102 :: Das Grab der Kinder von Lir; Allihies, County Cork
Der große weiße Feldstein und das Schild dazu am Rand des Weges zwischen dem Atlantik und dem Dörfchen Allihies sind leicht zu übersehen. Hier, unter diesem Steinbrocken sollen die vier Kinder von Lir, dem legendären König der Thuata de Dannan, begraben sein. Es ist eine der großen irischen Mythen, die ewige Geschichte von Geburt, Verwandlung, Tod und Wiedergeburt, von Liebe, Verrat und Trauer.
Lir und seine Frau Aoibh (Eva) hatten vier Kinder: das Mädchen Fionnghuala und die drei Söhne Aodh, Fiachra und Conn. Aoibh starb jung und Lir heiratete deren Schwester Aoife (Eve). Die Stiefmutter wurde bald eifersüchtig und neidisch auf die Liebe von Lir zu seinen Kindern. Zu ängstlich, sie umzubringen, verwandelte sie die Kinder mit Hilfe eines bösen Fluchs in Schwäne. Eve bereute und versuchte, ihre Tat rückgängig zu machen – doch sie konnte den Kindern nur noch ihre Sprache und ihren Gesang zurück geben. Sie blieben Schwäne, und das 900 Jahre lang, drei mal drei Jahrhunderte an drei verschiedenen Orten Irlands.
Der Fluch sollte dem Mythos gemäß mit der Ankunft des Christentums auf der Insel enden. Als die Kinder den Klang einer Glocke hörten, gingen sie in Allihies, auf der Beara Halbinsel an Land, unweit des Ortes, an dem die Hag, die weise Frau von Beara auf ihren achten Mann, den Meeresgott Manannán mac Lir wartete. Wir wissen bis heute nicht, ob die beiden Lirs der irischen Mythologie, der König und der Meeresgott, identisch waren – wir wissen auch nicht, ob frühe Christen die Legende des Lir in ihrem Sinne umgedeutet haben. Der Mönch Mochaomhóg jedenfalls nahm sich der vier Schwäne an und legte sie an silberne Ketten. In seiner Obhut verwandelten sich die Kinder des Lir zurück in Menschen. Sie waren mittlerweile alt und starben bald, nachdem der Mönch sie getauft hatte. Mochaomhóg soll sie zusammen unter großen weißen Felsplatten nicht weit vom Meer begraben haben.
Auch andere Orte in Irland, vor allem zwei im hohen Norden im County Mayo, beanspruchen das Grab der Children of Lir für sich. Der mythische Ort bei Allihies scheint derweil in Vergessenheit zu geraten. Ein ungepflegter Flecken am Wegesrand, auf einem einzelnen Feldstein ein paar Muscheln, ein paar Kiesel, viele verrostete Münzen, nur ein paar wenige neue. Bis vor einigen Jahren sollen Einheimische den Ort noch verehrt, besucht und in einer Zeremonie umrundet haben.
Die großen Erzählungen der irischen Mythologie haben Jahrtausende überdauert. Sie werden vielleicht auch die Oberflächlichkeit und die Gleichgültigkeit dieser seelenlosen Zeit überstehen und im kollektiven Bewusstsein erinnert werden.
Ortskoordinaten: 51°38’29.3″N 10°03’07.2″W
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Alle Fotos: Markus Bäuchle [ed120725]




Lieber Markus
Was würden wir tun ohne dein wunderschönes Auflebenlassen der irischen Mythologie und deiner Natur -und Landschaftsliebe?
Wieder ein so schöner Beitrag!
Und die vier Schwäne?
Kamen sie nach hause?
Liebe Grüße
Kathrin
Lieber Markus
Wieder ein kleiner stiller Ort, der zu sprechen beginnt, wenn man still ist und seine Seele in den Wind der Welten öffnet…
Wir waren damals leider zu kurz auf Beara um diesen Ort und auch diesen Teil der Küste noch zu besuchen… dafür haben wir das, was wir erlebten sehr intensiv erlebt… um die Kinder des Lir und allen anderen Mythen der Völker aus alten Zeiten ist es in der Zeit der mediengemachten neuen Welten nicht gut bestellt, sie versinken langsam in den Nebeln des Vergessens… jedenfalls für die allermeisten Bewohner einer Welt, die Dune und andere „Orte“ fast besser kennen als ihr eigenes Land und seine Geschichte, seine Lieder und Mythen… das ist leider nicht nur in Irland so…
Gut finde ich, dass hier in allen gälischen Grund- und weiterführenden Schulen nicht nur die eigentliche Landessprache sondern auch Mythen, keltische Musik und Tänze gelehrt werden…da unser Enkel Liam ab nächstem Herbst eine der besten dieser Schulen besuchen wird, freue ich mich schon sehr auf all das, was ich durch ihn dann noch neu entdecken werde… so wie heute durch Dich diesen stillen Stein mit seinen Energien, den Herzensgaben und der Kraft all der Gedanken die dort gelassen wurden…
Für Dich hier ein Foto eines anderen Steines, eines der magisch leuchtenden „Blauen Steine“ des River Araglin… in D heißen sie auch Mariensteine und haben noch andere volkstümliche Namen, in welchen Flüssen sie auch vorkommen (zB Bode und Sieg)… es sind Schlacken der postmittelalterlichen Eisenverhüttung , also eigentlich ganz unromantisch , aber eben geschichts- und mythenträchtig und wirklich einfach nur wunderschön!