Geschichte Für Eilige (3): Der große Hunger 2017-07-28T13:35:03+00:00

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Irlandnews-Autoren Markus Bäuchle und Eliane Zimmermann geben Auskunft, was ihre Wahlheimat so liebenswert macht.

Geschichte Für Eilige (3)

Der große Hunger

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Der große Hunger. Irland Mitte des 19. Jahrhunderts. Miss Kennedy gibt Kleider an Arme aus

Irland Info: Ihr wolltet schon immer mal wissen, was in Irland früher los war? Hier die Geschichte Irlands im Galopp für Eilige, in drei Minuten.  Heute Teil 3: Das große Trauma der Iren — der große Hunger .  Geschrieben von Littlewhitepony.

 

Drei: Der große Hunger — The Great Famine (1845 – 1850) 

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Mutter mit sterbendem Kind

Zwischen 1845 und 1850 wurden die Iren von einer furchtbaren Hungersnot schwer gebeutelt. Sie kostete über eine Millionen Menschen das Leben und ging als ‚Great Famine‘ in die Geschichtsbücher ein. Die Armut war den Iren ein alter Bekannter: Nur hundert Jahre vorher zum Beispiel, im Jahre 1741, hatte eine furchtbare Hungerperiode 300,000 Menschen dahingerafft. Trotzdem war die ‚Great Famine‘ in der irischen Geschichte beispiellos. Warum aber traf es die Bevölkerung der Emerald Isle diesmal so furchtbar hart?

Das kam so: Irlands Einwohnerzahl war in den letzten zwei Jahrhunderten explodiert. 1845 lebten fast acht Millionen Menschen auf der grünen Insel – doppelt so viele wie heute. Die meisten davon waren Kleinbauern. Oft bestellten sie minderwertiges und steiniges Land, das sie von englischen Siedlern pachteten. Selbstverständlich hatten sich diese den fruchtbarsten Boden selbst unter den Nagel gerissen und machten damit jede Menge Geschäft –  irische Landwirtschaftsprodukte waren die Exportschlager schlechthin.

Das nützte den irischen Kleinbauern natürlich wenig – gottseidank aber wurde bereits seit dem 16. Jahrhundert die Kartoffel auf der Insel angebaut. Sie wuchs hervorragend auf dem sonst hageren Boden und war unglaublich nahrhaft. Ein echter Lebensretter – knapp drei Millionen Menschen waren zu dieser Zeit von der Erdknolle abhängig. Im Jahre 1845 dann geschah die Katastrophe: die Karoffelfäule machte sich breit, die Ernte blieb aus und die Bauern waren mit einem Schlag ihrer Existenzgrundlage beraubt. Immer mehr Menschen litten Hunger und schlimmer: Sie konnten auch ihre Pacht nicht mehr bezahlen und wurden von ihren englischen Landbesitzern vom Acker gejagt.

Viele zogen heimatlos umher auf der Suche nach Nahrung – in ihrer Verzweiflung aßen sie Gras und Blätter oder stahlen. Nie waren die Gefängisse so voll wie zu dieser Zeit. Tausende lebten in Straßengräben und Moorlöchern. Im Februar 1847 gab es zu allem Übel auch noch einen Jahrhundertwinter – es war blitzkalt und schneite ununterbrochen – viele Menschen erfroren oder wurden krank. Cholera und Tyhpus  verbeiteten sich wie Lauffeuer. Zeitweise starben so viele Menschen auf einen Schlag, dass sie – wenn überhaupt – nur in Massengräbern beigesetzt werden konnten. Es war einfach niemand da, der sie hätte beerdigen können.

Für über zwei Millionen Menschen gab es nur eine Alternative aus der Misere: Auswandern. Sie träumten von einem besseren Leben in Amerika, Kanada oder Australien. Doch die Überfahrt war ein risikoreiches Unterfangen: die Schiffe waren oft überladen, die hygienischen Bedingungen unvorstellbar. Tausende starben an Hunger oder Krankheit, was den Frachtern auch den Spitznamen ‚Coffin Ships‘ einbrachte.

Emigration war für zwei Millionen Menschen der einzige Ausweg. Viele verließen Irland mit dem Schiff Richtung Amerika

Emigration war für zwei Millionen Menschen der einzige Ausweg. Viele verließen Irland mit dem Schiff Richtung Amerika

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Meet the Jeanie Johnston

Die Jeanie Johnston segelte zwischen 1848 und 1855 16 Mal von Irland nach Amerika und Kanada. Eine originaltreue Kopie des legendären Seglers liegt heute im Hafen Dublins und beherbergt das ‚Talls Ship and Famine Museum‘. Es ist täglich geöffnet – Vorbeischauen lohnt sich.

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Ironischwerweise führten die englischen Großgrundbesitzer in dieser Zeit weiterhin munter Fleisch und Getreide nach England aus. Es gab also eigentlich genug für alle. Man könnte daher meinen, die Briten hätten die Sache schnell in den Griff bekommen können. Doch das Krisen-Management der englischen Regierung war katastrophal, ihre Maßnahmen oft kontraproduktiv. Zwar rief sie Arbeitsprogramme ins Leben, um den Menschen ein Einkommen zu sichern — doch die meisten waren bereits zu schwach für die harte Arbeit. Wenn sie dennoch in der Lage waren, reichte das Einkommen nicht für die ganze Familie. Natürlich gab es auch Armenhäuser für die Bedürftigen, aber die hygienische Bedingungen dort waren entsetzlich – oft richteten sie mehr Schaden an, als dass sie nutzten.

Zahlreiche Dörfer blieben verlassen zurück

Zahlreiche Dörfer blieben verlassen zurück

Selbstverständlich gab es auch Menschen, die sich für die Hungernden einsetzten. Manche Großgrundbesitzer hatten Mitleid und ließen ihre Bauern ohne Pacht den Acker bewirtschaften. Die Society of Friends, eine religiöse Vereinigung beispielsweise organisierte Suppenküchen und verteilte Kleidung und Geld. Als die Situation unerträglich wurde, ließ auch die englische Regierung Suppenküchen einrichten. Diese finanzierte sie zum Teil selbst, zum Teil durch Spenden aus aller Welt –  Unterstützung kam beispielsweise vom Indianervolk der Choctaw, den Quäkern und dem türkischen Sultan.

Hungernde und Verhungernde verlangen Einlass zum Workhouse

Hungernde und Verhungernde verlangen Einlass zum Workhouse

Wann genau sich die Situation verbesserte, lässt sich schwer sagen. Oft wird das Jahr 1849 als das Ende der Hungersnot angegeben. Fakt aber ist: Die Iren erholten sich nur langsam von dieser schrecklichen Zeit und Armut gehörte auch nach Ende der ‚Great Famine‘ weiterhin zum Alltag. Mit Sicherheit haben diese traumatischen Jahre auch den irischen Revolutionsdrang geschürt. Viele Iren waren richtig sauer auf das egoistische Verhalten der Briten und wünschten sich endlich ein Ende der Unterdrückung  – koste es, was es wolle.

Aber auch heute noch steckt diese furchtbare Zeit vielen Iren schwer in den Knochen – wie kaum ein anderes Volk in Europa zeigen sie Empathie für Menschen in Not und sie setzen sich aktiv und mit viel Leidenschaft für die Bedürftigen ein – ja, man könnte sagen, die Iren sind wahre Fundraising-Meister.

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Against the famine and the crown…

Die Great Famine wird bis heute gerne besungen – zum Beispiel im legendären Folksongs „The Fields of Athenry“, mit dem sich jüngst bei der EM 2012 die irischen Fans in die Herzen Europas schmetterten. Die irische Folk-Punk-Band The Pogues veröffentlichte 1988 den Song „Thousands Are Sailing“ und auch die weltberühmte Sinead O’Connor besang in ihrem Lied ‚Famine‘ das irische Leiden jener Jahre.

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So, Leute, das war Teil 3 des Galopps durchs Irlands Geschichte.  Geschrieben übrigens von Littlewhitepony, aka Mella aus Dublin. Demnächst kommt Teil 4 und Ende. Dann sind wir schon durch mit dem Kapitel „Die Geschichte Irlands“.

Abbildungen: Alle zeitgenössischen Abbildungen stammen aus der Illustrated London News. Die Zeitungs-Illustrationen werden in der National Library in Dublin archiviert. 

Die Geschichte Irlands, Teil 1: Von den Anfängen bis 1500 nach Christus

Die Geschichte Irlands, Teil 2: Vom Mittelalter bis 1923

Die Geschichte Irlands, Teil 4: Von 1923 bis heute. Der Weg ins moderne Irland (Ende)

 

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