109 :: Die Sprünge und die Verstecke der irischen Priester
Der irische katholische Priester steht heute auf der Roten Liste der bedrohten Berufe und Berufungen. Die einst oberste Autorität in Dorf und Stadt hat ihre Bedeutung und ihren Ruf in nur drei Jahrzehnten fast völlig verloren. Die gesellschaftliche Aufarbeitung von massenhaftem und systemischem sexuellem, physischem und psychischem Missbrauch von Kindern und Jugendlichen durch Pfarrer, Ordens-Brüder und Schwestern in Kirchen, Schulen und Heimen hat die katholische Kirche im einst gläubigsten Land Europas fast zerstört. Fast.
In Zeiten der Verunsicherung und der Angst scheint es eine gewisse Rückbesinnung auf die (gar nicht) guten alten Zeiten des unerschütterlichen Glaubens zu geben. Die Gebetstempel werden wieder voller – auch die östliche Orthodoxe Kirche übt auf jüngere Menschen Anziehungskraft aus. Im Gefolge der Aufarbeitung der Kirchenskandale wurde den Menschen in Irland klar: Sexueller Missbrauch war keine Spezialdisziplin von Gottes Bodenpersonal – die Krankheit hatte die gesamte Gesellschaft infiziert. Der sexuelle Missbrauch in irischen Familien stand dem in den kirchlichen Institutionen in nichts nach. Väter und leibliche Brüder waren (und sind) genauso Täter wie Priester und Ordensbrüder. Im Land der sexuellen Tabus, des Schweigens und der Sprachlosigkeit hat der Inzest in vielen Familien verheerende Schäden angerichtet. Das relativiert nicht die Verantwortung vieler schuldiger Schwarzröcke, sie ordnet sie jedoch ein: Ein ganzes Land hat es über eine lange Zeit hinweg nicht geschaft, sein größtes Gut, die Kinder, vor der Gewalt von Erwachsenen, von Älteren und Stärkeren zu schützen.
Wenn ich in den Bergen des irischen Südwestens unterwegs bin, denke ich oft an die irischen Priester. Ich komme an Orten vorbei, an denen sie geheime Messen gelesen, an denen sie getauft und gesegnet haben, an denen sie sich vor den englischen Besatzern versteckt haben. Vor 300 und 400 Jahren haben die katholischen Priester im Untergrund gelebt und den unterdrückten Menschen Irlands Beistand geleistet und ihnen Kraft gespendet, damit sie ein schwieiriges Leben dennoch meistern und damit sie im Glauben durchhalten konnten.
Bevor die keltische irische Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts vom Vatikan eingenordet wurde und unter die Fuchtel der alten Männer in Rom geriet, bevor sie sich im Vakuum eines befreiten und nach Struktur suchenden Irlands radikalisierte und zur unterdrückerischen Ordnungsmacht im Staat wurde, war Irlands keltisch-katholische Kirche eine andere, eine freiere und positivere und mit ihren pantheistischen Elementen auch buntere – und ihre Priester waren im revolutionären Auftrag unterwegs.
Seit Königin Elisabeth I. von England die Anglikanische Kirche auch in Irland als Staatskirche etabliert (1560) und den Besuch katholischer Zeremonien verboten hatte, später, als die Penal Laws (1695 – 1825) die Unterdrückung der Katholiken massiv verschärfte und den Klerus in den Untergrund trieb, wirkten Irlands Priester im Verborgenen an geheimen Orten in den Bergen, hinter hohen Hecken und in verlassenen Landstrichen. Sie reisten möglichst unerkannt über Land, hielten ihre Gottesdienste im Verborgenen an den Mass Rocks ab. Meist diente eine tischähnlicher Steinklotz oder eine Felsplatte als Altar. Diese Orte haben gläubige Menschen bis vor kurzem noch in Ehren gehalten und regelmäßig besucht. An manchen Natur-Altaren wird noch immer einmal im Jahr eine Messe gelesen. Doch die steinernen Zeugen des Überlebenswillens der Iren geraten allmählich in Vergessenheit.
Ich komme oft an einem Natur-Altar am Hungry Hill vorbei. Am Fuß des wuchtigen Felsmassivs im Zentrum der Beara Peninsula haben Priester lange die heimlichen Messen für die Landbevölkerung der umliegenden Dörfer abgehalten. Weiter oben am Berg befinden sich The Caves of the Priest, Grotten im Fels, höhlenartige Schutzräume, in denen die Priester schliefen und sich versteckt hielten. Sie hatten guten Grund: Auf ihren Auftrag stand damals die Todesstrafe.
Besonders im 17. und 18. Jahrhudnert wurden die von Ort zu Ort wandernden Pfarrer von den englischen Kolonialisten massiv verfolgt. Aus dieser Zeit stammt die Legende vom Priest’s Leap, dem Sprung des Priesters. Der Priest’s Leap ist ein Pass auf der Grenze zwischen den Graftschaften Cork und Kerry, zwischen den Orten Bantry und Kenmare.
Laut Überlieferung war ein Priester auf dem Weg zu einem Kranken, als Spione ihn entdeckten und Soldaten zur Verfolgung riefen. Ein Bauer warnte den Priester und gab ihm sein Pferd. Doch die englischen Soldaten schnitten dem Glaubensmann an einem steilen Berghang in der Nähe des Passes den Fluchtweg ab. In höchster Not trieb der Priester sein Pferd auf die Felsklippe zu. Durch göttliche Fügung soll das Pferd einen unglaublichen Sprung hinunter ins Tal gemacht haben – laut Legende drei Meilen weit bis in die Nähe von Bantry. In Wirklichkeit beträgt diese Distanz zwölf Kilometer Luftlinie. Die Soldaten jedenfalls waren von dem Wundersprung so erschüttert, dass sie die Verfolgung aufgaben.
An dem Felsen, auf dem der Priester und das Pferd landeten, sollen bis heute Abdrücke der Hufe, des Pferdekopfes und der Finger des Priesters zu sehen sein. Eine Gedenkplakette in Bantry’s Neustadt an der N71 erinnert an die rettende Landung von Ross und Reiter. Die Absprungstelle am Berg ziert heute ein Kreuz.
An einem Sonntag im Sommer 2012 versammelte sich auf dem Priest’s Leap unterhalb des Knock Bui, Corks höchstem Berg, eine Festgemeinde aus den Tälern des River Sheen und des Coomhola River. Zahlreiche Priester, und auch die Bischöfe von Cork und Kerry waren gekommen, um den 400. Jahrestag des großen Sprunges und diese sagenhafte Geschichte der Hoffnung zu feiern. Demnach hatte sich dieser im Jahr 1612 ereignet. Die Jahreszahl ist seitdem auf einem Gedenkstein auf der Passhöhe verewigt. Es könnte auch ein anderes Jahr, Jahrzehnt, sogar Jahrhundert gwesen sein. Der Kern der Legende allerdings stimmt: Irlands Klerus hat sich schließlich aus der langen Unterdrückung und der Verlolgung befreien können. Die Hoffnung, die die Legende vom großen Sprung des Priesters ausdrückte, hat sich erfüllt: Irlands Priester haben sich gerettet und befreit – um dann selber zu Tätern und zu Opfern ihrer unterdrückten Leidenschaften zu werden.
Was die Menschen in der Bantry und der Kenmare Bay wohl im Jahr 2412 über Irlands Kirche und ihr Personal sagen werden? Ob man sich erinnern wird?
Ortskoordinaten: 51°47’36.2″N 9°28’15.9″W (Priest’s Leap)
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Alle Fotos: Markus Bäuchle




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