MRI Scan

043 :: Am Kernspin: Wenn irische und deutsche Mentalität sich freundlich begegnen

Dieser irische Sommer war wie ein langer Herbst, der nicht enden wollte. Heute früh fuhr ich im Morgenregen nach Cork City. Ich wollte den Termin auf keinen Fall verpassen. Per Post hatte ich vom Sekretariat der Kernspintomatographie ein streng formuliertes Merkblatt erhalten: Ich müsse unbedingt pünktlich sein, sonst verfalle der Termin. Ich also ganz deutsch, fünf Minuten vor der Zeit. Fünf Minuten nach mir taucht ein humpelnder Mann in Badeschlappen und kurzen Hosen auf. Er sagt nichts, gibt sein Papier an der Rezeption ab. Die Rezeptionistin studiert das Schreiben und schlägt diesen mütterlichen Ton an: „Sorry Nick, Du bist zu früh, Dein Termin ist erst heute Abend um 18:15 Uhr. Na ja, Du hast die 8 gesehen. Kein Problem, setz Dich erst mal hin, wir versuchen Dich noch irgendwie rein zu quetschen.“

Nick hatte 18:15 mit 8:15 Uhr verwechselt. Trotzdem schön, wenn man Nick heißt. Während ein weiterer Kunde ansteht, der erst nächsten Monat Termin hat und dann doch wieder weggeschickt wird, wird Nick spontan in den Arbeitsplan eingebaut und kommt statt mir in den Kernspin. Macht ja nichts. Die paar Minuten. Er läuft ja auch viel schlechter als ich. Zum Trost bekomme ich eine Quittung mit Nicks Namen.

Und dann doch: Meine 15 Minuten in der Röhre. Früher gabs mal Musik zur Beruhigung, heute, trotz MRI-Kopfhörer das laute Brummen, das Rattern, das Stöhnen, das Trommeln des Scanners. Es klingt wie deutscher Techno der 80er-Jahre. Drum & Bass. Frankfurt, Sven Väth, der Bauch tanzt. Plus Vogelzwitschern. Das ist die Heliumversorgung der Maschine, klärt mich die freundliche Scannerin später auf und gibt mir einen Crashkurs in Kernspin-Wissen. Alle sind unheimlich nett hier, redselig wie im Pub – und das am frühen Morgen in einem Krankenhaus in Cork. Ergebnisse gibt es allerdings erst 14 Tage, nachdem der Hausarzt den Report gesehen hat. Haftungsbegrenzung wegen Dr. Google und Selbsttherapie und so . . .  Sorry.

Die Scan-Schwester, von der ich nun auch weiß, wo sie ihre nächsten Urlaubstage verbringt („We try Dursey Island“), hat mir dann doch noch verraten, dass ich mir – nach allem, was sie in der Schnelle gesehen hat – über diese Petitesse keine Sorgen machen müsse: „Das kriegst Du mit Pilates wieder hin – und wir sehen Dich hier nie wieder!“ Es sei denn, sie schicken meinem Hausarzt Nicks Report . . .

Ich fahre amüsiert zurück nach West Cork. Der Regen hat sich erschöpft, das Licht setzt sich durch, ein heiterer Spätsommertag zieht auf. Die Sonne steht schon tief, es riecht nach Herbst.

Ortskoordinaten: 51°53’49.0″N 8°28’35.7″W (CUH Cork)

 


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle