009 :: Der Ort an sich; Geheimnisse
Wir Menschen sind aufgeklärt. Wir haben uns und die Welt entzaubert. Wir schaffen die Geheimnisse ab. Wir wissen sogar ziemlich genau, wie die Liebe funktioniert. Reine Chemie. Ein bisschen Dopamin und Testosteron, Oxytocin oder Vasopressin, am Ende noch mehr Dopamin und Serotonin — das sind die Stoffe der Verliebtheit, der Treue und der Trennung. Wir sind bald so, wie wir uns Gott vorstellen. Wir lenken unser Leben — zumindest bis es auf Autopilot stellt.
Was ist ein Leben ohne Geheimnisse? Ohne Rätsel, ohne geheime Orte? Ohne Zufälle und Zufallsfunde? Die Welt ist längst bis auf den letzten Quadratmeter vermessen. GPS-Koordinaten lassen uns am Bildschirm finden, was wir noch nicht einmal gesucht haben. Wir leben auf 53.0851343678525, -9.586211096170452 oder auf 51°26’06.3″N 9°29’45.4″W. Wir müssen noch nicht einmal mehr vom Bildschirm aufsehen oder aussteigen, um einen Ort zu „erkunden“.
Nur wenige Orte in Westeuropa widersetzen sich noch der digitalen Komplettaufzeichnung, der permanenten Kontrolle und der kinderleichten Erreichbarkeit. In unserer Wahlheimat an Irlands Atlantikküste gibt es noch Landschaften, in denen nicht jeder Stein schon dreimal umgedreht und zehnmal fotografiert wurde. Hier gibt es noch Orte, die zuletzt vor einigen hundert Jahren begangen wurden, Plätze, deren Historie bis heute nicht dokumentiert ist. Darf man diese offenbaren?
Was eigentlich macht einen Ort zu einem Ort mit Bedeutung? Bis vor kurzem war es seine Geschichte oder zumindest eine Geschichte: Der Ort hat sozusagen etwas „erlebt“, zumindest etwas „erfahren“. Jemand hat in der Vergangenheit zum Beispiel eine Entscheidung getroffen, den Ort zu bebauen: mit einem Steinkreis oder einer Kirche, einer Wohnstätte vielleicht. Oder Feinde haben sich an einem Ort zu einer Schlacht getroffen. Oder Menschen erkannten die günstige Lage eines Ortes an der Furt des Flusses, die Fruchtbarkeit der Erde.
Heute im Zeitalter von Internet und Geocaching reicht es aus, dass Jäger der digitalen Schätze irgendwo in einem Wald oder an einem Flussufer ein kleines Versteck, einen sogenannten Cache anlegen und dessen Koordinaten im Web hinterlegen. Schon bahnen Geocacher ganz neue Pfade durch die Landschaft und geben Orten eine gänzlich andere Bedeutung. Ein bislang völlig unbedeutender Ort kann inerhalb von Monaten Destination werden, das Ziel von zahlreichen modernen Schatzsuchern. Derweil wird die Bedeutung, die Geschichte anderer Orte nicht mehr überliefert. Es wächst Gras drüber. Orte geraten zusammen mit ihrer Geschichte in Vergessenheit — oder sie werden mit einer anderen Bedeutung aufgeladen. Die Bedeutung des Ortes ist die Geschichte, die wir über ihn erzählen.
Manche Orte bewahren ihr Geheimnis. Sie bleiben unerkannt als Ort und schon gar als Ort mit Bedeutung. Oder sie geben nur Hinweise für Eingeweihte, für Wissende, für Feinfühlige, Sensible, die das Kribbeln im Bauch, in den Fingern oder in den Füßen wahrnehmen.
Manchmal ist das Geheimnis eines Ortes auch eine ganz individuelle, ja persönliche Angelegenheit. Denken wir an den Ort, wo wir erste Küsse getauscht haben, down in the hollow, all along the waterfall, in the green grass behind the stadium (Van Morrison).
Nichtwissen kann für Geheimnisse des Ortes verantwortlich sein — und die richtige Information sorgt letztendlich dafür, dass wir ein Geheimnis lüften können. Ein Geheimnis, das gelüftet wurde, ist dann leider keines mehr. Aus Geheimtipps werden leicht Attraktionen. Der Tourismus etwa erzählt positive Geschichten über Orte und verwandelt systematisch nur lokal genutzte in viel besuchte Orte — das Prinzip der Nachhaltigkeit im Tourismus funktioniert in etwa so gut wie das qualitative Wachstum in der Weltwirtschaft.
Über manche Orte wird man also schweigen. Ein elitärer Ansatz? Vielleicht. Vielleicht aber auch Respekt für den Selbstwert der Natur, für Landschaft, die sich bislang dem Verwertungszwang des Nutzwertdenkens entzogen hat. Landschaft, die noch nicht zur Ware gemacht worden ist.
In Jahrmillionen hat der Atlantik den alten Sandstein an der Küste Südwest-Irlands bearbeitet und geformt. Er hatte unendlich lange Zeit und schuf bizarre Formationen. Ich brauchte immerhin 14 Jahre Leben ganz in der Nähe, um die alten Brandungstore am wilden Atlantik erstmals zu sehen. Sie liegen gut versteckt. Die Einheimischen haben das Geheimnis bis heute weitgehend bewahrt. Dies ist ein geheimnis-umwitterter Platz, den ewigen Gewalten des Wassers und des Windes seit Menschengedenken und viel, viel länger noch ausgesetzt. Ohne große Bedeutung. Ohne Zweck. Berauschend schön. Noch.
Wir sind nicht mehr allzu weit von einem Zustand entfernt, den der Psychologe C. G. Jung schon vor fast 100 Jahren erreicht sah: „Das einzig lebenswerte Abenteuer kann für den modernen Menschen nur noch innen zu finden sein.“ Noch sind wir nicht ganz so weit.
Ortskoordinaten: – – –
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle


Hinterlasse einen Kommentar