012 :: Cobh, Blick aus der Fährkabine

Es gibt Fragen, die ich mir jahrelang regelmäßig stelle, ohne das dringende Bedürfnis nach einer Antwort zu verspüren. Seit zwei Jahrzehnten fragte ich mich immer wieder, woher der Name des südirischen Seehafens Cobh kommt und was er wohl bedeutet. Heute habe ich nachgeschaut: Cobh bedeutet gar nichts. Das Städtchen südöstlich von Cork auf der Südseite der Great Island hieß einmal Baile Ui-Mhaoileoin (Ort der O’Malones), was die englischen Besatzer in das anglisierte Ballyvoloon umbenannten. Als Queen Victoria im Jahr 1849 im Hafen an Land ging, wurde ihr der Ort zu Füßen gelegt und in Queenstown umfirmiert.

Im Sommer 1920, die Unabhängigkeit Irlands lag in der Luft, beschloss die Stadtverwaltung, ihren Ort in Cobh umzubenennen. Der Name ist wohl der Zeit zwischen den Zeiten geschuldet: Er knüpft an den alten Namen des Marinehafens vor der Stadt an, den die Engländer Cove of Cork, die Bucht von Cork, genannt hatten: Cove wurde lautmalerisch gälisiert, und der Name Cobh war geboren. Was irisch klingt, ergibt im Irischen allerdings keinen Sinn, denn das Wort existiert nicht. Cobh, gesprochen wie Cove, heißt also irgendwie: Bucht.

Das schmucke Hafenstädtchen mit dem nahen Marinestützpunkt Haulbowline, das heute knapp 13000 Einwohner zählt, hat viel gesehen und viel erlebt: Von hier verließen in Zeiten des Hungers und der Not zwischen 1848 und 1850 zweieinhalb Millionen Irinnen und Iren ihr Land in Richtung Nordamerika. Von hier wurden zahlreiche Iren in die Strafkolonie Australien deportiert. Hier ankerte die Titanic im April 1912 das letzte Mal, bevor sie in den Untergang fuhr – in Queenstown waren 123 Passagiere zugestiegen, 44 überlebten die Katastrophe. Im Ersten Weltkrieg, im Mai 1915, wurden die 700 Überlebenden und die geborgenen Körper der 1198 Toten der Lusitania in Queenstown an Land gebracht. Das Passagierschiff war auf der Fahrt von Amerika nach Liverpool beim Old Head of Kinsale von einem deutschen U-Boot versenkt worden.

Auf der Überfahrt vom nahen Fährhafen Ringaskiddy nach Roscoff in der Bretagne werfe ich gerne einen Blick auf Cobh und die St. Colman’s Kathedrale, die 91 Meter hoch über der Stadt thront.

 

Ortskoordinaten: 51°50’37.4″N 8°17’31.2″W (aus der Kabine der Pont-Aven, Brittany Ferries)


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle