084 :: Gute Vorsätze am 11. Januar 2025

Leute, die sich über gute Vorsätze lustig machen, haben möglicherweise die Kontrolle über ihr Leben aufgegeben oder verloren. Es wird dem Weltuntergang mit Trump und Musketier so egal sein, wie er mir: Ich habe mir für dieses Jahr vorgenommen, leichter zu sein, mehr Spaß zu haben und wieder spontan zu handeln. Das Jahr ist noch keinen halben Monat alt, und es ist mir schon gelungen. Ich habe ein einfaches Nokia-Handy, neudeutsch Dumbphone, gekauft und das Smartphone probeweise beiseite gelegt. Mit diesem neuen Telefon kann ich telefonieren und angerufen werden, ich kann Texte (SMS) schicken und empfangen – und wenn ich wollte, könnte ich damit Radio hören. Ich reise in der Zeit 17 Jahre zurück und fühle mich frei: Zwei freie Hände, ein freier Kopf, die Seele tanzt Salsa – und irische Jigs and Reels.

Seit einigen Jahren bedrängte mich das Gefühl: Ich will mein Leben zurück. Wir sind nur noch selten hier. Wir fliehen sehend, denkend, hörend und fühlend durch den kleinen Bildschirm hindurch in das ferne Dort unserer körperlosen zweiten Wirklichkeit, in das Reich der endlos aufscheinenden leeren Versprechen. Die mit Macht alles verändernde KI bringt mich noch mehr in Bedrängnis. Manchmal braucht es einen einzigen glasklaren Moment, um für das Neue bereit zu sein. Diese Schrecksekunde erlebte ich in der großen Lounge auf der bretonischen Fähre nach Irland. Ich hatte um mich geschaut und Dutzende Einzelwesen gesehen, die allesamt vollkommen isoliert und abwesend in die kleinen Bildschirme starrten, die sie sich vor ihre Augen hielten. Ich wusste in diesem Augenblick auf der Fähre deutlicher denn je: Ich hole mir mein Leben zurück.

Die ersten Gehversuche in der neuen Freiheit provozieren immer wieder den Gedanken: Wie habe ich das früher gemacht? Ohne das smarte Ding, das mein Leben in weniger als zwei Jahrzehnten so drastisch verändert hat, wie es keine Erziehung, keine Beziehung, keine Arbeitsstelle und keine ureigene Leidenschaft vermochte. Was mache ich eigentlich, wenn ich 180 Sekunden an der Behelfsampel stehe und nicht in meine elektronischen Postfächer schaue? Was, wenn ich den kostbaren Moment in der Abendsonne genießen könnte, statt dessen aber nach der Kamera suche, um statt der Erinnerung ein Foto zu konservieren, das ich vermutlich nie wieder anschauen werde? Was, wenn ich einen Ort suche und ihn nun mit eigenen Mitteln finden muss? Was, wenn plötzlich wichtige Fragen auftauchen, die sofort beantwortet sein wollen? Was, wenn ich unbedingt wissen will, wie viele Kilometer ich gerade entlang der Küste gegangen bin? Was, wenn ich mich frage, wie das Wetter da draußen gerade ist, wie kalt oder warm? Und wo bleibt meine eigene Klangkulisse im Auto, meine Playlistsammlung für jede erdenkliche Stimmung?

Die Antwort ist einfach: Ich fühle meine eigene Stimmung und erinnere mich an meine eigenen Fertigkeiten – an das, was ich weiß und kann und was ich gelernt habe. An der Ampel kann ich einfach drei Minuten lang bei mir sein. Ich genieße die Ruhe im Auto und öffne das Fenster, um die Geräusche draußen zu hören. Ich finde mich in der Landschaft zurecht, finde das Ziel, kann mich orientieren und abschätzen, wie weit ich gegangen bin. Ich schaue zum Himmel, auf das Wasser und an den Horizont, fühle die Temperatur mit meiner Haut, höre den Wind. Ist es wirklich so wichtig, die exakte Zahl in Kilometern oder Grad Celsius zu kennen? Die Post kann warten bis heute abend. All die vielen Fragen: Sie sind wie Wolken am Himmel, verschwinden so schnell wie sie gekommen sind. Was wichtig ist, bleibt. Ich schaue mir den Sonnenuntergang, das Schneegestöber, den Starenschwarm und  die zankenden Kinder genau an, ohne ein Foto zu machen. Wie dieser fette Stern am Abendhimmel, der große weiße Vogel im Watt und der Ort mit dem alten Friedhof heißen? Ich werde es später am Computer nachschauen – wenn ich es dann noch wissen will.

Stärker denn je plagt mich die Vermutung, dass uns der ständige Aufenthalt in den digitalen Welten aushöhlt, aussaugt und verarmen lässt: Wir werden eindimensional und uns gegenseitig immer ähnlicher. Wir geben mehr und mehr Aufgaben an die elektronischen Helfer ab und verlieren dadurch langsam aber zuverlässig unsere eigenen Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten. Ich fürchte, wir verlernen, gut wahrzunehmen, tief zu fühlen und die anderen Menschen in ihrer Komplexität zu verstehen. Wir verlieren die Fähigkeit, anhaltend aufmerksam zu sein. Ja, wir verlernen es, kreativ zu denken. Wir büßen sogar einen Teil unseres Wortschatzes und unserer Sprachfähigkeit ein, die Begabung, uns gut auszudrücken. Wie einfach ist es, ein Emoticon anzuklicken. Was soll ich da noch selber fühlen und was in Worte fassen?

Unsere geistigen Fähigkeiten verkümmern wie die Muskeln, die wir nicht mehr benutzen und nicht mehr trainieren. Wollen wir so werden? Dieses Jahr widme ich dem Experiment, das Smartphone zur Seite zu legen. Und ja, der gute Vorsatz wird den 15. Januar ganz sicher überleben. Denn ich will mein Leben zurück.

 

Ortskoordinaten: Heute rein gefühlt.

 


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle