Prinzessin Beara

011 :: Ballard Commons, Grab der Prinzessin Beara

Wenden wir uns für ein paar Augenblicke ab von der Gegenwart, in der wir gerade sehr angestrengt versuchen zu verstehen, was richtig und was falsch, was Wahrheit und was Erfindung oder Lüge ist. Schauen wir zurück auf eine Zeit in Irland, die heute prä-historisch genannt wird: die Zeit, aus der es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, die Zeit, von der wir wenig wissen und in der die großen Mythen ihren Feinschliff erhielten: Die Mythen der Hag of Beara, der Invasion der Milesier, der sagenumwobenen Könige Heber und Eoghan Mór (Owen), und der Prinzessin Beara, die uns als lokale Erzählungen auch heute faszinieren. Sie dringen als mündliche Überlieferungen aus sagen-haften Zeiten in unser Gegenwarts-Bewusstsein, Narrative aus der präfaktischen Zeit vor unserer Zeit.

Im August 2008 stieg eine Abordnung der Geschichtsgesellschaft von Castletownbere in die menschenleeren Berge der Beara-Halbinsel. Sie war auf einer Mission, hatte eine steinerne Gedenktafel, Werkzeuge und Mörtel im Gepäck. Hoch oben, irgendwo zwischen den Gipfeln von Maulin und Knocknagree, im Hochtal von Ballard Commons, steuerten die Wanderer einen Felsen inmitten von hunderten Felsen an. Sie hielten inne, schraubten die Tafel an den mächtigen Stein und gedachten einer Frau, die im zweiten. Jahrhundert unserer Zeit gelebt haben und irgendwo dort oben in den einsamen Caha Mountains begraben sein könnte: Prinzessin Beara. Auf der Gedenktafel wird ihr Name in der irischen Form, Béarra, geschrieben.

Heute gibt es wenige Hinweise auf den Gedenkort im nassen Hochtal von Ballard Commons. Mein Freund Peter wusste davon, und Susanne Iles, Beara-Chronistin a.D., berichtete Monate später von der Prozession. Der Archaeologe Conny Murphy, Spiritus Rector der Mission, ist über den Weg der Erinnerungslosigkeit auf die andere Seite gegangen. Der Mythos der Prinzessin Beara aber lebt weiter. Und wer weit genug begauf gestiegen ist, findet unvermutet auch Wegweiser zum Ziel. Warum der ganze Aufwand? Nun, die spanische Prinzessin, Tochter der kastilischen Königs Heber, Frau des Eoghan Mór, soll, könnte die Namensgeberin der Halbinsel Beara im westlichsten Winkel von West Cork gewesen sein.

Owen, der König von Munster und Vorfahre des O’Sullivan-Clans, war den Legenden zufolge nach einer verlorenen Schlacht von Bere Island mit dem Boot nach Spanien geflüchtet und von dort später mit seiner jungen Frau Beara nach Beara zurück gekehrt. Er stieg mit ihr auf den höchsten Berg (heute Hungry Hill), und zeigte ihr sein Reich, das Land, das er nach ihr benannte: Die Beara-Halbinsel und Bere Island. Dort oben in den Bergen tauchen die mythischen Figuren aus dem Nebel der Geschichte auf, nur um wieder darin zu verschwinden. An Owen Mór erinnern noch heute die Ortsnamen Rossmacowen, Kilmacowen, Cnoc Eoghan.

Irische Geschichtserzählung fasziniert, weil sie in vielen Generationen mündlicher Überlieferung Mythos und Geschichte, kollektives Erinnern und Fakten fein und undurchdringlich miteinander verwoben hat – und weil im Mythos immer ein wahrer Kern enthalten ist.

Zusammengefasst die Fakten: Eine Gruppe zeitgenössischer Irinnen und Iren, die sich der Geschichtsforschung verschrieben haben, wandert in ein Hochtal in den Bergen, bringt an einem einsamen Felsen eine Gedenktafel für eine Frau an, von der niemand weiß, wann, wie und ob sie wirklich gelebt hat. Die Gruppe markiert einen Ort, an dem sie vielleicht begraben sein könnte. Sie lässt ein Porträt anfertigen, das die Prinzessin vor fast 2000 Jahren zeigen soll. Die Frau geht hochgeschlossen mit Halskrause im Stil der Mode des spanischen Mittelalters.

So könnte sie ausgesehen haben. So könnte es gewesen sein. Dort könnte sie ruhen. Die Phantasie kennt keine Grenzen. Man möchte sie gerne anrufen, wie einen Telefon-Joker, sie fragen: „Prinzessin Beara, sag mal . . .“

 

 

Ortskoordinaten: 51°41’32.6″N 9°51’15.5″W


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle