MS JUlia Cork

115 :: Julia, ein mobiler Ort.

In diesem Geschichtenzyklus erzähle ich über Orte. Einer soll nicht unerwähnt bleiben, ein beweglicher, einer der schwimmt. Er gehörte in den frühen Zehnerjahren zu einem kleinen Teil auch uns, in Form einer halben Duschkabine, eines 20 Meter langen Taus oder eines Speisesaal-Trolleys vielleicht, so meinten wir. Der Ort war eine Sie. Sie hieß Julia, trug blau-weiß und war 153 Meter lang. Das Fährschiff konnte 1900 Passagiere, 30 Lastwagen und 400 Autos transportieren und fuhr in zehn Stunden von Cork über das Meer nach Swansea in Wales.

Im Jahr 2009 waren alle Tourismusbetriebe von der West Cork Tourism Cooperative um ihren Solidaritätsbeitrag gebeten worden, damit die seit 2006 ausgesetzte Fährverbindung zwischen Südwest-Irland und Wales wieder aufgenommen werden konnte. Die Initiative sammelte drei Millionen Euro ein, wir leisteten unseren bescheidenen Beitrag von 250 Euro, um die Fastnet Line zu gründen und die MS Julia für sieben Millionen Euro von einem finnischen Insolvenzverwalter zu kaufen.

Im März 2011 nahm die Julia in frischen Farben den Betrieb auf. Sie hatte schon viele Reisen hinter sich, war nach dem Bau in Bremerhaven ab 1982 als Olau Britannia unterwegs, kollidierte im Jahr 1984 im Ärmelkanal mit einem Frachter, fuhr nach der Reparatur unter den Namen Bayard und Christian IV, wurde schließlich zur Julia und verkehrte zwischen Cork und Swansea.

Sie brachte uns zu Dylan Thomas Schreibschuppen und in Richtung Oxford. Sie fuhr nur zwei Sommer. Im November 2011 war Schluss. Die Kosten seien zu hoch, hieß es, das Geld war aufgebraucht, eine solide Finanzierung nicht in Sicht. Die Betreiber der People’s Ferry – wie sie hieß, weil sie von vielen einfachen Leuten bezahlt worden war – gaben der Bürokratie und den Dieselpreisen die Schuld. 78 Menschen verloren ihren Job. Die Lage blieb undurchsichtig, auch unsere Einlage ging verloren, von Dilettantismus und Missmagement war die Rede.

Die Julia wurde für angeblich fünf Millionen Euro nach Italien weiter verkauft, wo sie einige Jahre als Moby Zazà in schriller Bemalung im Mittelmeer schipperte. Seit dem Frühjahr 2025 fährt oder ankert die Ex-Julia unter der Flagge von San Marino. Sie heißt jetzt Zazà, nennt sich Hotelschiff und hält sich in Südostasien auf. Zuletzt wurde sie im Hafen von Singapur vor Anker gesichtet. Sie trägt wieder blau-weiß.

MS Julia

 

Ortskoordinaten: 1°28’01.2″N 103°49’49.0″E (Singapur, Sembawang Port, 25. August 2025)

 


Orts-Zeit

 

Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.

Alle Fotos: Markus Bäuchle; außer: Bild Mitte Moby Lines


 

Julia Cork-Swansea Ferry