118 :: Der Burren, Zeichen des immer währenden Wandels.
I. Drei aktuelle Eindrücke: Auf ihren Boíreann, die bizarre Felsenlandschaft am Atlantik, sind traditionsbewusste Iren besonders stolz. Der Burren im Westen Irlands ist eine weltweit einzigartige Karstlandschaft, geprägt von silbrig-grau schimmernden Kalksteinterrassen, skurrilen Felsformationen und einer Vielfalt an Pflanzenarten, die man aus arktischen, alpinen und mediterranen Regionen kennt. In der scheinbar kargen Steinwüste gedeihen auf Wiesen, in Fugen und Ritzen 1100 verschiedene Pflanzenarten – etwa 75 Prozent aller irischen Wildblumen. Hier findet sich ein einmaliges Nebeneinander von Orchideen, Enzian, Silberwurz und Sonnenröschen.
Die Karstlandschaft wurde vor 350 Millionen Jahren aus Meereskalk geformt und durch Eiszeiten zu den heutigen Hügeln und Felsterrassen modelliert. Sie ist von plattigem Kalkstein, von Höhlen und saisonalen Seen geprägt. Menschen haben seit Langem hier gelebt und vor bis zu 6000 Jahren in der Felsenlandschaft hunderte alte Steingräber und prähistorische Monumente hinterlassen.
Als Oliver Cromwells blutrünstige Horden im 17. Jahrhundert durch den Burren zogen, waren sie wenig begeistert. Dem Offizier Henry Ludlow wird ein berühmtes Zitat über den unwirtlichen Ort zugeschrieben: „Es gibt hier keinen Baum, um einen Mann zu hängen, kein Wasser, um einen Mann zu ertränken, und keine Erde, um einen Mann zu begraben.“ Die englischen Soldaten verbannten folgerichtig viele von ihrem Land vertriebene Iren in den Burren.
370 Jahre später würden sich die englischen Soldaten wundern: Im Burren wachsen jede Menge Bäume, das Felsengebirge wird von Jahr zu Jahr grüner. Aus den Fugen und Löchern in den Steinplatten wachsen die Büsche und verändern das Gesicht des Burren, das die irischen Tourismuswerber seit Jahrzehnten gewinnbringend vermarkten. Vor allem die Haselsträucher wuchern und gedeihen in günstigen Lagen als Bäume. Sie legen sich als grüne Decke über den Karst und werden ihn in wenigen Jahrzehnten, vielleicht abgesehen von den Bergkuppen, komplett verschwinden lassen. Der Burren wird dann vielleicht Burren Woods oder The Burren Hazelwoods heißen – wenn nicht der Mensch wieder eingreift.
Das zeitgenössische Gesicht des Burren ist von Menschen gestaltet. Die Natur- ist tatsächlich eine Kulturlandschaft, geformt von den Weidetieren der Burrenfarmer. Die seit Jahren anhaltende Begrünung der Felsenlandschaft zwischen Lisdoonvarna, Corofin, Kinvara und Ballyvaughan hat zwei Hauptursachen: den Rückgang der Landwirtschaft und die Kürzung der Zuschüsse an die Farmer zur Beweidung und Freihaltung der Felsflächen. Der Kultberg Mullaghmore soll offensichtlich auf absehbare Zeit silbergrau bleiben: Um die 60 Ziegen fressen dort den Kalkstein kahl.
Ob es gut oder schlecht sei, dass der Burren sich begrünt, wurde ich gefragt. Ich halte es mit Mick, dem Shopkeeper von Fanore im County Clare: It is what it is. Es ist, was es ist. Nichts ist beständiger als der Wandel.
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II. Vor nicht allzu langer Zeit schätzten Land-Iren das Schwätzchen auf der Straße. Sie stoppten ihre Autos an jeder x-beliebigen Stelle, um sich bei geöffneten Fenstern das Neueste zu erzählen. Die Welt dahinter stand für Minuten still, sie musste warten und tat das geduldig. Zum intensiveren Gespräch stieg man auch gerne mal aus und brüllte gegen die laufenden Motoren an. Lag der Treffpunkt hinter einer schlecht einsehbaren Kurve, fühlte man sich von der unsichtbaren Hand Gottes geschützt.
Gott ist nun auch in Irland tot. Schwätzchen haltende Menschen sind von den Straßen zugunsten von vielen neuen großen Autos verschwunden, in denen Menschen, die sich scheinbar selbst genug sind, wie in Einzelhaft sitzen. Heute stand ein älterer Mann in einem schicken Neuwagen mit Dubliner Kennzeichen auf einer Straße im Burren. Er war wohl zu faul zum Aussteigen, war ganz an den Straßenrand heran gefahren, hatte den Blinker gesetzt und besichtigte die gegenüberliegende Hausruine durch das heruntergelassene Autofenster.
Das gefiel einem auffahrenden Einheimischen ganz und gar nicht. Anstatt vorbei zu fahren, redete sich der Farmer in Rage: Er hupte, er fuchtelte und er brüllte, um den Dubliner zum Weiterfahren zu bewegen. Dann fuhr er – hochrot der Kopf – bis auf wenige Zentimeter auf den stehenden Wagen auf, drohte, hupte mit Licht und brüllte noch lauter. Der Mann mit der Vorliebe für Ruinen, ein Tourist, ein Liebhaber von Immoblien, ein Fotograf , man weiß es nicht, gab nach und fuhr langsam davon.
Die Zeiten ändern sich. Es ist, was es ist. Wieder andere Zeiten werden kommen.
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III. Die acht Kilometer von Doolin über das Meer zur kleinen Aran-Insel Inisheer, der Verlängerung des Burren in den Atlantik, erlebten die Inselbewohner – mehr noch ihre Besucher – vor einem Menschenleben als herausfordernde Seereise. In den Wintermonaten waren die Insulaner vom Festland so gut wie abgeschnitten. Das Leben auf Inisheer war geprägt von Knappheit und minimalistischer Härte. Noch Ende der 70-er Jahre gab es im Inselshop eine Käse- und eine Teesorte, keinen Reis und keine Nudeln. Die Lebensmittel und Waren wurden mühsam mit kleinen Ruderbooten, den Curraghs, vom ankernden Versorgungsschiff an Land gebracht.
Heute hoppen Jahr für Jahr über 200.000 Touristen auf großen Fährschiffen zum Spaß für ein paar Stunden auf die Insel, auf der 300 Araner und Zugezogene leben. Der Stolz der Fährleute, die 2024 in Betrieb gestellte Island Discovery, pflügt 300 Menschen fast schwankungsfrei in 15 Minuten durchs Meer von Doolin zum Pier von Inisheer. Die Fährgesellschaft verkauft ihren neuen Touristenschlepper als nachhaltige naturschützerische Meisterleistung.
Wahrscheinlich werden wir über den noch neueren Pier auf Inisheer, für den die Regierung Anfang September 2025 satte 36 Millionen Euro freigegeben hat, bald Ähnliches hören. Am bestehenden Pier, einer überaus geräumigen Betonlandschaft, soll nicht mehr genug Platz sein, wenn Versorgungsschiff, Wasserschiff und Touristenschiffe anlegen. So wird man mit hunderten Tonnen Beton 100 Meter Pier anbauen: 60 Meter Verlängerung und 40 Meter daran im rechten Winkel zum Schutz der Landungszone. Ein Phantast wie Boris Johnson hätte den Pier gleich bis hinüber nach Doolin geplant.
Ein alter Insulaner erzählte mir, wie sich das Leben auf Inisheer in seiner Zeit verändert hat. Das Gefühl, auf einer Insel zu leben, sei so gut wie verschwunden. Auf Inisheer gebe es nun alles, was es auf dem Festland auch gibt: Die ganze Welt von Amazon, schnelles Internet, Autos, Menschenmassen, es fehlt an nichts. Selbst importiertes Wasser haben die Inselmenschen nun genug. Und sogar einen örtlichen Tourbus. Der Sohn des Mannes, der mich die Insel zu verstehen lehrte, fährt die Tagesgäste mit Wanderly Tours kaloriensparend durch die Gegend. Er erzählt vielleicht die Geschichten des Vaters, dem Bauern, Besitzer einer Kuh und eines Esels, dem eifrigen Seetangsammler. Vielleicht.
Aus Bauern wurden Pferdekutschen-Kleinunternehmer. Sie fahren die Tagesgäste im Rhythmus der Fährenankunft eine Stunde lang über die Insel: Schule, Kirche, Footballfeld, Medizinisches Zentrum, Friedhof im Sand, Wrack der Plassy, Leuchtturm, Hotel und Pullovershop. Dann Snacks an einer der sich wundersam vermehrenden Imbissbuden. An ertragreichen Tagen erzählen die Kutscher ihre Geschichten, mit abnehmendem Wahrheitsgehalt, ein halbes Dutzend Mal, trotten die Einspänner-Pferde fünf oder sechs Inselrunden.
Ist der Großpier erst gebaut, gerne mehr: An der verlängerten Piermauer werden dann noch größere Schiffe anlegen, die noch mehr Touristen bringen, die in noch mehr Pferdekutschen durch das um seine Seele ringende Mauernlabyrinth chauffiert werden. Wie wäre es mit Kreuzfahrtschiffen, schon mal drüber nachgedacht? Es gibt Insulaner, die den 36-Millionen-Pier ablehnen. Sie fürchten den Ausverkauf der Insel und ihres Lebens.
Wer hat recht? Ist der neue Pier gut oder schlecht? Er ist, was er ist, und wird sein, was er sein wird.
Ortskoordinaten: 53°04’05.6″N 9°31’23.6″W (Inisheer Pier)
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Alle Fotos: Markus Bäuchle






Hm… lieber Markus… bist Du gerade etwas Herbst – depressiv oder ist es mehr Sarkasmus Richtung derer, die sich mit Geld alle Welt untertan machen? … Irgendwie könnte man das, was Du beschreibst auf alles in der jahrtausende alten Transformation dieser Welt durch den Menschen ausweiten (und zugleich trifft es zu auf alle bisherigen und künftigen Transformation durch Naturgewalten des Kosmos…) z.B. „… das Meer in unserer schönen Bantry Bay wird leergefischt und beleuchtet aber: es ist wie es ist …“ Vielleicht sollten die Befürworter (gerade jene von den Inseln, die sich davon mehr Geld versprechen) eines mittel riesiger Pier künftig möglichen Massentourismus zu den Aran- Inseln einfach nur mal ein bisschen auf dem Erdenball herum schauen, wie es Jenen auf kleinen Inseln ergeht und erging, die das schon haben. Inseln sind wegen ihrer Begrenztheit viel anfälliger für solche Auswirkungen… die Lofoten sind nur eines aber ein sehr eindringliches Beispiel…
Und wenn der wirklich atemberaubend schöne, so einzigartige karstfelsige Burren eines fernen Tages komplett erodiert durch Wasser Salz und Wind und zudem durch immer mehr Begrünung nicht mehr so sein wird wie jetzt, dann ist es dort sicher immer noch wunderschön… Die jetzigen, bereits aufgewachsenen hazelwoods im Burren entwickeln eine erstaunliche Artenvielfalt. Ebenso, wie die tausenden kleinen Spalten tausende botanische und zoologische Kostbarkeiten beherbergen.
Immerhin hat nicht zuletzt John O’Donohue mit wenigen Mitstreitern vermocht das Herz des Burren zu schützen und die Anstrengungen auch diese Orchideen- reiche uralte Kulturlandschaft durch die wieder belebte Winterweide zu erhalten und zu bewahren haben nicht nachgelassen… trotzdem ist es letztendlich immer die Natur die stärker ist als der kleine Mensch… das geht mit Veränderungen einher, an die sich alle menschlichen Gemeinschaften seit es sie gibt anpassen mussten oder untergehen…
Gräme Dich bitte nicht, auch die Landschaft und menschliche Gesellschaft (mit all ihren Schönheiten und Gefahren, Vor- und Nachteilen…) unserer wunderbaren Kinderzeit ist nur noch eine sehr kostbare Erinnerung… und trotzdem hat das – zumindest unser – Leben auch nach jeder Transformation eine neue und andere Dimension von Heiligkeit und Schönheit, Freude und auch Traurigkeit…wir Menschen Teil dieser Natur und können uns dem niemals entziehen.
Und die Natur kennt- wie Du selbst resümiertest- nichts Statisches, sie ist Werden und Vergehen und ständige Veränderung und das ist ein sehr Tröstliches und Gelassenheit schenkendes Wissen.