051 :: Klassentreffen, alte Heimat

Wir kommen von weit her. Als wir uns im Spätsommer 1969 das erste Mal im frisch eingeweihten neuen Gymnasium der Stadt trafen, wurden Schüler an deutschen Schulen noch mit Rohrstock und erhobener Hand auf das Leben vorbereitet. Wir lebten nachhaltig, ohne das Wort zu kennen. Das Farbfernsehen war das Maß aller medialen Dinge.

Mein erstes Klassentreffen 45 Jahre nach dem Abitur. Ich hatte damals, im Sommer 1978  ein paar Schulbücher in das Feuer vor dem Schulhaus geworfen und ging ohne zurück zu schauen. Als Hilfs-Bauarbeiter verdiente ich das Flugticket nach New York City. Die Schule lag hinter, das Leben vor mir.

Jetzt, fast ein Leben später, große Vertrautheit mit Menschen, die ich viereinhalb Jahrzehnte nicht gesehen habe. Wir haben uns verändert und blieben doch dieselben. Die alten Sympathien, die alten Vorbehalte – sie waren nie verschwunden, hatten im Off geschlummert. Sexta, Quinta, Quarta, Unter- und Ober-Tertia, Unter- und Ober-Sekunda, Unter-Prima, Ober-Prima. Namen aus einer anderen Zeit. Neun Jahre, 13 Jahre, dass ist viel gemeinsam verbrachte Lebenszeit.

Zu Viert machten wir uns damals auf von der Dorfschule ins Gymnasium in der kleinen Stadt, Andrea, Sabine, Ruth und ich. Wir entkamen der vierten Volksschul-Klasse und dem despotischen Lehrer Franz Fitz einigermaßen unbeschadet. Die Worte für diesen tobenden Prügler im Lehrergewand lernte ich später: Choleriker, Täter, Verursacher von körperlichem und seelischem Missbrauch.

Wir standen physisch auf der sicheren Seite. Wir waren neun Jahre alt und ließen es geschehen. G. war das Opfer. Franz Fritz prügelte den Schüler G. regelmäßig blutig – weil der etwas nicht wusste, weil er die Hausaufgaben nicht gemacht hatte, weil er sich in eine Notlüge geflüchtet hatte. Franz Fritz wurde nie zur Rechenschaft gezogen. Wir glauben, von weit her zu kommen.

Der Vater eines Freunds im ländlichen Irland ging in den 70-er Jahren zu dem Lehrer, der einen seiner Söhne regelmäßig misshandelte. Der Junge schrieb trotz aller Anstrengungen keine guten Noten. Der Vater fragte den Lehrer: „Wenn Du sieben Kühe hast, und sechs davon geben täglich zehn Liter Milch, die siebte aber nur fünf – verprügelst Du dann die siebte Kuh jeden Tag in der Hoffnung auf mehr Milch?“

Im Gymnasium wurden die Verletzungen subtil zugefügt. Die 68-er-Lehrer (m/w) hatten ihren Marsch durch die Institutionen angetreten und prallten auf den alten Muff der konservativen Kleinstadt. Die Junglehrer mit den neuen Ideen und der linken Agenda öffneten unser Denken und verschreckten die Eltern.

Sie demütigten uns mit feinem Sarkasmus und scharfem Zynismus. Sie lehrten uns kleine Alemannen Hochdeutsch im Förderkurs Deutsch für Deutsche. Sie erklärten uns Brecht und wie man einen Joint baut. Sie schliefen mit unseren Mädchen und paarten sich fröhlich untereinander, bis auch diese Revolution ihre eigenen Kinder verschlang. Die Klassenprima wurde Feministin, weil der Physiklehrer ihr den vernichtenden Satz entgegen geschleudert hatte: „Mädchen bekommen von mir in Physik keine Eins“. Die 68-er-Lehrer schienen uns weit voraus und scheiterten auf ihre Weise.

Klassentreffen. Wir kamen von weit her. War das nicht gerade gestern, als wir am Feuer auseinander gingen?

Ortskoordinaten: 47°39’06.9″N 7°49’31.0″E
Foto: Foto König


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos (soweit nicht anders erwähnt): Markus Bäuchle