095 :: Fernweh-Orte, nie besuchte Orte
Ich lebte so lange in der Ferne, bis sie zur neuen Nähe wurde; bis ich vergaß, wie sich Fernweh anfühlt. Ich kam dort, das jetzt das Hier ist, zur Ruhe. Ich wollte bleiben, an einem Ort sein – dem Ort, an den mich die Sehnsucht lange hin fantasiert hatte. Ich blieb am Atlantik und schaute aufs Meer. Tage, Monate, 25 Jahre lang.
Letzte Woche träumte ich das Gefühl des Fernwehs, diese innere Schockwelle, die mich früher schier platzen ließ, voll und prall, dabei spitz und scharf, wie ein aufs Ziel gerichteter Pfeil, und doch auch dumpf und trauerschwer, wie die kindliche Vorahnung einer Depression. Hier sein und dort sein wollen, wollen und nicht können, Verlangen ohne Erfüllung. War es eine Erinnerung an das Fernweh oder ein Heimweh nach Fernweh, was mich so unvorbereitet im Schlaf überrollte?
Das erste Mal fernwehkrank wurde ich mit zwölf. Ich war mit Jack London dem Lockruf des Goldes und der Wildnis gefolgt. Ich fantasierte mich in die Saloons von Dawson City, auf die Goldgräberfelder am Klondike und am Yukon, in die Wälder Nord-Kanadas und die weiten Schneewüsten Alaskas. Ich lebte wochenlang in imaginierten Blockhütten.
Das zweite Mal fernwehkrank wurde ich mit 14. Ich hatte die ersten Botschafterinnen des Begehrens in unserer kleinen Stadt kennen gelernt. Der Schüleraustausch brachte faszinierende fremde Wesen in unseren eintönigen Landstrich: A. aus Versailles und M. aus Hertfortshire. Wir erlebten einen fiebrigen Sommer. Ich ging das erste Mal alleine mit Mädchen aus. Wir hörten das Rote und das Blaue Album auf Plattenspielern und trafen uns an Nachmittagen in der ersten italienischen Eisdiele der Gegend zu Gelati Cortina.
M. schenkte mir eine in Moschusparfüm getränkte Kette mit kleinen bunten Perlen. A. sagte: Du wirst immer mein erster Freund sein. Beide verschwanden nach drei rauschhaften Wochen in dieser Ferne, die alles versprach. Ich blieb zurück, dort wo es kein Heimweh gab. Wir schrieben Briefe, die meinen Schmerz befeuerten. Mich zog es nach Paris, nach London, den Fluchtpunkten meiner Sehnsüchte. Der Winter kam, ein neues Jahr, ein Gegenbesuch blieb mir verwehrt. Wir mit den kleinen Gedanken und der kleinen Wohnung hatten keinen Besuch aufnehmen können.
Die dritte Fernwehwelle spülte mich über den Kanal zum ersten billigen Standby-Flug nach Heathrow. Ich war 19 und flog nach New York City. An der Energie dieser Stadt musste ich im Zeitraffer wachsen. Nach einer Woche sah ich einen sterbenden Mann in der U-Bahn. Niemand kümmerte sich. Auch ich nicht. Ich wollte vor Scham abreisen und blieb, fand Schutz bei einer wilden Tänzerin. Nach einem Monat kehrte ich in ein optisch geschrumpftes Deutschland zurück.
Mit 40 Jahren nach Irland zu ziehen, war nicht mehr dem Fernweh geschuldet. Ich hatte ihm schon oft genug nachgegeben und war nach Irland gereist. Der Beruf hatte mich in die Welt geführt, das Fernweh nach Irland. Meine Seele war dort schon heimisch, als wir zum Bleiben ankamen. Ich hatte meine Grenzen des Reisens erfahren, Möglichkeiten ausgeschlagen, das Fernweh zu stillen: Ich war allzu oft in Paris und in London, doch nie in Island, nie in Alaska, nie in Ladakh, auch nie auf Hydra und nicht in Neuseeland.
Das Reisen an andere Orte zum Selbstzweck, was manche Ferien nennen, ist eine ordinäre Angelegenheit geworden. Eine geplante Enttäuschung. Mir fehlt die Energie, sie schön zu reden. Die Wirklichkeit kann den Bildern schon lange nicht standhalten. Utopia ist ein Ort ohne Geografie. Ich bleibe und schaue aufs Meer.
Vorerst.
Ortskoordinaten: Die Koordinaten von Utopia sind derzeit unbekannt
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Titelfoto: Markus Bäuchle (Männer mit Currach, Scraggane Pier)


Lieber Lorenzo, liebe Kathrin, Nicole und Sylvia, ich freue mich sehr, dass ein solch respekt- und gehaltvoller Austausch möglich ist. Vielen Dank für Eure schönen und bereichernden Gedanken. Markus
❤
Lieber Markus
Über Deinen wehmütigen Traum – geborenen Gedankenfluss bin ich nun lange einfach “ dahin getrieben“ um mir ein bisschen meine vielen Gedanen dazu zu sammeln und zusammenzufassen, was mich darin berührte. Fernweh ist für mich definitiv die Sehnsucht etwas in der Ferne (nomen est omen) entdecken zu wollen, was man noch nicht kennt aber das einen magisch aus irgendeinem Grund anzieht.
Die Gründe können wie besonders Lorenzo so treffend beschrieb sehr vielgestaltig sein.
Mich trafen solche Wellen vielleicht besonders heftig, weil ich einen ganzen Teil der Welt nicht bereisen konnte, der mich interessierte. Einfach weil es da einen brutalen Eisernen Vorhang gab… zwar konnte man die andere, auch ziemlich große Welt bereisen: von Polen,Tschechoslowakei (so hieß das eine Land damals noch), Ungarn, Bulgarien, Rumänien, bis hin in jeden einzigartigen Winkel des Vielvölkerstaates Sowjetunion, also vom Kaukasus über den Ural, das Nordmeer, Steppen bis in die Wüsten in die herrlichen alten Kulturen Usbekistans und und und… bis hinüber in den Tienschan, Pamir und den von mir so geliebten Altai, in die von mir noch mehr einst geliebte Mongolei und sogar ins wilde Kymgansan nach Nordkorea… Patienten (in diesem Fall Kinder) konnte ich zu Kuren auch nach Jugoslawien (damals noch ein Land) und Zypern schicken… ich zähle das alles deshalb hier auf, weil es eine schier unglaubliche Weite war und ebensolche Vielfalt der Welt die auf Entdeckungen wartete…
Aber wie es so ist im Leben, das, was verboten ist reizt noch viel mehr und weckt eine kaum beschreibbare Sehnsucht in die verbotene Ferne…
Und so saß oder lag ich schon als 10 Jährige vor den immer wieder gleichen, kleinen wunderschönen Bildchen der Schweizer Alpen (die hinten auf irgendeiner Marke von Schokoladentafeln „aus dem Westen“ gewesen waren und die ich mir in der Schule eingetauscht hatte gegen eine wunderschöne Puppe (ich mochte keine Puppen und diese war ein Geschenk gewesen)… und träumte mich intensivst dorthin.
Ähnlich ging es mir so ab dem 11. Lebensjahr mit Indianerstämmen Südamerikas durch Bücher, die ich geschenkt bekam mit wunderschönen Beschreibungen und Fotografien (Erich Wustmann war der Autor). Diese Bücher begründeten meine intensive weitere Lektüre zu Allem, was ich über „fremde Völker“ aber eben besonders Indianer Nord- und Südamerikas bekommen konnte… und später meinen Einsatz für echte Hilfsprojekte vor Ort. Ich sammelte Briefmarken aus aller Welt und betrachtete einige ganz bestimmte ebenso immer wieder voller Fernweh: da, in dieses Land wollte ich unbedingt mal hin, eines Tages…
Ich muß dazu sagen, dass unsere Familie (Biologen) im Familienrat mit uns Kindern einst beschloß keinen TV anzuschaffen, also hatte ich diese Quelle für Fernweh nicht (damals)…
Ich suchte teils auf abenteuerlichen Wegen Kontakte in diese verschlossene andere Welt und fand sie (neben all den Brieffreunden die ich im Teil der Welt haben konnte, der frei zugänglich war) entsprechend. Aus gleichem Grund lernte ich (es flog mir zu, ich mußte da nicht viel tun) viele Sprachen, so dass ich mich mit all den Brieffreunden in deren Sprache „unterhalten“ konnte. Das wiederum war nicht nur zutiefst bereichernd, es nährte zu ganz bestimmten Menschen und Orten ein Fernweh, eine Sehnsucht, den Traum einst doch noch dorthin gelangen zu können.
Und folgerichtig bereiste ich genau diese ganz bestimmten Fernweh – Orte „nach der Wende“. Nicht alle, das ging aus familiären und finanziellen Gründen nicht aber zumindest die, die mir so tief in die Seele geleuchtet hatten, dass ich es nie vergessen konnte…
Während der Wende hatte ich sogar zwei sehr enge Brieffreunde, die mir – ganz von sich aus (weil sie dachten nun ginge in jeder Weise alles krachen) – anboten, unsere Übersiedlung in ihr Land zu organisieren und mit der eigenen Familie uns anfangs zu unterstützen bei allem wie Wohnung, Arbeit Schule für die Kinder etc… Das betraf meine Fernweh- Sehnsuchtsorte Neuseeland und Island. Wir haben wirklich darüber nachgedacht und uns dann gemeinsam aber anders entschieden… Island haben wir beim Besuchen meiner Freundin dort immer wieder und sehr intensiv kennengelernt, Neuseeland leider nie… und, wer ahnt es : die erste Reise nach der Wende führte mich in die Welt der Schokoladenbilder: in die Alpen der Schweiz …
Nachdem ich ein einziges Mal einen Fernwehplatz tatsächlich im Abstand von 10 Jahren noch einmal besuchte (um ihn begeistert meinen Eltern zu zeigen) passierte mir das, was Nicole klugerweise vermied: ich war entsetzt, was daraus geworden war… Von da an kehrte ich bei allen Reisen um die weite Welt nie mehr 2x an denselben Ort zurück… Aber es gab auch Orte in der Ferne die uns fast eine zweite Heimat wurden in Italien und vor allem in Südfrankreich und Nordspanien in den Pyrenäen…
Und sofern man tatsächlich an einem Fernweh- Ort findet, was man für ein glücklicheres Leben als einst daheim braucht- dann ist das vielleicht für immer oder eben je nach Veranlagung und dem was das Leben einfach alles mit bringt auch nicht. Wenn Dich jetzt im Traum so eine Fernweh- Welle erfasst hat, fühlt sich Deine Seele vielleicht gerade etwas eingezwängt in alltägliche Dinge oder Zwänge …
Ich bin zutiefst dankbar für all das, was ich auf dieser Erde sehen und erleben konnte bisher und das macht mich im Mikro- und Makrokosmos meines Lebens ziemlich glücklich. Das Mass ist nicht mehr all die Orte des einstigen Fernweh zu sehen und zu erleben zumal ich aus guten Quellen schon weiß, wie sehr sie inzwischen anders geworden sind. An den einst von Erich Wustmann noch als hidden gem besuchten Iguazu- Wasserfällen ist inzwischen Massentourismus, die Anden sind nichts mehr für mich (auch wenn ich ganz sehnsuchtsvoll Filme davon anschaue, die zB die Torres del Paine zeigen (wieder nomen est omen), weil ich leidvoll erfahren musste was Höhenkrankheit (trotz Prophylaxe) mit einem macht… das verbietet mir auch Touren in den Himalaja … und so ließe sich das lange fortsetzen. Nur, es schmerzt nicht mehr, es überrollt mich kein Fernweh mehr… ich fühle mich hier wunderbar daheim und voller Entdeckungen macht mich jeden Tag diese Insel mit irgendetwas glücklich und sei nur das abendliche Spektakel der 120 ausfliegenden Zwergfledermäuse aus meinem Dachgiebel oder der Blick von unseren schönen Bergen, eine kleine Cove, die blauen leuchtenden „Steine“ im herrlichen gravelbed des Araglin oder kleine einsame Orte im Burren … oder nur das was der Himmel so oft über uns breitet an Herrlichkeiten…
Lieber Markus,
und doch wird sie bleiben, diese Sehnsucht nach dem Anderen, nach dem, was verführerisch fremd erscheint, dabei wissen wir längst, dass es wie in der Geschichte vom Hasen und Igel ist, denn wo man auch hinreist, die Globalisierung ist schon da.
Aus Angst, bis zur Unkenntlichkeit entstellte Orte anzutreffen, kehre ich nicht dorthin zurück, wo ich als junge Globetrotterin glücklich gewesen bin. Aber sie leben in meinem Gedächtnis weiter. Noch lange, nachdem ich sie verlassen habe, trage ich Landschaften in mir, die ich bereisen kann, wann immer ich möchte. Erinnerte Orte, die Trost und Kraft spenden und manchmal am stärksten wirken, wenn ich ihnen am fernsten bin.
Ich bleibe daheim und schaue auch aufs Meer.
Liebe Grüße
Nicole
Lieber Markus
das war/ist/wird sehr ehrlich! Ich kann mich richtig einfühlen. Ich finde, wenn du kein Fernweh mehr empfindest, bist du entweder (vorerst) zutiefst gesättigt und zufrieden oder schon halb gestorben…
Die Kunst besteht darin, nicht gleich der Sehnsucht nachzugeben und zu prüfen, wohin es dich wirklich zieht, denn dort wartet mit Sicherheit etwas auf dich. Und wenn du es dann weißt, rel schnell zu handeln, denn es wartet vielleicht nicht 20 Jahre…
So sehe ich das, und ich handle danach.
Immer habe ich wundersame Überraschungen erlebt, die mir zeigten, dass der Ruf im Traum der Richtige zum richtigen Zeitpunkt war.
Verlasse dich auf dich (klingt das schräg…!)
Besser finde dich im Nachdenken und Fühlen.
Danke für diesen tiefgründigen Beitrag
Liebe Grüße Kathrin
Lieber Markus, ein spannender Beitrag, der zum Denken anregt, also auch mich. Ich ertappte mich bei der Frage, was Fernweh für mich als Vielreisender ist. Vielleicht ist Fernweh nicht nur die Sehnsucht nach einem anderen Ort, sondern viel mehr das stille Echo eines inneren Zustands, in dem ich noch nicht ganz bei mir angekommen bin. Manchmal spüre ich, dass mir nicht der Ort fehlt, sondern der Zugang zu mir selbst. Dass ich mich nicht daheim fühle, weil ich mich in meinem eigenen Körper noch nicht ganz bewohne, weil etwas in mir unterwegs ist, noch nicht gelandet, noch nicht ganz sicher.
Und selbst wenn ich angekommen bin, wenn ich mit mir verbunden bin, in mir ruhe, mich in meinem Körper zu Hause fühle, selbst dann kann dieses Gefühl ins Wanken geraten. Durch eine Trennung vielleicht, einen Verlust, ein Wort, das tiefer trifft, als gedacht, ein Moment, in dem ich plötzlich wieder fremd bin in mir. Nicht weil ich etwas falsch gemacht habe, sondern weil Leben nun mal auch bedeutet, sich zu verlieren, um sich neu zu begegnen.
Vielleicht tut Fernweh deshalb so weh, weil es mich daran erinnert, dass ich gerade nicht ganz bei mir bin oder dass ich den Ort in mir verloren habe, an dem ich mich sicher und verbunden fühle. Und so zieht es mich hinaus, in die Weite, in die Bewegung. Nicht um zu fliehen, sondern um mich wiederzufinden. Ich nenne es manchmal Fernlust. Diese lebendige Kraft, die mich treibt, nicht weil es mir hier schlecht geht, sondern weil ich spüre, dass ich unterwegs bin, nicht nur auf der Landkarte, sondern auch in mir.
Denn wenn ich mich bewege, kommt etwas in mir ins Fliessen. Und auch wenn ich nicht immer weiss, wo ich ankomme, weiss ich doch: Diese Bewegung macht mich wach, sie hält mich lebendig, sie lässt mich spüren, dass ich nicht verloren bin, sondern auf dem Weg. Und so kam es, dass ich mich einem neuen Vorhaben zuwandte und nun seit Wochen fast täglich, wenn es das Wetter zulässt, auf Wanderschaft bin in den Schweizer Bergen. Was für ein schönes Land.
Wie schön geschrieben… Danke