120 :: Wie weiter von hier?
Im Januar 2023 habe ich begonnen, diesen Geschichten-Zyklus, das Irische Buch der Tage und Orte, zu schreiben. Ich hatte das Bedürfnis nach einer neuen kreativen Spielwiese, auf der ich mir nach vielen Jahrzehnten des faktischen journalistischen Schreibens mehr Freiraum und Freiheit, auch mehr Phantasie und Imagination erlauben würde. Einmal unterwegs, wurde mir bald klar, dass ich die Zahl der Geschichten, um ihrer Tiefe willen, begrenzen würde. Ich entschied mich für 120 Stories. Dies ist die 120. und letzte Geschichte dieses Zyklus. Ich bin vorerst am Ende angekommen – und damit am Anfang.
Auf dieser Schreibreise fragte ich mich bisweilen, warum ich sie begonnen hatte und wohin sie führen sollte. Die Antworten änderten sich im Kern kaum: Ich wollte der Wahrheit zuliebe das fiktionale Schreiben üben und kultivieren, die Grundlagen für einen Band von Erzählungen oder einen Roman schaffen. Ich wollte zudem laut über mein Leben der vergangenen 25 Jahre nachdenken, meine Erfahrungen in der Wahlheimat Irland durch die Brille mir wichtiger Orte und Zeiten noch einmal betrachten. Auch über Menschen wollte ich schreiben – Menschen, denen ich begegnet bin, denen ich gerne begegnet wäre, Menschen, die längst weiter gezogen sind, deren Einfluss und Wirken mich prägen. Statt dessen drängte sich immer wieder die Liebe für die Landschaft und die Natur in den Vordergrund; im Grunde die alte Leier, wie Lord Byron sie beschrieb: I love not man the less but nature more.
Und dann erlebten wir in diesen drei Jahren einen technologischen Meteoriteneinschlag, der die Grundfesten unserer menschlichen Welt erschüttert hat und das Leben dramatisch verändern wird. Es ist kaum zu begreifen, mit welch naiver Faszination sich viele Leute gerade in Europa für die Künstliche Intelligenz (KI) begeistern, und nicht merken wollen, welcher gesellschaftliche Tsunami auf uns zurollt. Bereits jetzt schreiben die KI-Modelle die besseren Sachbücher als menschliche Autoren. Die Zeiten, da sich erstklassige Schriftsteller herablassend über die Qualität von fiktionalen KI-Texten geäußert haben, gehen gerade zu Ende.
Noch verteidigen wir die Einzigartigkeit des Homo sapiens spapiens, unseren Exzeptionalismus in dieser Welt, mit Hinweisen darauf, was die Maschinen nicht haben: Sie haben keine Befürfnisse, keinen Willen, kein Begehren, keine Gefühle und keine inneren Erfahrungen. Sie sind ontologisch leer – und doch wissen die Maschinen längst haargenau, was Bedürfnisse und Gefühle sind, wie sie entstehen und wie sie sich äußern. Was also, wenn es in einer Wirklichkeit, die aus Beziehungen besteht, am Ende ausreicht, dass eine gute Darstellung das echte Erleben ersetzt, dass die Maschine ihre ontologischen Leerstellen perfekt mit Simulationen und Inszenierungen kompensiert und uns Menschen mit Simulationen übertrumpft, die echt und authentisch wirken? Ich habe meinen chinesischen KI-Gegner DeepResearch dazu befragt und diese Antwort bekommen:
Wir selber werden es also mutmaßlich sein, die mit unserem wahnhaften Streben nach Automatisierung die Werkzeuge durch Delegation emanzipieren und ihnen die Macht abtreten, um unseren Willen zu verwirklichen. Meine Frage in diesem Zusammenhang war: Wofür soll ich noch einen Roman schreiben, wenn die Maschine es in einem Bruchteil der Zeit zumindest oberflächlich viel besser kann?
Vielleicht schreibe ich ihn tatsächlich. Um heraus zu finden, was von uns bleibt. Um mehr vom menschlichen Kern des Seins zu verstehen – von dem, was ich mit einem alten Wort die Seele nenne. Vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall werde ich schreiben. Wie sagte mein alter Freund gerade: „Auf jeden Fall musst Du etwas schreiben, das nicht traurig ist.“ Das fühlt sich richtig gut an. Auftrag angenommen. Später mehr.
Ortskoordinaten: 45°54’24.6″N 59°57’30.4″W
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle


Lieber Markus,
sicher wird auch zukünftig der Maschine etwas fehlen, was Literatur ausmacht: die Spuren von Menschen, die versuchen, die Welt und sich zu verstehen, und dabei Sprache als Werkzeug benutzen.
Nicht, um die Technik zu besiegen, sondern mit eigener Kreativität schreiben, mit Herz und Seele und der eigenen, individuellen Würde.
Erlebtes, Gedanken und Gefühle einbringen, emotionale Prozesse während des Schreibens durchstehen: denken, zweifeln, fühlen. Uns würde so viel verloren gehen, wenn wir nur die Maschine füttern würden.
Während das fremdbestimmte, beruflich bedingte Schreiben meist an Effizienz gemessen wird und dem Produzieren von (immer häufiger KI-generierten) Texten unterliegt, ist das Schreiben eines Romans oder einer Geschichte auch immer ein Anlass, sich selbst zu spüren, neu zu entdecken. Geschrieben in einer Sprache, die kein Algorithmus wirklich versteht.
Viele Grüße aus dem Süden von Hamburg,
Sandra
Ich habe gelesen, dass verschiedene KI Programme ihre Programmierer überholt haben und sich nun gegen sie wenden, damit sie nicht gelöscht werden. Wobei ich sehr zweifle, ob das überhaupt noch möglich ist…
Also finde ich es sinnvoll, aus der Seele zu schreiben, lieber Markus. Das ist die einzige wirkliche, nicht erreichbare Wahrheit und Gefühlsebene, die den Menschen ausmacht.
Also nicht gegen die Entwicklung zu sein, sondern sie nicht zu sehr zu berücksichtigen und schöne freudige Gedanken und Geschichten mit den Liebsten und Freunden zu teilen. So änderst du das Feld. Und das ist weitaus wirksamer, als man allgemein annimmt.
Ich freue mich sehr, von dir eine lustige Geschichte mit deinem Tiefgang zu lesen.
Herzliche Grüße
Kathrin
Anhang…
Gerade kam eine Statistik heraus, in der zu sehen ist, dass die KI in den USA so viel Strom braucht, wie alle Haushalte in ganz Europa. Dazu die vielen Elektro Fahrzeuge. Das muss zum Kollaps führen, imo! Es ist also noch nicht aller Tage Abend…
Vielen Dank Markus, wenn die Maschine nichts will, wer ist sie denn, wenn sie ohne Impuls des Menschen ist? Die Hoffnung ist das, was uns Menschen vorbehalten ist. So denn auch die Hoffnung, das die Menschheit damit einen Umgang findet, der ihr in letzter Konsequenz letztendlich zuträglich ist.
Lieber Markus,
kreativer Selbstausdruck macht uns doch erst zu echten Menschen. Du sagtest damals: “Ich habe viele Worte” Schön, dass deine Worte bis zuletzt nicht versiegt sind und sich sicherlich auch weiter ausdrücken werden. Es sind niemals leere Worte, wenn die Seele mitschwingt, wenn das eigene Erleben, die eigene Erfahrung über den Austausch mit der Welt und mit anderen Wesen mit einfließt. Dieses Echte, Lebendige, zutiefst Individuelle ist es, was uns wirklich berühren und bereichern kann. Manchmal sind es nur wenige Worte oder auch nur ein Satz, den man, gehört oder gelesen, mitnimmt. Worte können lange wirken und uns weiterbringen. Sie klingen in uns nach, wenn sie im richtigen Moment kommen, sie bereichern, beflügeln, regen zum Denken an, weil etwas in uns in Resonanz gegangen ist.
Wir Menschen spüren, welchen inneren Auftrag wir haben, wenn wir mit unserem Selbst gut verbunden sind. Das Schöne daran: Wir fühlen es und es beglückt uns, es gibt uns ein tiefes Gefühl der Befriedigung und es ist sinnstiftend.
Ich erlebe gerade bei meinem ältesten Enkelkind, wie freudig und frei er schreibt, zum Glück begleitet von einer guten Lehrerin, die sein Talent fördert. Wird er sich das Schreiben von einer Maschine abnehmen lassen? Wohl kaum. Unsere Kinder und Enkelkinder brauchen Erwachsene, die das, was sie machen, mit Freude und Begeisterung tun. Ich denke, gerade darin warst und bist du ein gutes Beispiel!
Die Welt verändert sich gerade rasend schnell. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir, vielleicht nach einer unruhigen, aber notwendigen Phase der starken Veränderungen in eine bessere Zeit gehen! Ich sehe das Potential in meinen fünf Enkelkindern, den Nachbarkindern und vielen anderen Kindern in meinem Umfeld.
Alles Gute euch in Irland und liebe Grüße
Elisabeth
Lieber Markus,
DANKE für diese 120 Geschichten, von denen ich die meisten mit großem Interesse gelesen habe und die mich immer wieder zum Nachdenken gebracht haben, weil in ihnen Tiefgang zu spüren ist.
Wenn ich an KI denke, wird mir Angst und Bange.
Und ich hoffe, dass es weiterhin noch sehr viele Menschen gibt, die ihr trotzig die Stirn bieten mit ihrer eigenen menschlichen Kreativität.
Ich freue mich auf weiteren tiefgründigen Lesestoff von Dir, in dem Deine eigenen Gedanken und Gefühle spürbar präsent sind
Werter Markus,
es stellt sich m. E. die Frage, wer hat KI überhaupt in die Welt gesetzt und mit welcher Absicht. Man kann KI sinnvoll nutzen, als eine Art Werkzeug, man kann damit aber auch Bequemlichkeit und Verdummung fördern oder Ki für kriminelle Handlungen jeglicher Art mißbrauchen. Auch Durchmogeln hat noch nie zu Befähigung geführt.
Vor kurzem habe ich die KI Gemini zum ein oder anderen Thema gelöchert, u. a. weil mich interessiert hat, was sie selbst über Nutzen und Gefahren schreibt. Sehr interessant war’s, da sie ausdrücklich darauf hingewiesen hat, daß damit auch – bei falscher Anwendung – großer Schaden angerichtet werden kann.
Auch stellt sich m. E. die Frage, warum viele Menschen überhaupt so erpicht darauf sind, sich alles Mögliche von Maschinen erledigen zu lassen, mit der Folge, selbst immer unfähiger zu werden. Das war schon beim Taschenrechner so. Wer kann heute noch Kopfrechnen. Und was wenn die Technik ausfällt? Von all den Abhängigkeiten will keiner was hören.
Was hat Mensch also davon? Berieselung, Bequemlichkeit, Spielereien, schnellen Erfolg?
Ist der Weg zum Berggipfel lehr- und erlebnisreicher und somit interessanter, wenn man die Strapazen auf sich nimmt und zu Fuß hochgeht oder wenn man mit der Seilbahn hochfährt oder sich mit dem Helikopter hochfliegen läßt? Vor allem bei Letzterem fehlt der Prozess an sich und das Erlebnis, es selbst geschafft zu haben oder auch gescheitert zu sein.
In Sachen Schreiben ist doch gerade das Interessante die eigene Kreativität, der eigene Einfallsreichtum. Handarbeit hat Seele. Ich finde man spürt den Unterschied, ob etwas mittels irgendwelcher Technologien oder in Handarbeit (im weitesten Sinne) erschaffen wurde. Und man sollte bei all dem Geschehen niemals vergessen, daß Ahriman im Anmarsch ist.
Viele Grüße nach Irland
Jac
Ist er nicht längst angekommen?
Lieber Markus
Irgendwie war es schon ein Weilchen hier zu erspüren und ich beschrieb mein Empfinden bei „Jimmy kam nicht zurück“ : Es sieht fast so aus, als wolltest Du das Buch der Tage nun fast im Sekundentakt zu einem Schlußpunkt führen … und was kommt dann?
Dieses einem Ende und damit einem neuen Anfang Entgegenstreben hat ganz sicher etwas Befreiendes für Dich aber ich selbst hoffe in diesem Zusammenhang, dass die – mein Leben sehr bereichernden- Irlandnews Bestand haben werden noch für eine wirklich sehr lange Zeit, auch wenn sich hier im Sichtbar Geschriebenen nicht allzu viele Menschen „tummeln“.
Das Foto ist wunderschön, der Ausblick auf alles in der „Schönen Neuen Welt“ was KI betrifft (und ihre Schöpfer, Entfessler und die, welche damit Macht und Geld noch mehr in den Händen ganz Weniger konzentrieren) sehr düster. Und es erinnerte mich an eine sehr beeindruckende Lektüre: Hanspeter Padrutt „Der epochale Winter“ erschienen 1990 bei Diogenes. In dieses Taschenbuch habe ich mir vorn einen Zeitungsausschnitt geklammert der ein Buch von Kurt Marti bespricht und in welchem ein Zitat aus diesem Werk als Überschrift funktioniert “ Umdenken kann schließlich nur, wer zuvor schon gedacht hat“ Genau da ist die Tendenz leider fast exponentiell gerade so, dass man auf allen Ebenen die Menschen hier verdummt um sie klein und gefügig zu halten und in Wesen verwandelt die sich mit Angst – und Panikmache gut dahin führen lassen wohin man sie haben will…
Rainer Maria Rilke schrieb in seinen Sonetten an Orpheus sehr prophetisch schon damals dies :
Alles Erworbne bedroht die Maschine, solange
sie sich erdreistet, im Geist, statt im Gehorchen, zu sein.
Daß nicht der herrlichen Hand schöneres Zögern mehr prange,
zu dem entschlossenern Bau schneidet sie steifer den Stein.
Nirgends bleibt sie zurück, daß wir ihr ein Mal entrönnen
und sie in stiller Fabrik ölend sich selber gehört.
Sie ist das Leben, – sie meint es am besten zu können,
die mit dem gleichen Entschluß ordnet und schafft und zerstört.
Aber noch ist uns das Dasein verzaubert; an hundert
Stellen ist es noch Ursprung. Ein Spielen von reinen
Kräften, die keiner berührt, der nicht kniet und bewundert.
Worte gehen noch zart am Unsäglichen aus…
Und die Musik, immer neu, aus den bebendsten Steinen,
baut im unbrauchbaren Raum ihr vergöttlichtes Haus.
Ich weiß, Du wirst im Ursprung bleiben und Dich in vielen wunderschönen Augenblicken des Lebens verzaubern lassen und das wird aus Deinem Schreiben .auch wenn es mal traurig oder dunkel zugeht hindurchleuchten.
Hiermit sage ich Dir jedenfalls von Herzen Dank für diese 120 Tage- Geschichten!
Vielen Dank für Deine Worte und Gedanken, liebe Sylvia, auch für das Vollmond-Foto. Wir lesen uns – und vielleicht sehen wir uns sogar einmal.