048 :: Deutsche Botschaft, Booterstown, Dublin
Es mutet an wie ein Ritual aus einer lange vergangenen Zeit: Alle paar Jahre muten wir uns die 350 Kilometer lange Fahrt in die Hauptstadt Dublin zu, schieben uns auf der letzten Meile im Schritt-Tempo durch den quälend langsamen Innenstadtverkehr – 45 Minuten für acht Kilometer – und gelangen schließlich nahe der Küste im Süden der Stadt nach Blackrock-Booterstown. Ein gutes, ruhiges Viertel, wie sie hier sagen. Die Deutsche Botschaft in der Trimleston Avenue. Die Behörde der alten Heimat will uns persönlich sehen, um unsere biometrischen Daten zu nehmen, bevor der neue Mitgliedsausweis, ein nationaler Reisepass ausgestellt wird. Es ist ein weiter Weg nach Europa.
In den späten Nuller-Jahren führte ich einen kleinen Kampf mit dieser deutschen Institution: Wir saßen im krass überfüllten Schalterraum und hörten die teilweise erschütternden Lebensgeschichten der Antragsteller vor uns Wort für Wort mit. Empörung. Entwürdigung. Von Privatsphäre und Datenschutz keine Spur. Der damalige Botschafter nahm die Kritik an, es wurden Termine eingeführt, das Chaos gelichtet. Seitdem haben sich die Zeiten weiter gewendet. Jetzt ist alles dem Staats- und Datenschutz unterworfen. Die freundliche Türsteherin bittet ständig um Verständnis: Fotos von der Botschaft sind nun leider nicht mehr zulässig. Sicherheitsgründe. Der Bau in 70er-Jahre-Willi-Brand-Architektur hinter dem hohen Gitterzaun wird immerhin noch nicht mit Nato-Stacheldraht geschützt. Wer nun der Botschafter sei? Sorry, Datenschutz, sie darf das nicht sagen. Die Website der Botschaft darf das noch: seit 2021 Cord Meier-Klodt (*1959). Worte sind Wasser, Schweigen ist Wein, singt Sven Regener in meine airpods-versiegelten Ohren.
Dublin, so wenig ich sie mag, war lange eine offene Stadt. In der vergangenen Woche blockierten 200 faschistoide Pöbler das irische Parlament in Leinster House, bedrohten Politiker und Mitarbeiterinnen. Einen irischen Trump gibt es nicht. Doch die Stimmung dreht sich auch auf der Insel.
Ortskoordinaten: 53°18’39.4″N 6°12’10.5″W
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle


Wenn man das Wort „Mitgliedsausweis“ für den Reisepass benutzt, dann ist die Frage in welcher politischen Ecke man selbst steht. Empfinde nur ich die Ausdrucksweise mehr als befremdlich?
Dein Wokesimus für gute Bundesbürger ist niedlich, lieber Christian. Du scheinst eine heimliche Vorliebe fürs Spalten zu haben.