Bantry House

108 :: Bantry House, Bantry, County Cork

Um Bantry House machte ich in meinen Gedanken 25 Jahre lang einen Bogen – trotz all der Besuche der schönen Gärten, trotz der feinen Konzerte in der alten Bibliothek und trotz der Konsultationen bei Hausherr Egerton Shellswell-White. Obwohl wir jahrelang im ehemaligen West-Park des Anwesens Wandergäste beherbergten: Mit Bantry House, dem prunkvollen Familiensitz der Earls of Bantry, wurde ich nie warm. Der Grund ist ein simpler: Meine lebenslange Abneigung gegen allzu Mächtige. Mich wunderte lange, dass die anglo-irischen Kolonialisten, die adligen englischstämmigen Menschen in den großen Gutshäusern, nach ihrem Sturz und der Befreiung Irlands hier weiterhin ein geruhsames Leben führen – und sich sogar eine gewisse Machtfülle erhalten konnten. Die alten einflussreichen Zirkel hinter den Kulissen waren nie zu unterschätzen. Ob 1923 in Irland oder 1945 in Deutschland – so ist es wahrscheinlich in jeder Stunde null: Es muss irgendwie weiter gehen; die Realität des Neuanfangs hat viele Grautöne, sie ist nicht schwarz und weiß.

Als wir in die Bantry Bay zogen, lernten wir schnell die Fakten über das einstige Machtzentrum der Region. Die Whites, Kaufleute englischer Abstammung, kamen Ende des 17. Jahrhunderts aus Limerick nach West Cork, siedelten zunächst in der Bucht, auf Whiddy Island, und kauften im Jahr 1765 das Bantry House. Das Landhaus hieß damals noch Blackrock House und gehörte der Familie Hutchins (von dieser an dieser Stelle später mehr). Auf den Hausgründer Richard folgten Sohn und Enkel Richard, die den von der englischen Krone verliehenen Titel Earl of Bantry trugen und im englischen Oberhaus einen Sitz hatten.

Den Adelstitel des Earl of Bantry, eine Beförderung vom Baron, erhielt Richard White junior im Jahr 1816 vor allem, weil er im Dezember 1796 hoch loyal schläfrige Engländer in Weihnachtsstimmung wachgerüttelt hatte. White alarmierte die englischen Truppen, dass eine Flotte französischer Kriegsschiffe in die Bantry Bay eingedrungen war. Die franzözischen Soldaten sollten Irland zusammen mit irischen Revolutionären der United Irishmen um Theobald Wolfe Tone befreien. Der Plan scheiterte, als ein wüster Winter-Orkan die Schiffe der schlecht vorbereiteten Franzosen an Weihnachten 1796 in der Bucht von Bantry zerlegte.

Schon im Jahr 1780 hatte Bantry House einen Landbesitz von 80.000 Acres oder 320 Quadratkilomtern angehäuft. Den Whites gehörten weite Teile der Stadt Bantry, des Sheeps Head im Süden und der Beara Peninsula im Norden der Bucht. Nach William, dem 3. und William, dem 4. Earl of Bantry, war 1891 mangels Nachwuchs Schluss mit dem Adelstitel – Haus und Ländereien gingen auf die weibliche Linie der Familie White über.

What goes up, must come down: Nach dem Unabhängigkeitskrieg, im irischen Bürgerkrieg 1922, wurde Bantry House zum Krankenhaus umfunktioniert und blieb es fünf Jahre lang; im Zweiten Weltkrieg übernahm die Irische Armee das Haus sechs Jahre lang. 1946 wurde es von der Eigentümerfamilie als erstes der irischen Big Houses der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ende des 20. Jahrhunderts war Bantry House and Gardens stark renovierungsbedürftig und hält sich seitdem – zeitweise mithilfe von Zuschüssen – mühsam über Wasser. Die Gärten wurden restauriert und teilweise neu angelegt, ein Flügel des Gebäudes renoviert und als Bed & Breakfast eingerichtet. Der Landbesitz ist von 80.000 auf 40 Acres zusammen geschrumpft.

Das West Lodge Hotel und das Maritime Hotel haben sich Filetstücke aus dem Kernbesitz von Bantry House heraus geschnitten und liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. Großen Teilen des historischen Hauses würde eine Sanierung mehr als gut tun. Die Familie lebt noch heute im Haus – freundliche, umgängliche Menschen, die eine schwere Bürde schultern und ihr Bestes geben, um es als Touristenattraktion und Veranstaltungsort für Konzerte und Lesungen am Laufen zu halten. 200 Jahre in 20 Zeilen: Der Aufstieg und Fall einer mächtigen Familie in Irland.

Bantry House

Wir hörten bald nach unserer Ankunft, dass die Whites von Bantry House eigentlich zu den Guten unter den anglo-irischen Großgrundbesitzern und Landlords gehört hätten, dass sie alles Land ordentlich und rechtmäßig gekauft und sich um ihre Pächter anständig gekümmert hätten. Die Legende lebt in bestimmten Kreisen bis heute, auch wenn das 2021 erschienene Buch der Historikerin Geraldine Powell über die große Hungersnot in der Bantry Union damit ordentlich aufgeräumt hat. Die Autorin von A Want of Inhabitants wies nach, dass die Famine, die große irische Hungerkatastrophe in den 1840-er Jahren, in Bantry genauso schlimm, wenn nicht schlimmer gewütet hat als im benachbarten Skibbereen. Skibbereen gilt als der traurige Ort, an dem die Famine die meisten Opfer gefordert hat, mit den relativ meisten Toten und Auswanderern im Süden Irlands.

Im Herrschaftsbereich von Bantry House, so wissen wir heute, waren das Leiden, das Hungern, das Flüchten und das Sterben nach dem mehrmaligen Verlust der kompletten Kartoffelernte in der Mitte des 19. Jahrhunderts genauso schlimm. Die Mächtigen kümmerten sich auch hier viele Jahre nicht um das Leid der irischen Bevölkerung – und merkten dabei nicht, dass sie mit den vielen Toten und Emigranten das Fundament für ihr Ausbeutungssystem verlieren und danach selbst dem Niedergang ausgesetzt sein würden.

Dass die Familie White ihren Großgrundbesitz gekauft hatte, stimmt. Oberflächlich betrachtet. Es verhielt sich damit allerdings wie mit Waren, die man billig kauft, obwohl man weiß, dass sie zuvor den Besitzer auf dubiose Weise gewechselt hatten: Während und nach Oliver Cromwells blutigen Rachefeldzügen durch Irland wurden zahlreiche irische Clans von der englischen Krone enteignet. Das Land aus den Enteignungen des 17. Jahrhunderts ging an protestantische Siedler und Günstlinge des englischen Königshauses. Bantry House kaufte den Großteil der Ländereien meist preiswert von diesen neuen Eigentümern, etwa vom Earl of Anglesey. Ursprünglich hatte das Land irischen Clans wie den O’Sullivan Beare gehört.

Es ist für einen Unbeteiligten natürlich leicht und weitgehend ungefährlich, im Jahr 2025 in einem demokratischen Land, in dem man (noch immer?) fast alles sagen darf, über dessen Zeit vor fast 200 Jahren zu urteilen. Im 19. Jahrhundert herrschten andere Werte und Moralvorstellungen. Die Politik war angehalten, sich aus der Wirtschaft heraus zu halten, einen Kodex der universellen Menschenrechte gab es genauso wenig wie demokratische Verfassungen und das Völkerrecht. Den Beteiligten des anglo-irischen Konflikts und ihren Nachfahren wird es dennoch nicht erspart bleiben, die konkrete lokale Geschichte dieses langen und brutalen Konflikts – jenseits der großen offiziellen Gedenkfeiern – ganz genau anzuschauen und sich zu verständigen, um die Vergangenheit schließlich als eine gemeinsame Vergangenheit akezptieren zu können. Die Mühe lohnt sich umso mehr, da wir auch in Irland nicht wissen, in welche Richtung das Pendel der Geschichte in der nahen Zukunft ausschlagen wird.

Bantry House

Im Lauf der Jahre erkannte ich am Beispiel von Bantry House, dass das Leid oft auf diejenigen zurück schlägt, die es verursacht haben: Im Bantry House herrschte in den Jahren des Irischen Unabhängigkeitskriegs vor über einem Jahrhundert und in der Zeit danach nicht mehr Lord Bantry, sondern die nackte Angst. Die Whites fürchteten stets um ihr Leben und rechneten jederzeit damit, dass ihr Palast wie viele andere anglo-irische Big Houses von rachedürstigen Iren in Brand gesteckt werden würde.

Egerton Shelswell-White (1933 – 2012), unschuldiger Nachfahre der Kolonialherren von Bantry, litt ein Leben lang unter seiner Kindheit in der Isolation in einem von Angst erfüllten Gefängnis namens Bantry House. Er verließ Irland früh, lebte in den USA und kehrte erst 1978 nach dem Tod seiner Mutter nach Bantry zurück, um die Verwaltung des Hauses und der verbliebenen 100 Acres Land zu übernehmen. Mit der Geschichte seiner Vorfahren wollte Egerton möglichst nichts zu tun haben, weil sie ihn plagte: Er liebte den Jazz, spielte die Posaune und vermachte das gesamte Archiv von Bantry House zur Auswertung dem University College Cork.

Es gibt auch heute noch Irinnen und Iren, die Bantry House niemals betreten würden. Die Erinnerungen in vielen Familien an die dunklen Zeiten der Armut und des Hungers sind eng mit diesem Haus und mit dem Namen der Landlords verbunden. Man sagt, Zeit heile Wunden. Fast zwei Jahrhunderte lang waren die Whites von Bantry die mächtigste Familie im Westen von West Cork. Nun kämpft Bantry House, dieses steinerne Symbol eines Jahrhunderte langen Konflikts, selber um eine Zukunft. Irland präsentiert sich heute als modernes, freies und liberales Land. Doch die alten Wunden unter dem demokratischen Mantel sind noch nicht richtig verheilt.

Ortskoordinaten: 51°40’39.5″N 9°27’52.2″W


Orts-Zeit

 

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Fotos: Markus Bäuchle; außer unten: Eliane Zimmermann [ed020825]


 

Egerton Shelswell White of Bantry House, Autor (l.)