113 :: Ein Julitag im Katastrophenjahr 1979.
1979 war das Katastrophenjahr in Tadghs Leben. Es war das Jahr, in dem ein wütender Sommersturm das Fastnet Race an Irlands Atlantiküste zerlegte und 15 Segler und sechs Zuschauer umbrachte. Das Jahr, als der schrottreife Öltanker Betelgeuse die Bantry Bay vor seinen Augen in eine Flammenhölle verwandelte und 50 Menschen tötete. Es war das Jahr, an dem Tadghs Bruder Jimmy in den Bergen in dem kleinen Gletschersee mit dem unaussprechlichen Namen gefunden wurde. Jimmy lag bäuchlings im flachen Wasser. Der Leichnam blutete aus Mund und Nase. Der schwarze Anorak lag 20 Meter entfernt am nahen Ufer. Ein Suchtrupp fand Jimmy an einem späten Dienstagnachmittag im Juli 1979.
Sie trugen die Leiche den steilen Berg hinunter zum Farmhaus, wuschen sie gründlich und zogen ihr frische Kleider an. Der Leichenbeschauer im Krankenhaus von Bantry entschied später auf „accidental drowning“. Unfalltod durch Ertrinken. Jimmy war 26 Jahre alt. Die Leute im Dorf raunten von Selbstmord. Tadgh hörte davon. Er sagte zu seinem Vater kein Wort. Niemand wollte offen darüber reden. Fast jede Familie im Dorf war von dem Leid betroffen, fast jedes Jahr geschah es wieder. Viele junge Männer hier an der scheinbar idyllischen Atlantikküste im Südwesten Irlands wussten nicht weiter.
„Der Montag ist immer der härteste Tag“, sagt Tadgh. Sein Bruder Jimmy starb an einem Montag im Juli, im Jahr der Whiddy-Island-Katastrophe. Nach einem durchzechten Wochenende war er morgens verkatert zur Arbeit gegangen und hatte dort weiter getrunken. Nach Feierabend stiefelte er mit zwei Schäferhunden auf den Berg über dem Haus, um die Schafe westwärts zu treiben. Jimmy kam nicht zurück.
Die Mutter hatte eine dunkle Vorahnung. Sie hatte schwer geträumt: Jimmy wurde auf einem Pferdekarren heim gebracht, er wurde in den Krankenwagen umgebettet. Die Hintertür stand offen, heraus schauten die Beine mit den Gummistiefeln. Auch Tadgh schlief in jener Woche unruhig, als sein Bruder im Bett nebenan aus schweren Alpträumen aufschreckte; „Was ist los, Jimmy, habe ich ihn gefragt. Er gab keine Antwort.“
Jimmy gab meistens keine Antwort. Er sprach nicht viel. Er war vielleicht deshalb überall beliebt. Er war der Lieblingssohn und der Darling von Onkel Tommy. Thomas wollte die Farm einmal diesem Neffen vermachen. Jimmy sprach nicht. Jimmy trank. Schon mit 15 hatte er angefangen. Es war damals leicht, im Pub Drinks zu bekommen. Um Geld kümmerte er sich nicht. Er mochte den Whiskey, anders als der Vater und Bruder Dini. Die tranken Bier. Jimmy saß im Pub alleine und sagte nichts.
Er war anders. Er trug gerne weiße Hosen und weiße Hemden. Er kleidete sich immer sorgfältig. Es war ihm wohl egal, dass die anderen jungen Leute im Dorf ihn aufzogen: „Du siehst wieder aus wie ein Tourist“, sagten sie zu ihm. Es war kein Kompliment. Zu Tadgh, der keinen Wert auf Aussehen legte, murmelte der Bruder manchmal: „Du bist wieder grau wie ein Dachs.“
Als Jimmy an jenem Dienstag im Juli 1979 aus dem kleinen See mit dem unaussprechlichen Namen gezogen wurde, tropfte Blut aus Mund und Nase auf sein weißes Hemd.
Ortskoordinaten: – – –
Die Geschichte ist wahr. Die Namen habe ich geändert.
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle


Vielen Dank für den Beitrag und das Foto,lieber Markus. Eine weitere tragische Geschichte im Katastrophenjahr 1979…
Mit der traurigen Story über einen verzweifelten jungen Mann verfällt das Bild der friedlichen und beschaulichen Umgebung für einen Moment, den dieser und die zahlreichen anderen Gletscherseen in Irlands Bergen (besonders bei schönem Wetter) ausstrahlen.
Hat sich inzwischen etwas getan?
Ich hörte von einer Bewegung/Organisation in Irland, die aus kleinen Anfängen stetig gewachsen ist, sodass mittlerweile jedes Jahr über 150.000 Menschen an „Darkness Into Light“ teilnehmen. Bei dem Marsch/Event bietet sich den Menschen jedes Jahr die Möglichkeit, mit ihrer lokalen Gemeinschaft in Kontakt zu treten. Eine inspirierende Veranstaltung die Hoffnung symbolisiert, und wo sich Gemeinschaften zusammenschließen, um die psychische Gesundheit zu fördern und Selbstmord zu verhindern.
Lieber Markus
Heute ploppten auf einmal so viele neue Geschichten hier auf… nun muß ich die erst mal in Ruhe alle lesen …
Es sieht fast so aus, als wolltest Du das Buch der Tage nun fast im Sekundentakt zu einem Schlußpunkt führen … und was kommt dann?
Das ist eine wirklich sehr traurige Geschichte. in einer gerade auch ziemlich düsteren Zeit – und LEIDER wahr… selbst in paradiesisch erscheinenden Erdenwinkeln gibt es jeden Tag kleines und oft auch großes Leid…
Das ganze Leben ist voll davon und doch wüßten wir nicht was wirklich Glücklich- und Fröhlich- Sein bedeuten wenn wir Traurigkeit und Leid nicht erleben müssten… die alte Weisheit … mir fiel eben spontan dazu etwas ein, das Erich Kästner zugeschrieben wird (der ja wirklich viele weise Erkenntnisse in seine Dichtung geschrieben hat) „Wer das was schön war vergisst wird böse, wer das was schlimm war vergisst wird dumm.“ Trinken gegen Hoffnungslosigkeit, ist unglücklicherweise ein (nicht nur) in Irland verbreitetes Phänomen. Und die Folgen sind meistens schrecklich… Erst vor wenigen Jahren erlebten wir so einen Schrecken als ein Bruder seine beiden Brüder mit einer Axt erschlug und sich selber (wohl sehr betrunken) danach im kleinen Fluß ertränkte, der in der Nähe des Farmlands vorbeifließt, um das der Streit ging… einen der Brüder, der so brutal ermordet wurde, kannten wir gut. Er war ein sehr netter Handwerker, immer ein Lächeln oder Lachen auf den Lippen, immer gute Arbeit leistend, einfach ein freundlicher Mensch…