Mont Saint-Michel

116 :: Mont Saint-Michel, Normandie.

Das Reisen beschränkte ich in den vergangenen acht Jahren gerne auf das Notwendige. Vergnügliches Reisen kam in meiner Vorstellung nicht vor. Und doch zog mich ein Ort außerhalb Irlands, an der Atlantikküste von Nordfrankreich unwiderstehlich an: Der Mont Saint–Michel in der Normandie. So bog ich in den letzten zwei Jahren zweimal von der Pflichtroute an die Küste ab, dorthin wo sich die Bretagne und die Normandie im Wattenmeer der großen Bucht begegnen.

Seit ich im Jahr 2008 das erste Mal auf der irischen Felseninsel Skellig Michael vor der Küste von Kerry gelandet bin, hält jene mich in ihrem Bann. Dieselbe Energie, die auf Skellig Michael so allgegenwärtig ist, spürte ich auf dem Mont Saint-Michel – sie wirkt dort wesentlich stärker. Beide Orte liegen auf der geheimnisumwitterten Sankt-Michaels-Linie, einer Ley-Linie, die sich als schnurgerade heilige Spur von Irland über Großbritannien und Frankreich, Italien und Griechenland bis zum Mount Carmel in Israel zieht. Auf der Michaels-Linie, die auch das Schwert des Michael genannt wird, liegen sieben dem Erzengel Michael gewidmete Plätze. Skellig Michael im irischen Atlantik ist das westlichste der sieben Heiligtümer. Nach Osten hin folgt der englische St. Michael’s Mount im Cornwall, der die heilige Linie zum Mont Saint-Michel hin vermittelt.

 

Mont Saint-Michel

 

Was, der Mont Saint-Michel, dieser Touristenfelsen, der Jahr für Jahr von Millionen Menschen erklettert wird, fragten mich Freunde, dieser Ort zieht Dich an? Ja, dieser Ort, der der Legende nach im Jahr 708 von dem Mönch Aubert von Avranches gegründet wurde, nachdem ihm der Erzengel im Schlaf begegnet war und ihm den Auftrag zum Bau erteilt hatte – dieser Ort, der heute Weltkulturerbe und Ziel jedes dritten franzöischen Klassenausflugs ist – er zieht mich an.

Nach dem ersten Besuch hatte ich verstanden, dass es leicht ist, dem Besucherstrom auszuweichen und die untere geschäftige Besuchermeile, eine Art französische Drosselgasse, als Weg hinauf zur Abteikirche zu meiden. Wenn die Tagesgäste am Abend den Felsen verlassen und sich die Nacht langsam über die Bucht senkt, kehrt große Ruhe ein und die Magie des Ortes entfaltet sich.

Mont Saint-Michel

Beim zweiten Besuch hatte ich das Glück, die weitläufigen unteriridischen Labyrinthe unter der großen Abteikirche zu begehen. Ich sah alle vier Krypten, auf denen der romanische Teil der großen Abtei ruht – auch den ältesten erhaltenen Raum auf dem Mont, die Kapelle Notre Dame sous Terre aus dem 10. Jahrhundert mit einem Einblick in verborgene noch ältere Mauern. Restauratoren vergangener Generationen haben das Tageslicht aus der Krypta gebannt und durch grelle Beleuchtung ersetzt. Hier hatten Bauingenieure Vorrang vor den Archaeologen – und doch ist Vergangenheit hier am intensivsten präsent.

Ich sah die alten Gefängniszellen aus unmenschlichen nachrevolutionären Zeit des frühen 19. Jahrhunderts, als die Abtei zur Kerkerfestung umgebaut wurde – und die schwarze Madonna, das Abschiedsgeschenk des Gefängnisdirektors, als die Kerker geschlossen wurden und er nach Hause ging.

Ich saß lange auf einem von drei alten Eichenlehnstühlen im Ostteil der alten Benediktiner-Abtei, schaute auf die Spiegelungen des Morgenlichts an den Wänden, auf den siebenarmigen Leuchter im Chor, Symbol der sieben Schöpfungstage und des vollendeten Lichts –  auf den von der Kirchendecke herab rieselnden Farbstaub.

Ich möchte bald wieder dort sitzen.

Ortskoordinaten: 48°38’10.1″N 1°30’42.2″W


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle [260825]


 

Erzengel Michael

Mont Saint-Michel