Serge de Thibault de Boesinghe

046 :: West Cork; Wahlheimat

In der zweiten Septemberwoche starben in unserem kleinen Dorf ein alter und ein sehr alter Mann. Beide waren schillernde Charaktere, beide Migranten. Sie stammten aus völlig unterschiedlichen Welten, der eine ein belgischer Adliger, der andere ein nordirischer New Age Traveller. Beide suchten am Atlantik in West Cork ein anderes Leben. Ihr Tod warf in mir die alte Frage auf: Was zieht Menschen in diesen dünn besiedelten Landstrich am Westrand Europas, wo es ständig regnet, wo es mehr Rinder und Schafe als Menschen gibt, wo der Besuch im Krankenhaus zum Abenteuer mit ungewissem Ausgang gerät, wo die Handwerker an einem Donnerstag kommen, aber nicht verraten an welchem, wo das Ja Nein bedeuten kann, und wo das Leben überdurchschnittlich teuer, die Qualität von Arbeit und Waren dafür eher bescheiden ist?

Schon in den frühen 6oer Jahren zog es Kontinental-Europäer, Holländer, Deutsche in größerer Zahl mehr oder weniger freiwillig an die Westküste Irlands. Manche waren von der deutschen Angst motiviert, fürchteten die Eskalation des Kalten Krieges, der Kuba-Krise, und flüchteten vorsorglich und vorübergehend vor dem möglichen atomaren Fallout an den vermeintlich sicheren Rand Europas. In den 70er Jahren bahnten sich die 68er – gelockt von Gertrude Degenhardts Illustrationen, von der Musik der Dubliners und von grünen Heile-Welt-Visionen den Weg zum eigenen Cottage – das man schon von weitem an den bunt gestrichenen Fenstern erkannte. In den 80er Jahren setzten die britischen New Age Travellers von Großbritannien auf der Suche nach einem besseren Leben nach Irland über. Ihr zwangloser Lebensstil unterschied sich deutlich von dem der Landbevölkerung. Sie wurden Hippies gerufen.

Wenn Menschen aus dem Ausland oder einem anderen Teil der Insel sich in West Cork niederlassen, werden sie von den Einheimischen Blow-ins genannt. Wir Herein-Gewehten. Am Dienstag starb Eamonn, ein Herein-Gewehter der Unterart Hippies, im Alter von 72 Jahren. Warum Eamonn Alexander Harris aus Belfast, das er 1973 verließ, Mitte der 80er Jahre nach Glengarriff kam um zu bleiben, weiß ich nicht. Nach Jahren auf hoher See und in Australien ließ er sich mit Verity weit außerhalb des Dorfes, im Glen, am ehemaligen Hirschgarten der anglo-irischen Besatzer-Familie White nieder. Das Paar okkupierte ein altes stromloses Cottage im Wald von Skehil, hatte vier Söhne und schulte sie zuhause. Im Dorf erzählt man sich viele Geschichten von Eamonn, dem sanften Mann mit dem scharfen Verstand, dem großen Geschichtenerzähler, dem Naturmenschen, dem kreativen Künstler, dem unkonventionellen Waldbewohner und ländlichen Bonvivant. Das Wissen seiner Kinder soll der in irischen Schulen vermittelten Bildung weit überlegen gewesen sein. Von ihm wurde irrtümlich getuschelt, er sei ein Sohn des großen Schriftstellers George Bernhard Shaw. Die ihn gut kannten, beschrieben Eamonn als einen einzigartigen Menschen, der es zeitlebens erfolgreich vermieden hatte, einen geregelten Job anzunehmen.

Eamonn HarrisEamonn kam stets zu Fuß ins Dorf, in den letzten Jahren mit seiner neuen Partnerin, gerne auf ein paar Gläser Roten. Er trug die grauen Rastazöpfe bis zum vierten Lendenwirbel, dazu eine Kappe, einen langen Bart, ein Tweed-Sakko, Stiefel. Man sah ihn Banjo spielen und seine Bilder vor dem Woll-Laden an Touristen verkaufen. Nur wenige bemerkten, dass er sehr effizient malte und die Originale seiner Landschafts-Porträts im Farbkopierer vervielfältigte. Bei uns hängt eines von Eamonns kopierten Werken. Border Collie Tommy hatte es einst auf dem Boulevard von Glengarriff markiert und damit für uns ausgesucht. Ich traf Eamonn zuletzt im Sommer im Linienbus nach Bantry. Er hatte sich mehrere Rippen gebrochen – war stark abgemagert, sparsam mit Worten, gealtert, krank. Er konnte sich nicht mehr erholen.

In den 70er und 80er Jahren erinnerte das Irland der Immigranten bisweilen an das frühe Anglo-Australien, das die Briten als Sträflingskolonie gegründet hatten. Neben sogenannten ehrbaren Leuten zog es Kriminelle und finanziell Schiffbrüchige magisch an die Peripherie Europas. Bankrotteure, die in Deutschland eine private oder firmenrechtliche Bauchlandung hingelegt hatten, wählten den Last Exit Lisdoonvarna, weil sie sich hier im ländlich-anarchischen Irland vor dem Zugriff der heimischen Behörden sicher fühlen durften. Sie meldeten sich nach New York City, Campingplatz oder nach einem entfernten Ort wie Tel Aviv ab und vollendeten ihre Lebensreise eher leise hinter irischen Hecken statt hinter schwedischen Gardinen.

Auch mancher alte Haudegen des untergegangenen Britischen Empires fand in der ehemaligen Kolonie Irland einen sicheren Rückzugsort für den geruhsamen Lebensabend. Ob Gouverneur im Ruhestand, ob hoch dekorierter Offizier a.D. oder ehemaliger Geheimdienst-Ober beim MI5: Die irische Bevölkerung zeigte sich meist äußerst tolerant und ließ (und lässt) die einstigen Unterdrücker in der direkten Nachbarschaft unbehelligt leben – während sich die Spitzenkräfte anderer Unrechts-Regimes durchaus mühsam irgendwo tief in der Anonymität in Südamerika verstecken mussten.

Am vergangenen Samstag starb der belgische Adlige Serge de Thibault de Boezinghe (Foto) im Alter von 95 Jahren. Serge war vor der Jahrtausendwende nach Irland gezogen, heiratete nach der Scheidung von einer belgischen Baronesse eine ihm nahe stehende Weggefährtin, hatte mit ihr eine Tochter und baute den Bamboo Park am Ortsrand auf – einen Baumpark mit vielen Bambusarten, Eukalypten und Palmen, den Touristen lieben und Einheimische eher meiden. Der Mann aus dem Hochadel, verwandt mit Belgiens Königin Mathilde, tauschte ein mächtiges Schloss in Westflandern für ein Holzhäuschen am Meer in Glengarriff und ließ ein bewegtes Leben hinter sich.

Serge hasste nach eigenem Bekunden die Franzosen („Froschfresser„), sprach neben der französischen Muttersprache Englisch und bestes Deutsch mit militärischem Duktus. Er machte nie einen Hehl daraus, dass für ihn „Adolf Hitler gar nicht so schlecht war“. Als die Nazis im Frühjahr 1940 Belgien überfielen, hießen die Thibaults die deutschen Offiziere in ihrem Schloss in Boezinghe bei Ypern herzlichst willkommen. Den jungen Serge beeindruckten jene Begegnungen mit Wehrmachts- und SS-Eliten. Er agierte in den 70er-Jahren – nachdem er in den frühen 60er-Jahren eine Rolle in den Unabhängigkeitswirren in der ehemaligen Kolonie Belgisch Kongo gespielt hatte – als Mitglied der neofaschistischen Allianz New European Order und pflegte beste Kontakte zu führenden europäischen Nazis. Bei einer Hausdurchsuchung wurden faschistische Schriften und Symbole gefunden. Er sammelte Nazi-Devotionalien.

Im Jahr 1980 wurde Serge von der belgischen Polizei verhaftet und wegen der vermeintlichen Verwicklung in einen Aufsehen erregenden Bankraub mit Wertpapierdiebstahl im Jahr 1982 vor Gericht gestellt. Der Banken-Coup auf die Filiale Chapelle der Bank Société Générale in Brüssel, bei dem über 200 Schließfächer aufgebrochen und Wertpapiere im dreistelligen Millionenbereich gestohlen worden waren, wurde in Belgien als Coup des Jahrhunderts bezeichnet. Das Gericht sprach Serge zuerst frei. Im Berufungsverfahren wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. Ihm war vorgeworfen worden, Drahtzieher des Coups gewesen zu sein. Serge trat seine Haftstrafe nie an, er tauchte im Ausland unter. Das Verfahren wurde im Jahr 1989 aufgrund neuer Beweise wieder aufgenommen, Serge wurde frei gesprochen – im Zweifel für den Angeklagten. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt; der Verdacht, dass Rechtsradikale und organisiertes Verbrechen mitgemischt hatten, bleibt bestehen.

Der flämische Adelsmann hatte Gründe, Land, Schloss und Frau zu verlassen und in Irland neu zu beginnen. Im Jahr 2005 wurde die Scheidung von seiner ersten Frau, der Baroness Nadine Van Eyll, rechtskräftig – und etwa um die gleiche Zeit holte ihn die Vergangenheit ein. Der unter dem öffentlichen Radar lebende Parkbesitzer hatte sich um einen Immunitäts-stiftenden Diplomatenpass bemüht und wollte das Amt des Botschafters des kleinen Karibikstaats Dominica in Irland antreten. Aus der Sache wurde nichts: Die irische Regierung versagte de Thibault die Akkreditierung – die alten Geschichten spielten dabei eine Rolle und gerieten wieder an die Öffentlichkeit.¹

Serge lebte die letzten Jahrzehnte zurück gezogen in der kleinen Bucht von Monks Harbour. Er liebte gutes Essen, Austern, Garnelen, Hummer, Fisch und den Wein. Vor ein paar Jahren fragte ich ihn einmal, wie er sich so fit und gesund hält: „Ich esse gut und trinke – meine Frau meint eine, aber nein – jeden Tag zwei Flaschen Wein.“

Ortskoordinaten: 51°45’07.4″N 9°32’08.5″W (Bamboo Park Glengarriff)

¹ The Dominican ( thedominican.net )
Foto Eamonn Harris: privat


Orts-Zeit

 

Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.

Alle Fotos: Markus Bäuchle