Irland 1979

104 :: Lieblingsinsel in Gedanken; Inisheer, Aran Islands

Die Erinnerung ist wie ein Hund, der sich hinlegt wo er will*. Heute wandere ich in Gedanken über meine ehemalige Lieblingsinsel. Ich traf Bill nach drei Jahrzehnten wieder. Der junge Draufgänger war sanft und gemütlich geworden. Noch immer betrieb er die Fähre von Doolin nach Inisheer. Lange vorbei waren die wilden Nächte auf Inisheer, als die kompletten Tageseinnahmen schon einmal über den Tresen von Ruari wanderten. Bill hatte es zu Wohlstand gebracht. Die Kinder waren längst ausgezogen. In seinem 7-Bedroom-Haus auf dem Festland bewohnte er mit seiner Frau ein Zimmer und fühlte sich manchmal einsam. Die guten Zeiten seien vorbei, sagte er.

Das sind sie auch für die Insel, die einmal meine Lieblingsinsel war. Im Sommer wird sie zum Rummelplatz für Tagestouristen mit Pferdekutschen und Fast Food. An Spitzentagen wird Inisheer, die kleinste der drei Araninseln in der Bucht von Galway, von 1200 Gästen besucht. Ich leihe mir die Worte von Nicole Quint, die gestern an anderer Stelle hier im Buch der Orte und der Tage kommentierte: „Aus Angst, bis zur Unkenntlichkeit entstellte Orte anzutreffen, kehre ich nicht dorthin zurück, wo ich als junge Globetrotterin glücklich gewesen bin. Aber sie leben in meinem Gedächtnis weiter. Noch lange, nachdem ich sie verlassen habe, trage ich Landschaften in mir, die ich bereisen kann, wann immer ich möchte. Erinnerte Orte, die Trost und Kraft spenden und manchmal am stärksten wirken, wenn ich ihnen am fernsten bin.“

Vor vier Jahrzehnten war Irland ein anderes Land. Anders als das Irland der Gegenwart, anders vor allem als der große Rest von Europa. Irland war arm, es war unterentwickelt und nicht industrialisiert. Es war reich an Natur, recht intakt, unzerstört, das Leben auf den ersten Blick ruhig und gemächlich. Hier dominierten Wetter und Kirche das Leben, während im Rest von Europa die Herrschaft des Konsumkapitalismus aufzog.

In diese Andersartigeit und Ungleichzeitigkeit haben Generationen wunder deutscher Seelen ihre Sehnsüchte und Wünsche projiziert, während die Menschen auf der Insel sich nach einem anderen Leben sehnten – frei vom Zwang des Klerus und der Konventionen, gesegnet mit Geld, Konsum und Unterhaltung. Auch ich war seit den späten 70-er Jahren in Irland unterwegs und suchte hier, was ich in der Heimat nicht finden konnte. Dieses Irland, das wir suchten, gibt es heute nicht mehr. Genau genommen hat es nie existiert.

 

Doolin County Clare

Meine Irland-Story begann im Jahr 1979. Ich hatte die Fiedeln der Horslips und die Gitarrenriffs von Rory Gallagher gehört, zudem Fotos von irischen Landschaften gesehen. Zurück aus dem dechiffrierten Traumreiseziel New York war nun Kontrast-Programm angesagt: Ich fühlte mich magisch angezogen von der kleinen grünen Insel am westlichen Rand Europas. Warum genau blieb unklar, also sah ich nach.

Ich hatte meinen Volontärs-Ausbilder damals genötigt, mir mindestens fünf Wochen am Stück frei zu geben, damit ich die lange Landreise nach Irland antreten konnte. Am Ende gab der Klügere nach: Im Juli 1979 trampte ich nach Westen. Den Soundtrack zu meinem inneren Road Movie hatte Gerry Rafferty, britischer Sohn eines Iren und einer Schottin, geschrieben: Island, von der LP City to City.

 

Aran inseln

Ich war Jung-Journalist, Geld knapp in jenen Tagen. Per Anhalter gelangte ich durch Frankreich, England und Wales nach Irland. Kaum angekommen, nur eine Anhalter-Tour vom Fährhafen von Rosslare landeinwärts, saß ich schon mittendrin, gemütlich beim Tee mit fremden Menschen, die seltsam freundlich und anteilnehmend sprachen. Um uns herum das weite grüne Land. Schnörkellose Schlichtheit. Schönheit. Eine Natur- und Kulturlandschaft, an der ich mich nicht satt sehen konnte.

Es war die Zeit, als auf den engen Sträßchen Irlands nur wenige Autos verkehrten, als die Menschen auf dem Land noch mit Esel und Karren unterwegs waren, als die Dörfer einen Shop, ein Pub, eine Kirche und eine Polizeistation hatten und die Cottages für 10.000 Mark die Besitzer wechselten. Hier war alles anders als zuhause in Deutschland — und doch so vertraut. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Was suchte ich? Das Andere. Das Fremde. Ich glaubte, das Fremde im Vertrauten gefunden zu haben.

 

Inisheer

Mit 20 Jahren war ich weder sonderlich strukturiert noch wirklich diszipliniert. Ich ließ mich leiten. Die ersehnte Pause vom Schreiben verbot den Gedanken an ein Reisetagebuch strikt. Die Reise hatte dennoch ein paar Ziele: Ich wollte nach Lisdoonvarna zum Folk Festival. The Chieftains sehen, The Fureys, De Danann und Ralph McTell. Trampen in Irland war schwierig und langsam. Ich kam am Montag in Lisdoonvarna im County Clare an und fand nur noch eine riesige, platt getretene Wiese voller leerer Bierflaschen vor. This Bird Has Flown. Das zweite Ziel erreichte ich: Ich übernachtete in der Jugendherberge von Killary Harbour, dort wo der Philosoph Ludwig Wittgenstein in den 40-er Jahren gedacht hatte. Ich war fasziniert von seinem Satz, den ich damals nicht richtig verstand: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“

Auch Ziel drei erreichte ich: per Fähre. Ich wollte möglichst weit an den Rand des Kontinents, ganz nach Westen. Über Doolin erreichte ich mit Bill O’Briens Fährboot The Happy Hooker die Aran-Insel Inis Òirr (Inisheer). Das war sie. Die wirklich andere Welt. Ich blieb auf der kleinen Insel, so lange ich konnte. Am 1. August musste ich in London sein, am 5. zurück am Redaktions-Schreibtisch im Südschwarzwald. Es waren Tage, die mich prägten.

 

Inis Oirr

Dreimal umziehen ist wie einmal abgebrannt, heißt es. Bei 19 Umzügen muss ich mir nachsehen, dass so Manches auf der Strecke blieb. Unter anderem die meisten Film-Negative meiner frühen Irlandreisen – und von der 1981-er Reise blieben nur ein paar wenige Fotoabzüge übrig. Die kleinen Pretiosen vergammelten wohl – vergessen in einem Keller in Heidelberg. Die Fotos zu diesem Beitrag stammen aus dem Fundus, der übrig blieb. Fotos von der Aran-Insel Inisheer aus dem Jahr 1979.

Inis Óirr Curragh

Inisheer, die kleinste der drei Aran-Inseln, hatte 1979 gut 250 Einwohner, Strom, ein paar Traktoren, keine Autos. Die Straßen waren erdgebundene Wege, von Beleuchtung keine Spur. Hier war die Neumondnacht tief schwarz. Auf den Heinwegen vom Pub lernte ich, Geister zu sehen. Es gab einen Shop mit Post, die Schule, die Kirche, ein Pub, eine Céilí Hall, den Friedhof im Dünensand, einen Leuchtturm, ein altes Schiffswrack am Strand, ein paar B&Bs – und das Flugfeld von Aer Arann. Die Menschen sprachen überwiegend Irisch, sie lebten sehr einfach, betrieben Landwirtschaft und fischten. Der Shop von Ruari hatte eine Käsesorte (Galtee Schmelzkäse) und zwei Teesorten im Angebot. Im Pub trank man überwiegend schwarzes Bier, das ins Licht gehalten einen Rotschimmer warf: Stout, Porter. Guinness. Wein kannten die Insulaner vom Hörensagen, Nudeln und Reis hatten den Weg hier hinaus in den Atlantik noch nicht gefunden.

In den Sommermonaten schickten Eltern aus dem ganzen Land ihre Kinder zum Irisch-Sommerkurs auf die Gaeltacht-Insel. Die Kinder raunten mir in Englisch zu, wie sie die Summer School „hassten“ und dass ihnen dieser Sommer überhaupt nicht gefiel. Das Regime in der Sommerschule war streng. Die Mädchen und Jungen durften kein Wort Englisch sprechen. Wiederholte Verstöße führten zur vorzeitigen Heimreise.

Die Waren kamen einmal die Woche per Schiff. Sie wurden zumeist im küstennahen Meer in die Curraghs, die traditionellen Holz-Boote der Insulaner, umgeladen und dann an Land gebracht. Einen funktionalen Landungspier wie heute gab es damals nicht. Am Delivery Day war die gesamte männliche Hälfte des Dorfes auf den Beinen. Die Frauen daheim freuten sich über frische Kartoffeln und ein schönes Stück Seife, die Männer über den gärigen Stoff in den silbernen Fässern.

 

Inisheer 1979

Ich kam bei Bridgie und Máirtín im Formna Village unter, einem der fünf Dörfchen auf der knapp zehn Quadratkilometer großen Insel. Das Farmerpaar lebte ein einfaches und zufriedenes Leben. Die Beiden tranken dicken schwarzen, süßen Tee, aßen Eier, Speck und Bohnen, Brown Bread mit Marmelade oder Schmelzkäse, viele, viele Kartoffeln, Suppen, etwas Gemüse. Ich dann auch. Der Abfallhaufen war direkt vor dem offenen Küchenfenster. Von Plastik keine Spur.

Máirtín nahm mich jeden Tag mit zur Arbeit. Wir fuhren auf dem einachsigen Eselskarren über die Insel. Wir saßen samt Border Collie auf der Karre, er rechts, ich links. Der Esel musste hart arbeiten. Wir fuhren zum Feld, die Kuh melken, wir sammelten Seetang und legten ihn auf den Felsen zum Trocknen aus. Manchmal wies mich Máirtín, ein ruhiger, in sich ruhender Mann, auf die anwesenden Ortsgeister am Strand und an Quellen hin. In meinem Kopf sang Gerry Rafferty Island.

 

Inis Óirr 1979

Immer um die Mittagszeit kam der Briefträger vorbei. Zu Fuß. Ein fröhlicher Mann, der den Empfängern stets auswendig erzählen konnte, was alles auf den bunten Postkarten vom Festland und aus dem Ausland geschrieben stand. Wenn er verschlossene Briefe übergab, hatte er genug Zeit mitgebracht, um geduldig zu warten und ein paar der Neuigkeiten für die Nachbarn mitzunehmen. Der Briefträger war gleichzeitig das Insel-Radio.

 

Formna Village

Nach getaner Arbeit saßen wir am wärmenden Herd in einem Raum, der als Küche, Ess- und Wohnzimmer diente. Máirtín sagte gerne gar nichts. Er war ein großer Schweiger. Bridgie freute sich, wenn es mir schmeckte. Die eigenen Kinder waren lange aus dem Haus. Zum Abschied schenkte ich Máirtín meine Taschenlampe, die er täglich mehrfach ausgiebig bewundert hatte, und schickte ihm später Ersatz-Batterien. Als ich 1981 auf die Insel zurück kehrte, war Bridgie Witwe: “ The Lord took him away“. Máirtín ruht seit 1980 auf dem Friedhof unterhalb des Hauses im Sand einer großen Düne.

 

Doolin Burren

Ich werde wohl nicht nach Inisheer zurück kehren.

Ortskoordinaten: 53°03’42.6″N 9°30’36.6″W


Orts-Zeit

 

Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.

Alle Fotos: Markus Bäuchle


 

Fotos (von oben nach unten):
Drei Männer unter einem Curragh auf Inisheer 1979;
Abfahrt von Doolin, County Clare, in die Galway Bay Richtung Inis Óirr;
Aran-Fischer mit Pfeife im insel-typischen Kniesitz;
Stein-Reich: Die skurrilen Kalksteinfelsen des Burren setzen sich auf den Aran-Inseln fort;
Nach getaner Arbeit wird das Curragh an Land gebracht;
Zwei starke Arme: Curragh mit Einmannantrieb;
Farmer Máirtín mit Eselskarren und Border Collie;
Der Insel-Briefträger bringt die Post;
Nach getaner Arbeit sitzt Farmer Máirtín am Herd;
Abschied von Inisheer: Zurück in der Burren-Landschaft Doolins.
Technisches: Ich habe diese Aufnahmen mit einer damals schon betagten Analog-Sucherkamera von Agfa mit Festobjektiv und Filmen von Ilford (FP4 und HP5) fotografiert.

*  Zitat überliefert von Cees Nooteboom