Irland Fischen

 

Draußen auf dem Meer kreuzen zwei große Fischerboote seit Tagen wie Synchron-Schwimmer durch die Bucht. Die Fiona K III der Kennedys aus Dingle und die Ocean Venture II der Minihanes aus Castletownbere, zwei jeweils über 27 Meter lange Fischerei-Schiffe, ziehen Tag für Tag, Stunde um Stunde, das zwischen ihnen gespannte Schleppnetz durch die Bantry Bay. Sie fischen nach Sprotten, einem kleinen, nur etwa 15 Zentimeter großen, silbernen Fisch, der einst in riesigen Schwärmen die Küstengewässer und Buchten von West Cork bewohnte.  Die beiden Trawler sind irische Schiffe, denn nur sie dürfen in den eigenen Hoheitsgewässern innerhalb der Sechs-Meilen-Zone operieren.

Die Sprotte, eine Verwandte des Herings, war eigentlich für den Menschen lange zu klein, um ihr ernsthaft nachzustellen. Seit zwei, drei Jahrzehnten,  da der Hering in diesen Meeren fast ausgerottet und durch eine Fangquote geschützt ist, suchen dieselben Fischereiboote die Gewässer nach der Sprotte ab. Mit ihren Sonaren sind sie überaus erfolgreich gewesen: Auch die europäische Sprotte (Sprattus sprattus) steht nun vor der Ausrottung. Denn für die Sprotte gibt es keine Fang-Quote.

Irland Atlantik

Die Sprotte

Die Telefone stehen derzeit nicht still bei der Sea-Fisheries Protection Authority in Clonakilty, der staatlichen Fischerei-Kontrollbehörde. Die Anrufer beschweren sich über den erneuten Beutezug der beiden großen Trawler. Die lokalen Fischer in der Bay mit ihren kleinen Booten sind Jahr um Jahr um diese Zeit entsetzt, wenn die Fischerei-Dickschiffe in die Bucht eindringen und den Sprotten-Schwärmen effizient nachstellen. Fatal ist der Zeitpunkt der Sprottenfischerei. Sie setzt just ein, wenn die Weibchen prall mit Rogen gefüllt sind, wenn sich Männchen und Weibchen zum Ablaichen und Befruchten zu großen Schwärmen zusammen ziehen. Jetzt ist leicht und fett Beute machen. Die Bestände allerdings werden durch die gleichzeitige Vernichtung des Nachwuchses dramatisch dezimiert.

So klein die Sprotte ist, so wichtig ist sie für den Lebensraum Meer. Die Sprotten, die sich von Plankton ernähren, sind die wichtigsten Nahrungsfische für zahlreiche Tiere im Nordost-Atlantik. So wie Sardinen und Sardellen in anderen Meeren ernähren sie fast alle größeren Fische, zahlreiche Seevögel und die Meeressäuger, Delfine und Wale. Wenn die Basis der Nahrungs-Pyramide bröckelt, dann sind alle Lebewesen in der Nahrungskette bedroht.

Colin Barnes, Fischer und Walbeobachter in Union Hall, West Cork, ist seit den frühen 70-er Jahren auf dem Atlantik an Irlands Südwestküste unterwegs. Colin hat keine Illusionen mehr: “Die Sprotten, einst die zahlreichsten Fische in Irlands Gewässern, stehen vor der Ausrottung”. Es gab schier unendliche Mengen dieses kleinen Fisches, aber seit die Menschen ihn mangels größerer küstennaher Arten systematisch befischen, haben die Bestände massiv abgenommen. Sie sind am Verschwinden.

Mit den Sprotten verschwinden allmählich die Tiere, die sich von ihr ernähren: Fische, Vögel und Meeressäuger. Möwen, Lummen, Sturmtaucher, die Makrelen und zahlreiche größere Fische in der Beutekette, Delphine, Tümmler, Schweins-, Finn- und Buckelwale. Sie alle kämpfen jetzt um die rar werdende Grundnahrung. Sie werden verdrängt und wahrscheinlich dezimiert. So funktioniert das Artensterben im Kleinen.

Die gefangenen Sprotten enden übrigens zum größten Teil als Fischmehl. Nur geringe Mengen (“Kieler Sprotten”) gelangen direkt ins Nahrungsangebot des Menschen. Indirekt gelingt das eher. Sprottenmehl, könnte den Magen des Menschen über den Umweg des Zuchtlachses dann doch noch erreichen: in Form von Futter-Pellets für die Lachse der Lachsfarmen in Irland und anderswo. Man benötigt übrigens sieben Kilo Fisch, um ein Kilo ungesunden Zuchtlachs zu “produzieren”. (*)

Ach ja: Der irische Meeres-Minister Michael Creed hat nach massiven Protesten in den vergangenen fünf Jahren endlich ein küstennahes Fischereiverbot und ein “Fangverbot” für Sprottenfischer innerhalb der irischen Sechs-Meilenzone erlassen. Ab dem 1. Januar 2020 wird es allen Schiffen ab einer Länge von 18 Metern (warum eigentlich 18 Meter?) verboten sein, generell in diesen küstennahen Gewässern zu fischen. Für Sprotten-Fischer allerdings gibt es eine  Übergangsfrist mit Fangquoten bis Ende 2021. Colin Barnes kämpfte seit Jahren für ein generelles sofortiges Fangverbot für die Sprotte, um sie und damit viele andere Arten zu retten. Wir hoffen inständig, dass er sich geirrt haben möge  . . .

 

Sprotte

 

O-Ton: “Der Minister hat die im Rahmen der öffentlichen Konsultation aufgeworfenen Fragen sorgfältig geprüft und nach einer eingehenden Bewertung beschlossen, den Schleppnetzfang von Fischereifahrzeugen über 18 Meter Länge ab dem 1. Januar 2020 aus den Küstengewässern innerhalb der Sechsmilenzone und der Basislinien auszuschließen.”

Quelle: Pressemitteilung des Ministeriums für Landwirtschaft, Ernährung und das Meer.

 

Hier erklärt Colin Barnes, unser Partner für Whale Watching Tours in den Wanderlust-Ferien in Irland, die Sache mit den Sprotten und den anderen Tieren, die wohl bald verschwinden werden, auf anschauliche Weise: 

Quelle: Website von Cork Whale Watch

 

(*) Mehr Informationen über den Zuchtlachs und warum man ihn nicht essen sollte: KLICK

 

Fotos: © Hans Hillewaert (Sprotte); Markus Bäuchle