042 :: The Cure, Naturgeister, Mythen und Aberglaube
Fast jeden Tag fahre ich auf dem Heimweg am verfallenden Haus des toten Heilpraktikers vorbei. Aidan* zog mit seiner englischen Frau in den späten Naughties aus Irlands Osten in unsere Gegend. Das Paar kaufte zwei Häuser, hielt zwei Dutzend Pferde, ein paar Goldfasane und einen weißen Papagei. Aidan war viel gereist, hatte Wurzeln hier und dort. Ihm war ein Ruf wie Donnerhall voraus geeilt – und schnell verstand ich warum. Der Mann, der laut Selbstbeschreibung als Arzt, Homöopath und Heilpraktiker unterwegs war, ließ uns alle wissen, dass er jede Krankheit, jeden Krebs inklusive, heilen könne – es sei alles nur eine Frage des Engagements und des Aufwands.
Die Menschen im ländlichen Irland glauben bis heute gerne und unbeirrt an Heiler, an Wunder, an die wundersame Heilung, The Cure. Bald standen die Heilsuchenden Schlange vor Aidans Haus: Es kamen Blinde und Lahme, Krebskranke, Frauen mit Gesichtsrosen, Farmer mit kreisrundem Haarausfall und Eltern von Kindern mit Drüsenkrankheiten. Aidan, von dem man im Dorf flüsterte, dass er The Cure hätte, heilte viele Kranke und manche nicht. Der kreisrunde Haarausfall weitete sich zur Vollglatze, die Gesichtsrose blühte weiter, die obstruktive Bronchitis verschwand genauso wie die Dornwarzen am Fuß. Sich selbst konnte er nicht helfen. Dem Heiler, der panische Angst vor gewissen Bakterienstämmen hatte, blieb nur ein Jahr. Er starb an den Bakterien, die er so sehr gefürchtet hatte.
Als die Familien in Irland noch groß waren, schrieb der Volksglaube dem siebten Sohn den Zugang zum geheimen Heilwissen zu. Jeder im Dorf wusste um die heilenden Hände für allerlei verbreitete Blessuren. Wer The Cure hatte, kannte die Rituale, Gebete und Praktiken, die von Generation zu Generation mündlich weiter gegeben wurden, um Warzen zu entfernen, Fußpilz, Gürtelrosen und Herpes zu bannen. An den uralten Hochzeitssteinen von Cape Clear begegnete mir ein junges Paar. Wir plauderten über die Requisiten einer verschwindenden Zeit, über Rituale, Naturgeister, Mythen, Aberglaube und Wunderheilung. Der junge Mann wies jeglichen Aberglauben weit von sich, um unbedingt einzuschränken: Man kann ja nie wissen. Er hatte als Kind bei einem Küchenbrand schwere Verbrennungen erlitten, die Wunden an Armen und Händen wollten nicht heilen. Schließlich brachte die Mutter ihn zum Heiler – das Wunder geschah. Der greise Mann leckte die verschorften Wunden an Händen und Armen sorgfältig von oben nach unten mit seiner schleimigen alten Zunge ab: „Es war ekelhaft, aber es hat geholfen.“ Zum Beweis streckte mir der Verlobte vom Hochzeitsstein seine unversehrten Unterarme entgegen.
In Hörweite versucht gerade eine schamanisch reisende Oberfränkin die guten Geister herbei zu trommeln. Ob ich die Elementarwesen in Irlands Natur, die Fairies und Leprechauns sehen kann, hatte sie mich gefragt. Ich erzähle ihr von einer guten Bekannten, Eithne*, einer modernen, aufgeklärten Frau. Sie hatte mich eingeladen, ein Lis, ein zweitausend Jahre altes Ringfort, in den Bergen von Kerry zu besichtigen. Wir standen minutenlang still, fast andächtig im respektvollen Abstand vor dem kreisrunden Erdwall. Meine Frage, ob wir nun hineingehen würden, schockierte Eithne. Ihre Gesichtsfarbe war nun noch blasser als gewöhnlich. Ob ich nicht wisse, dass dies viel zu gefährlich sei? Ob ich die Bücher darüber nicht gelesen hätte, welches Unglück es bringe, wenn wir Menschen in die Wohnstätten der Feen eindringen und diese störten? Eithne berichtete von vielerlei einschlägigen Unglücken, von erschlagenen Farmern, von vom Blitz getroffenen Kühen, vom Todesruf der Banshees. Wir blieben draußen. Gesehen hatte Eithne die Fairies noch nie – aber was sagt das schon.
Ortskoordinaten: 51°27’02.9″N 9°28’24.6″W (an den Marriage Stones auf Cape Clear)
* Namen geändert
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle


Hello Marcus, Sorry I have not been in touch ,although I had hoped to contribute occasionally…. Having just read about ‚the cure‘ I recalled my own experience as a child in the sixties. My brother and I both caught ringworm from the cattle with whom we were in close contact ,the cows and calves all had names and were brought home to the barn every evening to be milked by hand and bedded down for the night. A neighbour advised my mother to take us to a woman who‘ had the cure ’she was a SEVENTH DAUGHTER , I just want to point out that as far as having ‚ the cure ‚ was concerned there was gender equality ! We had to visit her 3 times at 7.00pm. She was a bank employee ,so not available for curing until after work. Anyway the ringworm disappeared ! Good riddance !
…Aber was sagt das schon. Ist es ein Lächeln, das nur beim Lesen auf die Lippen kommt, oder eher ein verhaltenes Lachen..?
Witzig, wie du diese so interessanten Dinge beschreibst, lieber Markus.
Gibt es einen Nachfolger für den The Cure?
Und noch was: ich habe tatsächlich Zwerge gesehen. Was es nicht alles gibt…