Ralf Sotscheck

Immer dienstags: Heute erinnert sich Ralf Sotscheck an seinen ersten Vollrausch vor genau 50 Jahren und warum es vom Vater keinerlei Schelte gab.

Es ist ein Jahrestag, an den ich mich nur ungern erinnere: Vor 50 Jahren hatte ich meinen ersten Vollrausch. Ich war 17 und hatte bis dahin noch nie Alkohol getrunken. Eines Abends ging ich mit zwei Klassenkameraden zu Leydicke in der Berliner Mansteinstraße. Die Kneipe, 1877 gegründet, war legendär, die Wirtin Lucie Leydicke, damals 73 Jahre alt, war gefürchtet. Sie starb 1980. Dieter Hildebrandt schrieb in seinem Nachruf, das schönste an ihr sei die „Schutzimpfung“ gewesen: „Ob eine neue Ehe, ein neues Haus, ein neues Geschäft zu wagen war: Sie redete ihr Wörtchen mit.“

Ralf Sotscheck

Die Irland-Kolumne von Ralf Sotscheck.  Der Berliner Journalist lebt seit 1985 in Irland und ist irischer Staatsbürger. Er pendelt zwischen Stadt und Land, irischer See und Atlantik, zwischen Dublin und einem Dorf im Burren. Ralf arbeitet als Irland-Korrespondent für die tageszeitung (taz) und schreibt Bücher, vorzugsweise über Irland und die Iren. Er hält Vorträge, Lesungen und ist ein brillanter Unterhalter. Seine Irland-Kolumne erscheint dienstags auf Irlandnews. Ralfs Website: www.sotscheck.net. Foto: Derek Speirs

Ich hatte miterlebt, wie Lucie einen Gast zur Schnecke gemacht hatte, weil der ein Mineralwasser bestellen wollte. Deshalb traute ich mich nicht, meine übliche Apfelsaftbestellung aufzugeben. Stattdessen nahm ich einen Stachelbeerwein, das war ja auch eine Art Fruchtsaftgetränk. Die Flasche, die wir uns teilten, kostete fünf Mark. Danach probierten wir Kirschwein, bevor wir zum Erdbeerwein übergingen.