Verzweiflung die Orte vor der Tür für sich entdeckten. Es entstanden Straßen-Cafés, Bordstein-Restaurants, Biergärten – und der Marina Market, ein weitläufiger Food Market, wo sich die Menschen trotz der geforderten „sozialen Distanzierung“ begegnen konnten. Leid schuf Freude – und für die Geschäftsleute Überlebens-Möglichkeiten. Als die Stadtverwaltung den provisorischen Markt nach der Pandemie schließen wollte, gingen die Leute von Cork auf die Barrikaden. In wenigen Tagen sammelten sie 20.000 Unterschriften gegen die Schließung. Die Behörden musten einlenken. Die Entscheider, dort im Rathaus, sie mögen sich gefragt haben, wem diese Stadt eigentlich gehört.
Ortskoordinaten: 51°53’56.6″N 8°27’07.0″W
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Alle Fotos: Markus Bäuchle



Geiler Kommentar und eine super Beschreibung für den Marina Market. Wir waren vor ein paar Tagen dort, und sind begeistert. Unkonventionell & alles, was der Mensch so braucht.
Aha, da war ich in Cork ja auch noch nicht… das wird mal eines unserer nächsten Ziele … Danke Markus…
Aber, es ist glaube ich zumindest , nicht nur ! das: „etwas Anderes als… dunkle Kaschemmen“ … denn es gibt in Cork so viele wunderschöne größere und kleinere Restaurants in denen man wunderbar beisammen sitzen und geniesserisch essen und quatschen kann… wirklich schwierig wird’s aber oft mit Parkplätzen in der Nähe… selbst die – oftmals supereng in der Ein- und Ausfahrt aber zumindest – im Zentrum vorhandenen Parkhäuser sind oft voll um diese Zeit… da ist es einfach für alle sehr entspannt in den Docklands zu parken und dann dort auch gleich noch diesen Treffpunkt zu haben… das mag auch ein Grund sein, warum der Marina Market so stark frequentiert wird denn Parkplatzsuche in Cork kann ziemlich nervig sein (und da will man ja z.B. nicht gerade die ganze Mittagspause für verplempern) …
ich finde es super, dass die Irländer von Cork so fest zusammen standen um diesen Marine Market zu retten.
Die Stadt gehört schliesslich ganz klar der Bevölkerung, und nicht der Stadtverwaltung.!
Das ist doch super, möchte ich mir ansehen beim nächsten Mal in Cork!
Schön, dass es in Cork solch einen Treffpunkt gibt.
In Freiburg hinter dem Martinstor, gibt es auch einen Treffpunkt dieser Art, die „Markthalle“.
Ich besuche sie gelegentlich mal, wenn ich dort in der Stadt unterwegs bin. Da gibt es auch internationale Gerichte, z.B. afghanische, afrikanische, indische usw…. Ist natürlich die Anlaufstelle für viele, die in der Stadt arbeiten und dann Mittagspause machen… dementsprechend voll ist es dort zur Mittagszeit.
Ich vermute mal, dass dieser Treffpunkt zur Corona – Zeit nicht geöffnet hatte, weil hier die Maßnahmen noch strikter waren.