014 :: Berge; oberhalb der Sorgengrenze

Warum steigen wir so gerne auf Berge? Und das in Irland? Weil sie da sind, weil sie großartig sind. Weil sie uns in den Bann einer eigenen Welt oberhalb der Sorgengrenze ziehen. Den Genuss eines erhebenden Ausblicks vom Berggipfel hinunter über den Atlantik müssen wir uns erarbeiten, erkraxeln, erwandern. Während die meisten Menschen die asphalt- und beton-reichen Gegenden auf Meereshöhe vorziehen, steige ich gerne in die Höhe, in die Caha Mountains, die Slieve Miskish Mountains, die MacGillicuddies Reeks.

Viele Zeitgenossen können dieses Tun nicht verstehen. Immerhin aber wirft ihr Unverständnis die spannende Frage auf: Warum steigen wir so gerne auf Berge? Es ist sicher keine Modeerscheinung. Bekanntlich frönte schon der alte Moses in alttestamentarischer Zeit dem Bergwandern. Francesco Petrarca, Dichter und Vater des Alpinismus, fand im Berg und nah am Himmel im 14. Jahrhundert keinen geringeren als Gott. Wieder andere versuchten, auf dem Berg die Welt zu erkennen.

Verhaltenswissenschaftler wollen im Bergsteiger (mask.) das ewig balzende Männchen erkennen oder dessen Auseinandersetzung mit dem väterlichen, männlichen Prinzip. Und manche suchen am Berg, der Alltagswelt entrückt, sich selbst. Bergwandern als Selbstfindung, als angewandte natur-therapeutische Selbstheilung. Wer es weniger psychologisch mag: Auf dem Gipfel ist oben. Und wer dort oben steht, hat den Überblick. Das ist es, was wir suchen und finden: Freiheit für einen Nachmittag und das Gefühl der Erhabenheit. Aber warum müssen wir fast zwanghaft Inseln besuchen, und weshalb zieht es uns ans Meer? Bleiben wir noch einen Moment in den irischen Bergen: Warum steigen Menschen auf Irlands herrliche Berge?

Weil sie müssen, die einen. Weil die Berge da sind, die anderen. Ich habe im Laufe der vergangenen 15 Jahre immer einmal wieder Menschen auf den Berggipfeln von Kerry und Cork getroffen, die dort oben auf der Suche nach ihren Schafen waren. Die Schaf-Farmer sind die eigentlichen Könige der Berge. Könige in Gummistiefeln – und neuerdings auf Quadbikes. Sie kennen das Land, ihr eigenes Land, wie kein anderer.

Schaffarmer nehmen die Berge als Kapital und als Ernährungsraum wahr. Wie viele Schafe würden wie lange dort oben Futter finden? Wie viele Tieropfer würde der Berg in diesem Jahr fordern? Wie viel würden die Lämmer an Gewicht zulegen? Wie würde der Kilopreis für Lamm am Ende des Sommers sein? Diese Fragen beschäftigen den Farmer.

Wanderer und andere Touristen gehen in die Berge und freuen sich über die unvergleichbare Aussicht, die Farben und die ästhetische Wucht des irischen Hochlands. Sie stehen und staunen – manchmal ergriffen von der Einmaligkeit des Augenblicks in den Sphären des „Außerweltlichen“.

Der Farmer kann über derlei Romantik allenfalls lächeln. Kürzlich traf ich Dan in Kerry, einen der Männer, denen Irlands höchste Berge gehören. Dan hat Verständnis für Bergwanderer, nimmt für sich aber in Anspruch: „Wer vier- oder fünfmal im Jahr dort hoch muss, um seine Schafe zu suchen, blickt realistisch von den Gipfeln herunter“. Immerhin schätzt Dan die Höhen von Carrauntoohil, Caher oder Benkeeragh aus anderem Grund: „Schafe, die dort oben daheim sind, haben die beste Fleischqualität“.

Mit einheimischen Farmern gemeinsam auf deren Berggipfeln zu stehen – auch die Berge Irlands sind größtenteils Privateigentum – macht deutlich, warum ein und dieselbe Bergtour in ganz unterschiedlichen Erfahrungswelten stattfindet. Noel sagt mir: „Von dieser Schönheit kann ich mir kein Brot kaufen“. John resümiert den Barfuß-Trip auf unseren Hausberg Sugarloaf so: „Die Zäune sind in Ordnung, der Nachbar wird sich nicht beklagen müssen.“

Einmal ging ich mit Pauline hinauf auf den Beara-Berg Maulin. Sie war das erste Mal dort oben und genoss die weite Aussicht auf die Bantry Bay. Pauline kann beides: Sie ist Schaffarmerin, die in die Berge gehen muss, und sie genießt die grandiose Natur ihrer Heimat bei einem zweckfreien Berggang von Herzen.

Meine fünf nahen Lieblingsberge:

  • Sugarloaf Mountain (An Ghabal Mhór), Co. Cork (unser Hausberg)
  • Cummeengeera Ridge (Rabach), Co. Kerry
  • Maulin (Málainn), Co. Cork
  • Hungry Hill (Angry Hill, Cnoc Daod), Co. Cork
  • Knockatee (Cnoc an tSi), Co. Kerry

Ortskoordinaten: 51°43’05.8″N 9°37’50.2″W /Sugarloaf Mountain, Kealagowlane

 


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Alle Fotos: Markus Bäuchle