„Poesie beginnt dort, wo Sprache beginnt:
In den Schatten und Unfällen des Lebens eines Menschen.“

Eavan Boland

Heute wieder einmal ein Liebesgedicht – jedoch unkonventionell, unerwartet und hochpolitisch.

 

Eingebettet ist das Gedicht Quarantine von Eavan Boland in den Überlebenskampf der Iren in den Hungerwintern 1845-1849 (The Famine Years). Ein Ehepaar ist durch Hunger und Krankheit gezwungen, das Armenhaus, in dem es lebte, zu verlassen und nach Norden zu ziehen – wo man sich ein Überleben erhoffte …

Zwischen 1845 und 1849 starben in Irland mehr als eine Million Menschen – etwa zwölf Prozent der irischen Bevölkerung; zwei Millionen Iren waren zur Auswanderung gezwungen.Die katastrophale Hungersnot ist das große Trauma der Iren, von dem die frühere Präsidentin Irlands, Mary Robinson, sagte:  Es war die Zeit, die „uns als Volk mehr als jede andere geprägt hat. Sie definierte unseren Willen zu überleben. Sie definierte unseren Sinn für menschliche Verwundbarkeit“.

Die Große Hungersnot war Folge mehrerer Missernten, die durch die damals neuartige Kartoffelfäule ausgelöst worden waren. Erheblich verschärft wurde die Not durch die von Desinteresse und  Laissez-faire-Ideologie dominierte Politik der Englischen Regierung.

Eavan Boland wurde 1944 in Dublin geboren, verbrachte aber die meiste Zeit ihrer Kindheit in London und New York, wo ihr Vater als Diplomat arbeitete. Mit 14 kehrte sie nach Irland zurück, wo sie später am Trinity College in Dublin Englisch und Latein studierte. Nach einem kurzen Ausflug in die Lehre dieser Fächer widmete sie sich ganz dem Schreiben. Sie gab Schreibworkshops und war Mitbegründerin einer irischen feministischen Zeitschrift. Seit den Neunzigern lebte sie in Amerika. Bis zu ihrem Tod war sie Professorin für Geisteswissenschaften und Direktorin des Programms für kreatives Schreiben am Stanford College in PaloAlto (Kalifornien).

 

Eavan Boland

24. September 1944 – 27. April 2020

(Foto 1996;  wikipedia)

 

Harte Details:  Geradezu dokumentarisch mutet uns die Lyrikerin Eavan Boland zu, ein Paar in der Winternacht zu begleiten, mutet zu, genau hinzusehen auf Verzweiflung, Angst und Todesnähe. Sie zwingt dazu, genau in dieser Verzweiflung und im Tod die wahre Liebe der Beiden zueinander zu erkennen. Harte Details, naturalistisch, kalt, brutal – wahrlich keine durch traditionelle romantisierende Liebeslyrik entlastende Leseerfahrung…

Das Paar flüchtet bei eisigen Temperaturen in einer winterlichen Nacht. Am nächsten Morgen werden der Mann und die Frau tot aufgefunden. So wie das Ehepaar dalag , war es offensichtlich, dass der Mann zuerst gestorben war und – als letzte Liebesgabe – mit seinem Körper die Füße seiner Frau gewärmt hat.

In dem Gedicht Quarantine zeigt sich eine typische Arbeitsweise der im vergangenen Jahr verstorbenen Lyrikerin: Es ist ein Gedicht, das das Politische und das Persönliche erforscht, und obwohl „die Gifte einer ganzen Geschichte“ (Boland) als Hintergrund dienen, steht die Beziehung zwischen Mann und Frau im Mittelpunkt.

Eavan Boland wurde einmal gefragt, wie sie in der Literaturgeschichte gesehen werden wolle, und sie antwortete, dass sie „lieber in dem namenlosen Kapitel beheimatet wäre… weil es eher das menschliche ist“. Ihr Gedicht Quarantine zeugt von dieser Bescheidenheit, indem es direkt auf die menschliche Tragödie blickt, und Unbekannte ehrt und an sie erinnert.

 

QUARANTINE

Eavan Boland

In the worst hour of the worst season
of the worst year of a whole people
a man set out from the workhouse with his wife.
He was walking — they were both walking — north.

She was sick with famine fever and could not keep up.
He lifted her and put her on his back.
He walked like that west and west and north.
Until at nightfall under freezing stars they arrived.

In the morning they were both found dead.
Of cold. Of hunger. Of the toxins of a whole history.
But her feet were held against his breastbone.
The last heat of his flesh was his last gift to her.

Let no love poem ever come to this threshold.
There is no place here for the inexact
praise of the easy graces and sensuality of the body.
There is only time for this merciless inventory:

Their death together in the winter of 1847.
Also what they suffered. How they lived.
And what there is between a man and woman.
And in which darkness it can best be proved.

From New Collected Poems by Eavan Boland. Copyright © 2008

The poem appears by kind permission of Carcanet Press, Manchester, UK.

 

Veröffentlichungen von Eavan Boland (Gedichte) : The War Horse [1975], Night Feed [1982] Outside History [1990], A Time of Violence [1994], The Lost Land [1998], Code [2001], Domestic Violence [2007] und A Woman Without A Country [2014].

 

Herzlichen Dank an Karin Mangold-Schneider für die Unterstützung bei der Textübertragung.

Bild: Winter 2019; Taubertal; Werner Bartholme

Quellen: https://apoemforireland.rte.ie/shortlist/quarantine/ ; wikipedia