083 :: Im alten Cottage von Denis Dan
Am 14. Dezember 1934, einem Freitag, reiste Adolf Hitler mit Nazi-Tross zu einem als privat gekennzeichneten Besuch nach Bremen. Der Reichskanzler ließ sich bereits Führer rufen. Er hatte letzte Widersacher aus dem Weg geräumt und alle Macht im Reich auf sich vereinigt. Seine Reise galt dem Stapellauf der Scharnhorst 2, eines für den Norddeutschen Lloyd gebauten Passagierschiffs. An jenem Tag kollidierte Hitlers Zug in Berlin mit einem Bus und tötete 15 Menschen. Über den Unfall wurde überwiegend im Ausland berichtet. In Bremen soll Hitler geschwiegen haben.
In einem einfachen Cottage in Glengarriff Harbour, in Sichtweite der Bucht, wohnte nach dem Großen Krieg das Farmerpaar Dan und Fanny mit seinen zwölf Kindern in einfachsten Verhältnissen. Die Dans waren arm und unterschieden sich darin nicht von ihren Nachbarn. Mehrere Kinder emigrierten auf der Suche nach einem besseren Leben nach Amerika. Tochter Margaret wurde im Jahr 1926 im Alter von 15 als Dienstmädchen bei wohlhabenden Engländern untergebracht. Sie ging in die Anstellung und lebte fortan mit den feinen Leuten auf der nahen Insel. Sohn Denis Dan übernahm nach dem Tod der Eltern die kleine Farm. Schwester Maggie ruderte regelmäßig zurück zum Festland und schaute nach ihrem Bruder. Im Elternhaus übernachtete sie nie wieder. An Weihnachten wurde Denis Dan jedes Jahr zum Festessen auf die Insel eingeladen. Margaret starb im August 1999, Denis im Dezember 2000. Seitdem stand das Cottage in Glengarriff Harbour menschenleer – beherbergte bald eine Kolonie von Fledermäusen.
Am 14. Dezember 2024, einem Samstag, besuchte ich erneut das alte Cottage. Es ist von Efeu überwuchert, durch die Fenster dringt kaum noch Licht. Auf dem Boden flächendeckend Tierkot. Der Küchentisch steht noch da, die Bank an der großen Feuerstelle, im offenen Küchen-Buffet das Geschirr, der Teekessel, eine kleine Plastikflasche; daneben am Schrankrahmen das Weihwasserbecken; im Kamin ein großer gusseiserner Kochtopf ohne Henkel. An der Wand ein blinder Spiegel, ein Heiland-Bild, zwei Krawatten an einem Nagel.
Wir öffnen eine Holztruhe im Schlafzimmer im Obergeschoss und finden die Glasschirme von Petroleumlampen, eingewickelt in das Papier der Times vom Freitag, dem 14. Dezember 1934. Diese Zeitung war auf den Tag genau vor 90 Jahren erschienen, die Leser hatten darin die Nachrichten vom Mittwoch und vom Donnerstag gefunden. Über Hitlers Unfall in Berlin wusste diese Ausgabe der London Times noch nichts.
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Dem alten Irland wurde eine Standleitung in die Vergangenheit nachgesagt. Das lag auch auch daran, dass die Spuren vergangener Generationen allgegenwärtig schienen. Im ländlichen Irland standen bis vor kurzem zehntausende verlassene Hausruinen aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Viele Hausbewohner waren in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten ausgewandert und hatten ihre schlichten Behausungen leer zurück gelassen — oft mit zerstörtem Dach, um der Steuerpflicht zu entgehen.
Besucher unterstellten bisweilen, dass die Ruinen „aus Bequemlichkeit“ nie entfernt wurden. Tatsächlich symbolisierten die alten verlassenen Gemäuer die Hoffnung und die Zuversicht, dass geliebte und vermisste Menschen einst zurückkehren würden aus der Ferne jenseits des Atlantiks und der Familie und den Nachbarn daheim wieder nah sein könnten, wenn Hunger und Not überwunden wären. Viele Menschen wollten später das Glück nicht herausfordern. Sie ließen die alten Gemäuer lieber ruhen, auch wenn die Steine für neue Häuser nützlich gewesen wären.
Die Generation der Gegenwärtigen hat in Irland Schluss gemacht mit Warten, mit Aberglauben und Sentimentalitäten. Seit einigen Jahren gibt es reichlich Fördergeld vom Staat für den Wiederaufbau von Hausruinen. So verschwinden die steinernen Zeugen aus der Zeit der Armut allmählich aus dem Landschaftsbild. In Irland soll nun alles schön modern sein.
Ortskoordinaten: Bantry Bay, west West Cork, Irland.
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Alle Fotos: Markus Bäuchle




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