104 :: Lieblingsinsel in Gedanken; Inisheer, Aran Islands
Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt wo er will*. Heute wandere ich in Gedanken über meine ehemalige Lieblingsinsel. Ich traf Bill nach drei Jahrzehnten wieder. Der junge Draufgänger war sanft und gemütlich geworden. Noch immer betrieb er die Fähre von Doolin nach Inisheer. Lange vorbei waren die wilden Nächte auf Inisheer, als die kompletten Tageseinnahmen schon einmal über den Tresen von Ruari wanderten. Bill hatte es zu Wohlstand gebracht. Die Kinder waren längst ausgezogen. In seinem 7-Bedroom-Haus auf dem Festland bewohnte er mit seiner Frau ein Zimmer und fühlte sich manchmal einsam. Die guten Zeiten seien vorbei, sagte er.
Das sind sie auch für die Insel, die einmal meine Lieblingsinsel war. Im Sommer wird sie zum Rummelplatz für Tagestouristen mit Pferdekutschen und Fast Food. An Spitzentagen wird Inisheer, die kleinste der drei Araninseln in der Bucht von Galway, von 1200 Gästen besucht. Ich leihe mir die Worte von Nicole Quint, die gestern an anderer Stelle hier im Buch der Orte und der Tage kommentierte: „Aus Angst, bis zur Unkenntlichkeit entstellte Orte anzutreffen, kehre ich nicht dorthin zurück, wo ich als junge Globetrotterin glücklich gewesen bin. Aber sie leben in meinem Gedächtnis weiter. Noch lange, nachdem ich sie verlassen habe, trage ich Landschaften in mir, die ich bereisen kann, wann immer ich möchte. Erinnerte Orte, die Trost und Kraft spenden und manchmal am stärksten wirken, wenn ich ihnen am fernsten bin.“
Vor vier Jahrzehnten war Irland ein anderes Land. Anders als das Irland der Gegenwart, anders vor allem als der große Rest von Europa. Irland war arm, es war unterentwickelt und nicht industrialisiert. Es war reich an Natur, recht intakt, unzerstört, das Leben auf den ersten Blick ruhig und gemächlich. Hier dominierten Wetter und Kirche das Leben, während im Rest von Europa die Herrschaft des Konsumkapitalismus aufzog.
In diese Andersartigeit und Ungleichzeitigkeit haben Generationen wunder deutscher Seelen ihre Sehnsüchte und Wünsche projiziert, während die Menschen auf der Insel sich nach einem anderen Leben sehnten – frei vom Zwang des Klerus und der Konventionen, gesegnet mit Geld, Konsum und Unterhaltung. Auch ich war seit den späten 70-er Jahren in Irland unterwegs und suchte hier, was ich in der Heimat nicht finden konnte. Dieses Irland, das wir suchten, gibt es heute nicht mehr. Genau genommen hat es nie existiert.
Meine Irland-Story begann im Jahr 1979. Ich hatte die Fiedeln der Horslips und die Gitarrenriffs von Rory Gallagher gehört, zudem Fotos von irischen Landschaften gesehen. Zurück aus dem dechiffrierten Traumreiseziel New York war nun Kontrast-Programm angesagt: Ich fühlte mich magisch angezogen von der kleinen grünen Insel am westlichen Rand Europas. Warum genau blieb unklar, also sah ich nach.
Ich hatte meinen Volontärs-Ausbilder damals genötigt, mir mindestens fünf Wochen am Stück frei zu geben, damit ich die lange Landreise nach Irland antreten konnte. Am Ende gab der Klügere nach: Im Juli 1979 trampte ich nach Westen. Den Soundtrack zu meinem inneren Road Movie hatte Gerry Rafferty, britischer Sohn eines Iren und einer Schottin, geschrieben: Island, von der LP City to City.
Ich war Jung-Journalist, Geld knapp in jenen Tagen. Per Anhalter gelangte ich durch Frankreich, England und Wales nach Irland. Kaum angekommen, nur eine Anhalter-Tour vom Fährhafen von Rosslare landeinwärts, saß ich schon mittendrin, gemütlich beim Tee mit fremden Menschen, die seltsam freundlich und anteilnehmend sprachen. Um uns herum das weite grüne Land. Schnörkellose Schlichtheit. Schönheit. Eine Natur- und Kulturlandschaft, an der ich mich nicht satt sehen konnte.
Es war die Zeit, als auf den engen Sträßchen Irlands nur wenige Autos verkehrten, als die Menschen auf dem Land noch mit Esel und Karren unterwegs waren, als die Dörfer einen Shop, ein Pub, eine Kirche und eine Polizeistation hatten und die Cottages für 10.000 Mark die Besitzer wechselten. Hier war alles anders als zuhause in Deutschland — und doch so vertraut. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Was suchte ich? Das Andere. Das Fremde. Ich glaubte, das Fremde im Vertrauten gefunden zu haben.
Mit 20 Jahren war ich weder sonderlich strukturiert noch wirklich diszipliniert. Ich ließ mich leiten. Die ersehnte Pause vom Schreiben verbot den Gedanken an ein Reisetagebuch strikt. Die Reise hatte dennoch ein paar Ziele: Ich wollte nach Lisdoonvarna zum Folk Festival. The Chieftains sehen, The Fureys, De Danann und Ralph McTell. Trampen in Irland war schwierig und langsam. Ich kam am Montag in Lisdoonvarna im County Clare an und fand nur noch eine riesige, platt getretene Wiese voller leerer Bierflaschen vor. This Bird Has Flown. Das zweite Ziel erreichte ich: Ich übernachtete in der Jugendherberge von Killary Harbour, dort wo der Philosoph Ludwig Wittgenstein in den 40-er Jahren gedacht hatte. Ich war fasziniert von seinem Satz, den ich damals nicht richtig verstand: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“
Auch Ziel drei erreichte ich: per Fähre. Ich wollte möglichst weit an den Rand des Kontinents, ganz nach Westen. Über Doolin erreichte ich mit Bill O’Briens Fährboot The Happy Hooker die Aran-Insel Inis Òirr (Inisheer). Das war sie. Die wirklich andere Welt. Ich blieb auf der kleinen Insel, so lange ich konnte. Am 1. August musste ich in London sein, am 5. zurück am Redaktions-Schreibtisch im Südschwarzwald. Es waren Tage, die mich prägten.
Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt, heißt es. Bei 19 Umzügen muss ich mir nachsehen, dass so Manches auf der Strecke blieb. Unter anderem die meisten Film-Negative meiner frühen Irlandreisen – und von der 1981-er Reise blieben nur ein paar wenige Fotoabzüge übrig. Die kleinen Pretiosen vergammelten wohl – vergessen in einem Keller in Heidelberg. Die Fotos zu diesem Beitrag stammen aus dem Fundus, der übrig blieb. Fotos von der Aran-Insel Inisheer aus dem Jahr 1979.
Inisheer, die kleinste der drei Aran-Inseln, hatte 1979 gut 250 Einwohner, Strom, ein paar Traktoren, keine Autos. Die Straßen waren erdgebundene Wege, von Beleuchtung keine Spur. Hier war die Neumondnacht tief schwarz. Auf den Heinwegen vom Pub lernte ich, Geister zu sehen. Es gab einen Shop mit Post, die Schule, die Kirche, ein Pub, eine Céilí Hall, den Friedhof im Dünensand, einen Leuchtturm, ein altes Schiffswrack am Strand, ein paar B&Bs – und das Flugfeld von Aer Arann. Die Menschen sprachen überwiegend Irisch, sie lebten sehr einfach, betrieben Landwirtschaft und fischten. Der Shop von Ruari hatte eine Käsesorte (Galtee Schmelzkäse) und zwei Teesorten im Angebot. Im Pub trank man überwiegend schwarzes Bier, das ins Licht gehalten einen Rotschimmer warf: Stout, Porter. Guinness. Wein kannten die Insulaner vom Hörensagen, Nudeln und Reis hatten den Weg hier hinaus in den Atlantik noch nicht gefunden.
In den Sommermonaten schickten Eltern aus dem ganzen Land ihre Kinder zum Irisch-Sommerkurs auf die Gaeltacht-Insel. Die Kinder raunten mir in Englisch zu, wie sie die Summer School „hassten“ und dass ihnen dieser Sommer überhaupt nicht gefiel. Das Regime in der Sommerschule war streng. Die Mädchen und Jungen durften kein Wort Englisch sprechen. Wiederholte Verstöße führten zur vorzeitigen Heimreise.
Die Waren kamen einmal die Woche per Schiff. Sie wurden zumeist im küstennahen Meer in die Curraghs, die traditionellen Holz-Boote der Insulaner, umgeladen und dann an Land gebracht. Einen funktionalen Landungspier wie heute gab es damals nicht. Am Delivery Day war die gesamte männliche Hälfte des Dorfes auf den Beinen. Die Frauen daheim freuten sich über frische Kartoffeln und ein schönes Stück Seife, die Männer über den gärigen Stoff in den silbernen Fässern.
Ich kam bei Bridgie und Máirtín im Formna Village unter, einem der fünf Dörfchen auf der knapp zehn Quadratkilometer großen Insel. Das Farmerpaar lebte ein einfaches und zufriedenes Leben. Die Beiden tranken dicken schwarzen, süßen Tee, aßen Eier, Speck und Bohnen, Brown Bread mit Marmelade oder Schmelzkäse, viele, viele Kartoffeln, Suppen, etwas Gemüse. Ich dann auch. Der Abfallhaufen war direkt vor dem offenen Küchenfenster. Von Plastik keine Spur.
Máirtín nahm mich jeden Tag mit zur Arbeit. Wir fuhren auf dem einachsigen Eselskarren über die Insel. Wir saßen samt Border Collie auf der Karre, er rechts, ich links. Der Esel musste hart arbeiten. Wir fuhren zum Feld, die Kuh melken, wir sammelten Seetang und legten ihn auf den Felsen zum Trocknen aus. Manchmal wies mich Máirtín, ein ruhiger, in sich ruhender Mann, auf die anwesenden Ortsgeister am Strand und an Quellen hin. In meinem Kopf sang Gerry Rafferty Island.
Immer um die Mittagszeit kam der Briefträger vorbei. Zu Fuß. Ein fröhlicher Mann, der den Empfängern stets auswendig erzählen konnte, was alles auf den bunten Postkarten vom Festland und aus dem Ausland geschrieben stand. Wenn er verschlossene Briefe übergab, hatte er genug Zeit mitgebracht, um geduldig zu warten und ein paar der Neuigkeiten für die Nachbarn mitzunehmen. Der Briefträger war gleichzeitig das Insel-Radio.
Nach getaner Arbeit saßen wir am wärmenden Herd in einem Raum, der als Küche, Ess- und Wohnzimmer diente. Máirtín sagte gerne gar nichts. Er war ein großer Schweiger. Bridgie freute sich, wenn es mir schmeckte. Die eigenen Kinder waren lange aus dem Haus. Zum Abschied schenkte ich Máirtín meine Taschenlampe, die er täglich mehrfach ausgiebig bewundert hatte, und schickte ihm später Ersatz-Batterien. Als ich 1981 auf die Insel zurück kehrte, war Bridgie Witwe: “ The Lord took him away“. Máirtín ruht seit 1980 auf dem Friedhof unterhalb des Hauses im Sand einer großen Düne.
Ich werde wohl nicht nach Inisheer zurück kehren.
Ortskoordinaten: 53°03’42.6″N 9°30’36.6″W
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle
Fotos (von oben nach unten):
Drei Männer unter einem Curragh auf Inisheer 1979;
Abfahrt von Doolin, County Clare, in die Galway Bay Richtung Inis Óirr;
Aran-Fischer mit Pfeife im insel-typischen Kniesitz;
Stein-Reich: Die skurrilen Kalksteinfelsen des Burren setzen sich auf den Aran-Inseln fort;
Nach getaner Arbeit wird das Curragh an Land gebracht;
Zwei starke Arme: Curragh mit Einmannantrieb;
Farmer Máirtín mit Eselskarren und Border Collie;
Der Insel-Briefträger bringt die Post;
Nach getaner Arbeit sitzt Farmer Máirtín am Herd;
Abschied von Inisheer: Zurück in der Burren-Landschaft Doolins.
Technisches: Ich habe diese Aufnahmen mit einer damals schon betagten Analog-Sucherkamera von Agfa mit Festobjektiv und Filmen von Ilford (FP4 und HP5) fotografiert.
* Zitat überliefert von Cees Nooteboom











Lieber Markus,
schon seit geraumer Zeit haben meine Frau Claudia, die dir auch schon mal schrieb, deinen Irland-Newsletter abonniert und wir verfolgen jedes Wochenende gespannt die größtenteils leider sehr negativen Entwicklungen unseres ehemaligen absoluten Lieblingsreiseziels, die du mit viel Herzblut beschreibst.
Dein Artikel „Meine Lieblingsinsel in Gedanken: Inisheer, Aran Islands“ hat mich (und auch Claudia) heute ganz besonders berührt, weil wir Inisheer in etwa zur gleichen Zeit, in diesem Fall im August 1981 besucht haben.
Wir reisten damals mit dem Motorrad nach Irland, wobei uns unser Weg von Rosslare zunächst zur Fanad Halbinsel in Donegal führte, wo wir eine Woche blieben. Danach fuhren wir mit vielen Zwischenstationen die Westküste herunter, bis wir schließlich in Doolin (Co. Clare) landeten, wo wir dann ebenfalls für eine Woche blieben.
Natürlich machten wir von dort aus auch einen recht abenteuerlichen und sehr eindrucksvollen Tagesausflug nach Inisheer, von dem ich mit nachfolgendem Text und Auszügen aus meinem in 2024 erstellten Fotobuch berichten möchte. Zusammen mit einer Handvoll anderer Tagestouristen bestiegen wir die kleine, alte, nicht sehr vertrauenswürdig aussehende Fähre. Etwa in der Mitte zwischen Festland und der Arran-Insel stotterte plötzlich der Motor, um dann schließlich voll zu verstummen. Der Bootsführer nahm erst das Armaturenbrett ab, öffnete dann den Motorraum und schraubte dort herum, während das Boot führerlos bei lebhaftem Wellengang hin und her schaukelte, wobei fast alle reichlich nass wurden. Nach einer gefühlt sehr langen Zeit gelang es ihm schließlich, den Motor zu reaktivieren. Wir fuhren schließlich weiter, mussten aber wegen der Gezeiten auf der Rückseite der Insel anlegen und über Felsen auf die Insel klettern.
Zum Glück war es ein warmer Tag, so dass die Kleidung (unter Zuhilfenahme eines umgebundenen Badehandtuchs; siehe Foto) schnell trocknete. Ein Schild an einem Cottage lud uns ein, eine Mahlzeit einzunehmen. Es gab heißen Tee und eine dicke, köstlich schmeckende Scheibe vom selbstgebackenen Brot, die dick mit Butter und Marmelade bestrichen war.
Fanden wir uns schon auf dem Festland mindestens 30 Jahre zurück versetzt, so fühlten wir uns hier so, dass uns eine Zeitmaschine in eine noch viel frühere, längst vergangene Ära „gebeamt“.
Wir sahen am Strand liegende Curraghs, mit denen die Fischer wie ihre Vorväter vor hunderten von Jahren täglich zum Fischen herausfahren. Wir begegneten Männern in traditioneller irischer Tracht, zu Fuß oder auf Eseln reitend und uns mit dem unnachahmlich typisch irischen Kopfnicken begrüßten. Eine Verständigung war schwierig, weil die meisten Inselbewohner ausschließlich Irisch sprachen.
Ein alter Mann lud uns in sein Cottage ein, dass zu unserem Erstaunen weder elektrischen Strom noch fließendes Wasser hatte, aber in schönem, gepflegten Zustand war. Wir verständigten uns mehr oder weniger mit Händen und Füßen. Seinen wenigen englischen Worten entnahmen wir, dass er annahm, dass wir weit her aus Dublin kämen. Germany sagte ihm nichts und so blieb es bei seiner irrtümlichen Annahme. Schließlich bot er uns für 5 Pfund ein handgefertigtes Modell eines Curraghs an, dass wir dankend entgegennahmen.
Alles in allem war es tatsächlich der absolut eindrucksvollste Tag unserer ersten Irlandreise, wobei diese Eindrücke auch 44 Jahre danach noch sehr lebendig sind.
Schon 1986 waren wir wieder auf der Emerald Isle mit ähnlicher Reiseroute, um unsere Eindrücke zu vertiefen und wir kamen fortan von der grünen Insel nicht mehr los. Wir verschlangen Bücher von nach Irland Ausgewanderten und träumten selbst davon, einst ein Cottage zu kaufen, um dort zu leben.
Nach Geburt unserer beiden Kinder reisten wir von 1992 bis 2006 fast jedes Jahr für 4 Wochen mit festem Quartier in verschiedene Regionen an der Westküste, das unsere Kinder schon bald auch wegen der großen Freiheiten genau so heiß liebten wie wir. In Irland war viel erlaubt, was in vielen anderen europäischen Ländern verboten ist. Wir liefen erlaubterweise quer durchs Gelände, machten Lagerfeuer am Strand, übernachteten mit dem Zelt auf der unbewohnten Great Blasket und vieles, vieles mehr…
1992 Glenbeigh (Iveragh)
1994 – 1996 – Dunquin (Dingle)
1997 – 2002 – Cahirceem (Beara), 1998 allerdings stattdessen Donegal
2004 – 2006 – Lettermullen (Galway)
Da ich begeisterter Hobbyfotograf bin, sind auch Tausende von Fotos entstanden, von denen nach kritischer Auswahl vor der Digitalisierung etwa 3.000 Bilder übrig blieben. Im April 1998 berichtete ich erstmals in einem mit einem von irischer Folk-Musik begleiteten Diavortrag mit dem Titel „Der Westen Irlands: Streifzüge mit dem Motorrad, dem Familienkombi und – last not least – zu Fuß“ im Rahmen der von Peter Stumms organisierten „Diakarawane“ im Café Steinbruch in Duisburg von unseren Erlebnissen. Die vorbesagte Vortragsreihe „Diakarawane“ nahm damals ausschließlich exotische Ziele auf, zu denen Irland tatsächlich damals noch gehörte. Von Irland wussten die meisten Leute damals wenig und sie reagierten erstaunt, wie anders es dort doch gegenüber dem übrigen Europas ist.
Die positive Resonanz auf meinen Vortrag ermutigte mich, meine Fotos einer noch größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. So etablierte ich die Webseite photos-of-ireland.de und photos-of-ireland.com. Da es damals noch nicht die in Zahlen unvorstellbare Bilderflut wie heute gab, fand meine Fotosammlung weltweit große Beachtung. Das damals noch übliche Gästebuch füllte sich schnell mit Danksagungen aus aller Welt. Verlage aus Deutschland, Brasilien und den USA fragten sogar Nutzungsrechte an, die in einigen Buch- und Kalenderveröffentlichungen mündeten.
2006 machten wir den Fehler, Inisheer ein zweites Mal zu besuchen und kehrten enttäuscht und desillusioniert wieder zurück. Wir fanden so gut wie nichts von dem wieder, was wir an Erinnerungen 35 Jahre vorher gespeichert hatten. Insbesondere fanden wir schon damals die übermäßigen Besucherströme störend, wobei es sich bei dem Publikum um ganz andere Touristentypen handelte wie in den 1980ern und 1990ern. Ich kann mir gut vorstellen, dass es heute noch um ein Vielfaches schlimmer ist, wenn selbstverliebte Selfie-Fotografen umhereilen, nur um ihrer Sammlung „Ich war hier“ weitere Fotos zuzufügen.
Ich habe schon mehr geschrieben, als ich wollte, könnte soviel hinzufügen, versuche aber trotzdem, jetzt zum Ende kommen.
Fazit war, dass wir nach unserer Irlandreise in 2006 wegen der negativen Entwicklungen (Zersiedelung, beginnender Massentourismus, unsensibler Umgang mit den Kulturstätten) beschlossen, nie mehr dorthin zurückzukehren, um unsere Erinnerungen voller Glück nicht zu überdecken. Ungeachtet dessen hast du, Markus, natürlich recht mit deiner Bemerkung, dass Irland von den herrschenden Verhältnissen her nie wirklich so war, wie die damalige, ich nenne es mal Reise-Community“ es mit verklärtem Blick sehen wollte. Das haben wir auch erst viel später nach und nach reflektiert.
Im selben Jahr gab ich meine Webseite „photos-of-ireland.de“ auf, weil meine Fotos und die Beschreibungen, die sich u.a. natürlich auch auf Heinrich Bölls Tagebuch stützten, immer weniger mit dem aktuellen Irland zu tun hatten, daneben der Frust, wie Fotos durch die rasch voranschreitende Digitalfotografie mit ihren neuen Möglichkeiten immer mehr zur Massenware mit allen damit verbundenen negativen Begleiterscheinungen wurde.
Und das alles, wo mir der Ruf als absoluter Irlandfan anhing, so dass mich zuletzt noch ein Jahr vor meinem Ruhestand in 2020 nach Rückkehr aus meinem Urlaub fragte, ob ich wieder in Irland war.
Seit unserem Entschluss reisen wir jährlich zu ausgewählten noch nicht überlaufenen Zielen in England, Wales und Schottland. Wie Kulturstätten dort im weitestgehend ursprünglichen Zustand gepflegt und geschützt werden, ist aus meiner Sicht in Europa einzigartig. Hierfür sorgen insbesondere der von uns unterstützte National Trust und English Heritage. Alte Kulturstätten wurden frühzeitig im authentischen Zustand erhalten und weite Küstenregionen vor Zersiedelung geschützt. Solche Einrichtungen wären auch in Irland wünschenswert.
Ich schließe in Abwandlung des berühmten Satzes von Heinrich Böll: „Es gab dieses Irland. Wir haben es erlebt. Ihr werdet es aber so nicht mehr vorfinden.“
Mit freundlichen Grüßen von einem Seelenverwandten aus Frankenberg (Eder)
Norbert Graßhoff
P.S.. Verständlicherweise hast du den Bilder-Upload auf 2 Bilder mit insgesamt 5MB begrenzt. Ich hatte 7 Seiten meines Fotobuchs ausgewählt, die ich jetzt als Collagen auf zwei Bilddateien verteilt habe, fürchte nur, dass die Leserlichkeit der enthaltenen Texte darunter leiden wird.
Lieber Markus,
kennst du die wunderbaren „Vanishing Ireland“-Bildbände von Turtle Bunbury und James Fennell?
„Es gibt dieses Irland“, lautet ein berühmter Satzanfang von Heinrich Böll, den Hugo Hamilton so weitergeführt hat: „Und sollte man es nicht finden, dann hat man nicht gut genug hingeschaut.“ Ob er diese Behauptung heute wiederholen würde?
Herzliche Grüße
Nicole
Ja, liebe Nicole, Chronicles of a Disappearing World.
Eine Kopie der redseligen Insel habe ich vor zwei Wochen im Recycling Center aus der Müll-Mulde gefischt ;-)
Das Foto: Achill?
Und hier, lieber Markus, kommt noch das passende Lied über die Aran-Inseln, über die Vergänglichkeit und die Menschen, die einem Ort letztlich seine Bedeutung verleihen.
https://www.youtube.com/watch?v=qFHUcszGdFU
Danke für die Rettung der „Redseligen Insel“! Und ja, das Foto ist Ende der 1980er-Jahre auf Achill entstanden. Woran hast du es erkannt?
Schönes Lied. Padraig Jack hat gerade in Glengarriff gespielt.
Achill: Ich bin da schon vorbei gefahren. Die Bebauung auf Achill ist sehr eigen, die Häuser sind auch heute überwiegend weiß angemalt – im Gegensatz zu den Papageiendörfern von West Cork.
Guten Abend Markus,
Soeben habe ich deine Gedanken und Erinnerungen über deine ehemalige Lieblingsinsel Inisheer gelesen, Deine Gedanken haben mich sehr bewegt
denn als Kind der sechziger Jahre vermisse ich oftmals den Takt dieser Zeit , die auch nicht immer nur schön war , dennoch nach meinem Empfinden
noch nicht so entseelt wie oftmals die heutige Zeit. Diese Veränderungen machen weder Halt vor der grünen Insel noch sonstwo oder auch hier im Kraichgau.
Unser unersätterlicher Hunger nach mehr hat uns arm und oftmals einsam gemacht. Einsamkeit ist immer wieder Thema in den Medien , noch nie gab es soviel
Ablenkung und logischerwiese kaum mehr echtes Leben im Alltag. So laufen wir mehr oder weniger ohne inneren Kompass durch die Tage und sehnen
uns nach Orte , Momente , Begegnungen wie sie früher alltäglich waren. Ich schätze seit Jahren immer mehr wenn ich einen wirklichen Austausch mit
meinem Gegenüber habe. Das betrachte ich mittlerweile als großes Geschenk. Ich denke an die Originale in meinem Heimatdorf Hilsbach im Kraichgau
zurück. Wir hatten materiell wenig in unserem 1500 Seelen Ort , Mitte der sechziger Jahre, wuchsen in einfachen Verhätnissen auf.
Der Vater Fabrikarbeiter , die Mutter Hausfrau , mit Oma und Opa und meinem zwei Jahre älteren Bruder wohnten wir in einem kleinen Häuschen am Ortsende
mit Plumpsklo , was ich als Kind und Lausbub nicht weiter schlimm fand. Dafür hatten wir immer ein Hausschwein und Hühner und einmal im Jahr war Schlachtfest,
für mich der spannenste Tag nach meinem Geburtstag und Weihnachten. Ich habe dann immer die Würste zum Trocknen mit aufhängen dürfen im kühlen
Flur zum Schopf wo das Brennholz gelagert war. Natürlich hatten wir noch einen großen Garten hinter dem Haus wo alles wuchs was die Familie über das
Jahr zum Leben gebraucht hat. Auch hatten wir noch einen kleinen Wengert / Weinberg für nicht Badener und natürlich wurde auch selbst Most und Apfelsaft gemacht
von dem Obst unserer Streuobstwiese. In der Freizeit wenn man nicht im Garten oder auf unserem Kartoffelacker war, den gab es auch noch zum Helfen eingespannt
war, verbrachte ich meine Freizeit beim nächstgelegen Bauern in dessen Kuhstall , Kühe füttern oder wir Buben kraxelten irgendwo im Heuboden herum.
Meine Mutter wußte uns dort gut aufgehoben man lief dort so mit man hatte neben dem Elternhaus noch viele andere Bezugspersonen im Ort , zum Beispiel
auch den Schmied, dort trieb ich mich gerne rum besonders wenn Pferde beschlagen wurden, der Sohn vom Schmied , Edgar war auch mein Schulkamerad.
Abends sass ich bei Oma und Opa nach dem Abendbrot noch gerne auf dem Schesslon um neunzehn Uhr hörten wir den Gute Nacht Lied Onkel im Radio
wie Opa die Sendung im Südfunk nannte dort wurde es ein Kirchen oder Volklied gespielt und danach noch eine Gute Nacht Geschichte verlesen, ein allabendliches
Ritual für mich. Opa ging zwischendurch noch in den Keller um einen Krug Most zu holen, die Zeremonie dauerte etwas länger wie ich herausfand
hat Opa erstmal zum Ausklang des Tages erstmal einen tücchtigen Schluck alleine so für sich genossen. Auf dem Weg die Holztstiege hoch, stimmte er
dann immer den Choral „Lobe den Herren den mächtigen König“ an , hörbares Zeichen dass der Arbeitstag sein zufriedenes Ende fand.
Schwenk : Ich könnte noch vieles erzählen von den Abenteuern in der Jugend dem ersten eigenen Auto einem Kadett Coupe und die erste große Reise
mit Kumpel Herwick nach Kroatien mit Zelt und Gaskocher auf die Insel Brac, der es bestimmt ähnlich ergeht wie Inissheer, ich war vor 47 Jahren dort und ich
denke ich möchte heute auch nicht mehr dorthin es bleiben wertvolle nachhaltige Erinnerungen , einige Dias habe ich digitalisiert, sonst war man ja nicht abgelenkt
durch diese Leuchtschachteln wie man sie heute mit sich herumträgt. 2016 war ich auf Inishher Mitte Oktober von Doolin mit der Queen of Aaran , auch einer
der Tagestouris wie ich gestehe dennoch es war nichts los weder auf der kleinen Fähre noch auf dem Eiland, am Pier traf ich Stefan den Inselbürgermeister
den ich eine Woche vorher welch ein Zufall im WDR Fernsehen sah, bei Mare TV die einen interessanten Bericht über die Insel gezeigt hatten, nachdem ich Stefan mit
dem Satz Hi Stefan i saw you last week at german Television begrüßt hatte , war er so erfreut dass er mich und ein junges Pärchen sofort zur Inselrundfahrt
mit seinem Traktor einlud wir hatten viel Spass und , er zeigte uns mit Stolz seine Heimat, soweit lieber Markus kann ich deine Liebe zu dieser ursprünglichen
Insel an Irlands Westküste zur damaligen Zeit sehr gut nachvollziehen , denn so war es an vielen Orten die aber heute oftmals ihren Charme weitgehends verloren
haben. Dankbar dürfen wir dennoch sein für das Erlebte es sind Schätze in unseren Herzen, deshalb schreibe ich diese Zeilen, und deshalb geht auch mein DANK
an Dich lieber Markus.Noch eine Anmerkung zu Schluss , Bridgie die Witwe sagte bei deinem letzten Besuch auf Inishsheer “ The Lord took him away “ zu dieser Aussage in der auch Trost steckt,
sind viele Zeitgenossen heute kaum mehr fähig , auch da liegt für mich ein Kern des vielfach entseelten Lebens der heutigen Zeit.
Wie sagte schon Augustinus 400 Jahre nach Christus “ Ruhelos ist mein Herz , bis es Ruhe findet in dir mein Gott „.
Ich wünsche Dir Markus alles Liebe , mit besten Grüßen aus dem Kraichgau
Danke für deine Seite Irland News Geschichten sie sind mir oft eine Inspiration