119 :: Timothy Cadogan: Mörder? Held. Opfer der Justiz.
Am 24. Februar 1900 strömten die Menschen aus dem Umland in die kleine Hafenstadt Bantry im äußersten Südwesten Irlands. Es war Samstag, der Markttag. Um die Mittagszeit fielen in einem Haus in der Barrack Street Schüsse. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: „Master Willie ist tot!“ Williams S. Bird, der Land-Verwalter der mächtigen White-Familie von Bantry und Glengarriff, lag blutend auf dem Boden seines Büros im 1. Stock über Warners Shop. Ein Attentäter hatte den einflussreichen Handlanger von Bantry House und Glengarriff Castle mit einer Pistole erschossen. William Simms Bird war auf der Stelle tot.
Zehn Monate später wurde der irische Farmer Timothy Cadogan (Skizze) für dieses Verbrechen nach einem auch für damalige Verhältnisse grob unfairen Gerichtsverfahren zum Tode veurteilt. Er wurde am 11. Januar 1901 am Galgen hingerichtet. Es sollte die letzte Hinrichtung am Galgen im Gefängnis von Cork sein. Timothy Cadogan starb einen qualvollen Tod, weil der aus England angereiste Henker die Fallhöhe falsch berechnet hatte. Cadogan wurde 35 Jahre alt. Seine Leiche liegt anonym irgendwo auf dem Gefängnisgelände begraben. Die Menschen in Cadogans Heimat, einem abgelegenen Tal in den Shehy Mountains im Hinterland von Bantry, haben bis heute, 125 Jahre nach dem Mord und der Hinrichtung, ihren Frieden nicht gefunden.
William Bird, der Sachwalter der englischen Großgrundbesitzer in der Bantry Bay, war in der irischen Bevölkerung wegen seiner Härte und Unnachgiebigkeit gefürchtet. Er trieb für die White-Familie, die größten Landbesitzer weit und breit, die Mieten und Pachten ein. Wenn die irischen Kleinbauern mit ihren Zahlungen zu sehr in Rückstand gerieten, folgte seiner Verwarnung meist die Zwangsräumung. Die Menschen wurden von ihrem Land vertrieben und wurden obdachlos. Im Jahr 1894 drohte der Land-Agent William Bird dem säumigen Pächter im Tal von Combh na Léime, Timothy Cadogan, mit der Räumung. Einst hatten 13 Bauersfamilien im Tal, einem Townland von Coomhola, gelebt und gearbeitet. Timothy war der letzte übrig gebliebene Pächter.
Der Junggeselle mit Wurzeln in Kerry lebte im ersten Haus am Eingang des Felsentales unterhalb des Priest’s Leap. Er war schon etwas in der Welt herum gekommen, bevor er sich im Hinterland von Bantry niedergelassen hatte. Eine Zeitlang hatte er in Australien in der Armee gedient und wusste deshalb mit Waffen umzugehen. Timothy galt bei seinen Nachbarn nicht gerade als Musterbeispiel eines Landmannes. Sie nannten ihn etwas abschätzig einen Gentleman Farmer, gar einen Highway Man, was etwa dem deutschen Wegelagerer entspricht. Tim war für sein aufbrausendes, rebellisches Temperament bekannt und dafür, dass er Drinks, Parties und die Frauen mochte. Er hatte eine uneheliche Tochter, die nach Amerika auswanderte und erst in den 50-er Jahren in ihre irische Heimat zurück kehrte. Timothy liebte die Musik. Er war ein ausgezeichneter Geigenspieler. In klaren Nächten stand er oft auf dem Felsen über seinem Haus und spielte weithin hörbar die Fiddle.
Den Drohungen William Birds folgten im Jahr 1895 unerbittliche Taten. Der Landverwalter rückte mit Polizisten in Combh na Léime, dem heutigen Coolenlemane an, ließ die Tür von Timothys Haus aufbrechen und seine Habseligkeiten auf den Hof werfen. Cadogan war auf dem Berg bei den Schafen unterwegs und beobachtete seine Widersacher. Es ist in mehreren örtlichen Familien überliefert, dass er vom Berg herunter zu seinem Haus stürmte und dem Landagenten Bird – dessen Familienname Vogel bedeutet – wütend zurief: „Eines Tages werde ich Dir die Federn ausrupfen.“ Timothy Cadogan verlor Haus und Existenz. Er musste sich bei einem ihm wohl gesonnenen Bauern im nahen Mealagh Valley als Farmarbeiter verdingen.
Cadogans Vertreibung vom eigenen Hof – eine von vielen – ereignete sich in den unruhigen vor-revolutionären Zeiten um die Jahrhundertwende. Die unter den englischen Besatzern leidende Bevölkerung fing an aufzubegehren. Die irischen Kleinbauern organisierten sich, forderten günstigere Pachten und Mieten, dann die Rückgabe des Landes, das ihnen einst abgenommen worden war. Am 18. Februar 1900 rief die Land League die Menschen der Region in Bantry zu einer Versammlung zusammen, um gegen die großen Landbesitzer und die Zwangsräumungen zu demonstrieren. Timothy Cadogan war einer der Teilnehmer.
Sechs Tage später fielen die Schüsse in der Barrack Street und töteten den bislang höchstrangigen Vertreter eines englischen Landlords in Irland. Nun ging die Angst um bei den Großgrundbesitzern. Am Tag des Mordes, dem Markttag, war Timothy Cadogan ebenfalls in der Stadt gesehen worden. Es dauerte deshalb nicht lange, bis der Verdacht, William Bird getötet zu haben, auf ihn fiel: Er hatte eine Pistole, die freilich nie gefunden wurde, er hatte ein Motiv, er hatte Bird bedroht, und er hatte die charakterlichen Fähigkeiten. Die Beweislage allerdings gab nichts her: Cadogan wurde in einem ersten Gerichtsverfahren frei gesprochen.
Der zweite Prozess vor einer sorgfältig ausgesuchten, einseitig protestantisch besetzten Jury sollte erfolgreicher werden. In einem extrem kurzen Verfahren, in dem die Verteidigung keine Chance bekam, ihre Argumente offen vorzutragen, machte der oberste Richter Lord Chief Justice Peter O’Brien, den Geschworenen von Beginn an klar, welches Urteil er für den katholischen Nationalisten Cadogan trotz fehlender Beweise erwartete. Nach 80 Minuten stand es fest: Schuldig. Tod durch den Strang.
Dass der rebellische und bisweilen aufbrausende Farmer von Combh na Léime der Täter war, stützte sich auf eine einzige, wenig glaubwürdige Zeugenaussage und wurde nie bewiesen. Dennoch befand ihn das politisch motivierte Gericht in einem unfairen Verfahren für schuldig. Nur wenige Wochen später, am Morgen des 11. Januar 1901, wehte die schwarze Flagge über dem Gefängnis von Cork, Timothy Cadogan war tot – und nun für viele Iren ein Held und Märtyrer. In den Landgemeinden der Bantry Bay hatte er zahlreiche Sympathisanten. Cadogan hatte zu Lebzeiten einen Stein vor sein Haus gelegt, in den er seinen Namen eingemeißelt hatte. Ein Unbekannter ergänzte später die Buchstaben RIP: Rest in Peace, Ruhe in Frieden. Der Stein wurde zum Symbol des Widerstands gegen die herrschende Klasse.
In Combh na Léime (Foto) war nach der Vertreibung Cadogans keine Ruhe eingekehrt. Der Familie von Jack Sullivan, die sich den Leerstand in ihrer Not zunutze machte und in das leere Haus einzog, wurde vorgeworfen, ein ungeschriebens Gesetz zu brechen: Keine irische Familie durfte in ein zwangsgeräumtes Haus einziehen. Verwandte der Cadogans von der anderen Seite der Shehy Mountains zündeten das Strohdach des Hauses an und räucherten die Sullivans aus. Danach stand die Ruine leer. Heimische Farmer brachten ihre Herden zum Grasen auf die Weiden ins Tal. Später zäunte ein neuer Eigentümer aus Kilgarvan das 560 Acres oder 227 Hektar große Land ein, verkaufte es in den 60-er Jahren für 3000 irische Pfund an einen deutschen Arzt. Der Doktor mit dem Vornamen Peter ging gerne mit Hunden auf Schnepfenjagd und plante, im Tal eine Herberge zu bauen. Als seine Hunde vergiftet wurden, verstand er das als Zeichen des Schicksals, verkaufte das Land für 1600 Pfund wieder und verschwand. Es gehörte nun einem heimischen Schaffarmer, der es alleine für sich beanspruchte und die Herden seiner Nachbarn auf den Weiden des Tales nicht länger dulden wollte. Der Konflikt landete in den 80er Jahren vor Gericht – und ist bis heute nicht gänzlich gelöst. Während der Eigentümer weiterhin seinen Anspruch geltend macht, dürfen acht benachbarte Familien mit richterlichem Segen ihre Schafherden im Tal grasen lassen. Jede Partei darf 70 Acres für ihre Tiere nutzen.
Erst in den 2000er-Jahren erhielt Timothy Cadogans schlichtes Haus (Foto), für heutige Verhältnisse ein kleiner Steinschuppen, ein neues Dach und eine Tür, die mit einem Schloss verriegelt ist. Noch immer liest der Pfarrer in der Kirche von Coomhola jedes Jahr eine Messe für Timothy. Im Jahr 2023 verschwand der Stein mit der Inschrift vor Timothy Cadigans Haus. Noch immer trauen sich Nachbarn im Ungeist der alten Bürgerkriegsparteien nicht immer über den Weg. Noch immer haben die Familien der ehemaligen Großgrundbesitzer der Region keine Geste des Bedauerns gezeigt oder sich gar bei der irischen Bevölkerung für die Zeit des Unrechts entschuldigt.
Auch 125 Jahre nach der Hinrichtung von Timothy Cadogan ist allenfalls Gras über die Sache gewachsen, aber kein Frieden im Tal von Coolenlemane und kein Seelenfrieden in vielen Familien eingekehrt. Noch immer fordern Menschen Gerechtigkeit. Am 8. September 2025 reichte die Community Group von Coomhola und Borlin im Namen vieler Menschen der Region eine Petition bei Irlands Präsident Michael D. Higgins ein: Er möge Timothy Cadogan, das Opfer einer willfährigen Justiz und eines unfairen Gerichtverfahrens, posthum begnadigen. Michael D, wie der populäre Präsident genannt wird, hat in seiner Amtszeit fünf Opfer historischen Unrechts lange nach ihrem Tod amnestiert und damit ihre Ehre wieder hergestellt: Harry Gleeson im Jahr 2015, Myles Joyce (2018), John Twiss (2021), Sylvester Poff (2024) und James Barrett (2024).
Präsident Higgins schied im November 2025 aus dem Amt. Der amtierende irische Justizminister Jim O’Callaghan sieht die Rechtslage anders und sperrt sich. Die Hoffnung lebt noch. Die Menschen im Tal wünschen sich die symbolische Begnadigung von Timothy Cadogan. Für seine Seele, für seine Familie, für sich.
Ortskoordinaten: 51°40’47.9″N 9°27’00.1″W (Tatort Barrack Street in Bantry)
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Fotos: Markus Bäuchle; außer Titelfoto: Szene einer Zwangsräumung in Irland im Jahr 1880: Lawrence Collection im National Museum; Skizze von Timothy Cadogan: Zeitgenössischer Gerichtszeichner; Stein: privat
Buchtipp zum Thema: Pat Doran: The Bantry Murder (2023). Hier erhältlich.
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Lieber Markus, ich bin dir sehr dankbar für diese außergewöhnliche, oder eben leider nicht außergewöhnliche Geschichte aus dem irischen Leben der Vergangenheit.
Ich weiß, dass es in allen Kolonialstaaten ähnliche Schicksale gab, überall auf Grossgrundbesitz. Dazu kam noch Sklaverei und Rassismus. Ich habe auf meinen Reisen viel gelernt.
Aber hier wieder einen Einblick in die Irische Geschichte zu bekommen, ist sehr gut und gibt mir einen tieferen Hintergrund von dem White-Besitz in Bantry. Hoffen wir auf die Befreiung der Nachkommen und die Begnadigung von Timothy Cardigan.
Herzliche Grüße, Kathrin