Immer dienstags: Heute rät Ralf Sotscheck, die Gebeine von James Joyce in Zürich ruhen zu lassen – anstatt sie werbewirksam „heim“ nach Irland zu holen.

 

 

Eigentlich liegt er dort ganz gut: Nach seinem Tod im Jahr 1941 wurde James Joyce auf dem Fluntern-Friedhof in Zürich beerdigt. Es ist ein schönes Grab mit einer Skulptur und einem von Ginster eingefassten Grabstein. Es gibt keinen vernünftigen Grund, Joyce wieder auszubuddeln. Genau das schwebt aber ein paar Dubliner Stadträten vor. Der Dichter soll 2022, hundert Jahre nach dem Erscheinen seines Jahrhundertromans „Ulysses“, nach Hause kommen.

Ralf Sotscheck

Die Irland-Kolumne von Ralf Sotscheck.  Der Berliner Journalist lebt seit 1985 in Irland und ist irischer Staatsbürger. Er pendelt zwischen Stadt und Land, irischer See und Atlantik, zwischen Dublin und einem Dorf im Burren. Ralf arbeitet als Irland-Korrespondent für die tageszeitung (taz) und schreibt Bücher, vorzugsweise über Irland und die Iren. Er hält Vorträge, macht Lesungen und ist ein brillanter Unterhalter. Seine Irland-Kolumne erscheint dienstags auf Irlandnews. Ralfs Website: www.sotscheck.net. Foto: Derek Speirs

Dabei hat Irland jedes Recht auf Joyce verwirkt. Joseph P. Walshe, der damalige Staatssekretär im Auswärtigen Amt, fragte den irischen Chefdiplomaten Frank Cremins in Bern nach Joyce’ Tod: „Ist er als Katholik gestorben?“ Vorsichtshalber verbot er ihm, an der Beerdigung teilzunehmen.

Joyce’ Witwe Nora Barnacle wollte den Leichnam trotzdem nach Dublin überführen lassen, aber die irische Regierung untersagte das wegen „der Feindseligkeiten der katholischen Geistlichen und Politiker gegenüber Joyce“. Es war eben dieser katholische Mief, der Joyce und viele andere aus dem Land getrieben hatte.

Als der 1939 verstorbene William Butler Yeats, Irlands erster Literaturnobelpreisträger, 1948 in Frankreich ausgegraben und im westirischen Drumcliffe beerdigt wurde, versuchte es Barnacle erneut, zumal inzwischen eine neue Regierung mit Außenminister Seán MacBride, dem Friedensnobelpreisträger und Gründer von Amnesty International, im Amt war.

Der hatte sich für die Yeats-Rückholaktion eingesetzt. Im Fall von Joyce schrieb er hingegen an den Papst und bat ihn darum, für ihn zu beten, damit „Gott mir die Weisheit gibt, die nötig ist, um meine neuen Aufgaben gut und getreulich zu erfüllen“. Gott riet ihm offenbar, Joyce die Einreise zu verweigern.

Vermutlich lag das aber eher daran, dass Joyce zu Lebzeiten MacBrides Eltern – die Freiheitskämpferin Maud Gonne und ihren Mann John MacBride, der wegen seiner Teilnahme am Osteraufstand 1916 hingerichtet worden war – als „Jungfrau von Orléans und Papst Pius X.“ verspottet hatte.

Was Joyce von seiner Heimat hielt, zeigt die Tatsache, dass er als Brite gestorben ist. Als er Irland 1904 verließ, war Irland eine britische Kolonie. Als das Land 1922 zum Freistaat geworden war, bemühte sich Joyce nicht um einen irischen Pass.

Das ficht die irische Tourismusindustrie freilich nicht an. Man hat eine Joyce-Statue in der Innenstadt aufgestellt, am Flughafen hängen Zitate von Schriftstellern, die man vertrieben hat, und der Bloomsday, den man vorigen Mittwoch wegen der Pandemie virtuell begangen hat, dauert inzwischen eine Woche.

Es ist allemal besser, dass James Joyce in Zürich bleibt. Schließlich liegen seine Frau, sein Sohn und seine Schwiegertochter im selben Grab. Da könnte es leicht zur Verwechslung der Knochen kommen, wie es bei Yeats geschehen ist, weil er neben drei Franzosen beerdigt worden war und die Skelette im Lauf der Zeit durcheinandergekommen waren.

 

Titel-Foto: James Joyce by Alex Ehrenzweig, 1915 (Wikimedia)