085 :: The Maharees, Dingle, County Kerry
In nördlicher Richtung bin ich nie über Castlegregory hinaus gekommen. Bis vergangenen Sonntag. Auf der Suche nach Wildgänsen in ihren irischen Winterquartieren fuhr ich im Sprühregen die Landzunge entlang in den Ozean hinaus. Ich fühlte mich schnell wie aus dem Land gefallen. Diese Landschaft ist anders als alle, die ich in Irland gesehen habe. Die schmale Landzunge in der nordöstlichsten Ecke von Dingle ragt fünf Kilometer in den Atlantik. Sie trennt die Brandon Bay von der Tralee Bay. Sie wird The Maharees (irisch Na Machairí) genannt, besteht fast auschließlich aus Sand und ist an der engsten Stelle vielleicht 200 Meter breit. An der nördlichen Spitze trifft sie auf mehrere kleine Inseln, The Seven Hogs, und bildet mit den sieben Sandschweinchen ein Archipel. Geographen bezeichnen den Sandstreifen zwischen Castlegregory und den Seven Hogs als Tombolo, italienisch für Kissen – eine Landbrücke aus Sand, in Jahrtausenden geschaffen von den Wellen und Meeresströmungen, nicht verschwistert mit der Tombola.
Ich fahre durch diese flache Dünenlandschaft knapp über dem Meeresspiegel und frage mich, wann und wo ich Irland verlassen haben könnte. Entlang der Straße vier Campingsplätze, ein Reitstall, eine Surfschule im Winterschlaf, drei Weiler, auf beiden Seiten lange sandige Strände. Kühe und Pferde spazieren frei über die Wiesen, wo diese nicht unter Wasser stehen. Bin ich auf einer Hallig gelandet, in Tasmanien, auf Nahant oder Cape Cod in Massachusetts? Die Marien-Grotten an den Weggabelungen und die geduckten Farmhäuser reichen mir den Kompass zurück. An manchen Stellen hat der Wind das Sträßchen mit Sand zugeschüttet. Die Menschen in den Maharees müssen den Schnee nicht fürchten. Sie setzen Sandräumfahrzeuge ein.
Ich finde die Wildgänse. Die hellbäuchige Ringelgans (Branta bernicla hrota) reist viel und hat drei Wohnsitze. Im Sommer brütet sie am Polarkreis in Kanada, in Grönland und auf Spitzbergen; im Frühjahr und Herbst lässt sie sich in Island nieder. Den Winter von November bis April verbringt sie in Irland. In der geschützen Bucht von Tralee finden die geselligen Vegetarier noch genügend Seegras, die salzige Leibspeise der Marschen. Tausende Ringelgänse fliegen im Verbund, dem Schoof, Jahr für Jahr nach Süden ins irische Winterquartier. Wie fast alle Tierarten sind sie von der Klimakrise bedroht – und vom Gedeihen der Lemming-Populationen in der Arktis. Geht es den Lemmingen schlecht, machen sich Polarfüchse, Schnee-Eulen und Raubmöwen bevorzugt über die Eier der Gänse her.
Es ist zu warm geworden am Polarkreis. Die Lemminge leiden unter den Klimaveränderungen wie die Menschen in Pacific Pallisades, in Malibu und in Eaton. Als die Häuser der Traumfabrik-Betreiber abbrannten, schlug der Feuerbeobachter John Vaillant vor, unsere Spezies von Homo sapiens in Homo flagrans umzubennen: wir, die (ver-) brennenden Menschen. Wir haben die Erde in Brand gesetzt. Wir haben die Kontrolle über das Element verloren, dem wir alle Zivilisation und allen Wohlstand zu verdanken haben. Explosive Verbrennungsprozesse im Motor meines Autos haben mich in die Maharees gebracht, während Los Angeles abfackelte. Die Erde brennt. Die Lemminge sind unschuldig. Die Füchse und Eulen sind unschuldig. Die Gänse sind unschuldig. Wir haben die Kontrolle über das Feuer verloren – und über uns.
Wie lange werden wir die Wildgänse noch ziehen sehen?
Ortskoordinaten: 52°17’43.0″N 10°01’54.0″W
Foto unten: © Superbass / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)
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Alle Fotos: Markus Bäuchle, sofern nicht anders erwähnt.
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Sehr schön „Bilder und Töne hervorzaubernd in meinem Kopf“ zu lesen… auch wenn es insgesamt wirklich traurig stimmt, dass es (nicht nur) den Ringelgänsen (egal welcher Subspezies) schlechter geht, vor allem weil ihre Hauptnahrung, die Seegrasbestände in den Küstenmeeren weltweit kontinuierlich abnehmen… und auch Meersalat, der nachfolgend ersatzweise auf ihren Speiseplan kam… man sieht sie deshalb immer mehr in den Salzwiesen grasen, das aber schwächt sie…
Diese Gegend muß ich mir mal ansehen… denn diesen laut und wunderschön tönenden herbstlichen Vogelzug (im Frühjahr fliegen die Rückkehrer überwiegend sehr leise) vermisse ich hier wirklich… für mich gehörte das in D intensiv zum Leben: tausende Kraniche, tausende Gänse und tausende andere Limikolen (u.a. Großer Brachvogel, Regenpfeiferarten, Austernfischer, Steinwälzer etc…
Und ganz spontan fiel mir eben zu dem Schicksal nicht nur der Ringelgänse sondern so vieler anderer mit uns diese Erde teilenden Lebewesen ein Gedicht von einem alten Freund ein (Hubert Weinzierl) Es heißt
Wasserspinne
Alte Halme weckt der Südwind
Schwalben bringt er mit ,der milde
und vertreibt die Angstgebilde
die vom Winter übrig sind.
Aus den Tümpeln – welch ein Reigen!
Wie die Welt zusammenrinnt.
Sieht man Lebensfäden steigen,
die ein Geist zum Ganzen spinnt.
Und er formt der Blüten Fülle.
Vogellieder – Stück für Stück:
Schmetterlinge, bunte Käfer,
Kinderaugen, Menschenglück.
Immer wieder spinnt er Fäden,
wenn man sie ihm auch zerreisst.
Und er läßt die Winde reden,
und sie flüstern wie im Geist:
Eines milden Frühlingsabends
wird kein Mensch auf Erden leben.
Doch es wird noch Buschwindröschen
und viele blaue Veilchen geben