068 :: Ballincollig Castle, Ballincollig, Cork
Es gibt Orte in Irland, da will man nicht hin – und schon gar nicht bleiben. Ballincollig ist einer davon. Die nahe Großstadt Cork hat sich Irlands einst größte Gemeinde vor fünf Jahren einverleibt und treibt den seit zwei Jahrzehnten tobenden Bauboom in der westlichen Vorstadt auf die Spitze. Immer neue Häuser-Komplexe wachsen aus den einst grünen Wiesen des Maglin Valley, Dutzende neue, stets eingezäunte Wohnsiedlungen reihen sich monoton aneinander und zerteilen die Landschaft mit roher Gewalt. Corks bekanntester Barde John Spillane schrieb einst den Song „Johnny don’t go to Ballincollig“.
Ich sah auf einen MacDonalds-Parkplatz und hörte diesen Song zwischen meinen Ohren. Ich stand in Ballincollig und überlegte, wie ich diese Handvoll Zeit überbrücken könnte. John Spillane hatte vor 15 Jahren einen zweiten Song über Ballincollig geschrieben: Beautiful Ballincollig. Er beschrieb darin den Versuch, einen Ort seiner Kindheit wieder zu finden: das Ballincollig Castle. Die Burg aus der Zeit der Normannen stand einst auf einem Kalksteinsockel in einer leeren weiten Wiesenlandschaft. Der arme Spillane verirrte sich in den neu entstandenen Häuserwäldern, die die über 800 Jahre alte Burgruine hermetisch abschirmten. Am Ende fand er einen Pfad durch die Barrikaden der Housing Estates und durch das Hecken-Dickicht, das um das alte Gemäuer gewachsen war. Zerkratzt und zerschunden entdeckte er erst einen großen Haufen leerer Bierdosen, die in der Sonne glänzten und funkelten. Dann traf er auf dem Burgturm die Frau seiner Träume, die schönste, die er sich jemals herbei träumen konnte.
Das Lied summend machte ich mich auf die Suche nach der Burg von Ballincollig. Immer wenn ich nach Cork gefahren war, sah ich den Burgturm neben der Schnellstraße N22 in die Höhe ragen. Jetzt näherte ich mich vom Ortskern her über Ortsstraßen. Schnell fand ich die Castle Road. Vielversprechend. Einbiegen in die Maglin Road, den Maglin Drive, den Maglin View und das Maglin Green. Am grünen Gitterzaun, zwei Meter hoch, ist Endstation. An einer Stelle ist der Zaun mit Gewalt verbogen und ein Stück weit geöffnet. Der Turm der Burg grüßt aus der Nahdistanz.
Neuer Anlauf, neue Wohnsiedlung: Coleman´s Cois Caislean – „an der Burg“. Am Eingang des Estates eine Tafel mit Informationen zum „Ballincollig Castle: Ein historisches Wahrzeichen direkt vor unserer Haustür“. Nur leider hinter Zäunen und Mauern weggesteckt. 300 Meter weiter: Endstation. Siedlungsende. Grüner Gitterzaun. Zwei Meter hoch. Dahinter wird mehr Landschaft ausgeräumt. Das nächste Baugebiet erhebt sich aus zerstörten Wiesen. Im Hintergrund, hinter Bäumen grüßt der Turm von Ballincollig Castle. Zurück zur Castle Road, hinein in zwei weitere Häuserwälder, in einen Bauernhof, einen Feldweg. Passanten, Einwohner: alle ahnungslos. Dann spuckt mich Ballincollig aus, zurück auf die Schnellstraße nach Cork. Ich sehe den Turm von der N22 aus, drehe eine Frust-Runde um den Ort, an den ich nicht will – ich gebe auf. Nur für heute. Eineinhalb Stunden haben mir nicht gereicht, um den Weg zum Castle zu finden.
Eigentlich ist dieser wundersam abgeriegelte, aus der Gegenwart mit physischer Gewalt verbannte Ort ein Ort der Hoffnung: Er wurde durch Unachtsamkeit, durch Blindheit und Geschichtsvergessenheit aus dem Alltag der Stadt verdrängt. Jetzt entzieht er sich, eine unberührte Oase im täglichen Verkehrschaos, konsequent der Verfügbarkeit und dem schnellen touristischen Konsum. Kurz ansehen, Foto schießen und abhaken: Das gelingt hier nicht. Beautiful Ballincollig Castle. 800 Jahre alt und immer noch etwas Besonderes.
Am Abend lese ich im Internet die abenteuerlichen Berichte der vielen Gescheiterten. Kaum jemand hat es demnach in den vergangenen Jahren zur Burg von Ballincollig geschafft – außer der biertrinkenden Vorstadt-Jugend. Für sie ist die abgelegene Ruine ein idealer Treffpunkt. Aufpasser jeglicher Art werden sich dorthin nicht verirren. Die Gescheiterten schimpfen gerne, dass sich die Stadt mit der Burg schmückt, den Weg zu ihr aber achtlos verbaut und verbarrikadiert. Manche sind bitter enttäuscht. Immerhin werden sie diesen Ort, den sie nie zu Gesicht bekommen haben, so schnell nicht vergessen.
Der Blick aus der Vogelperspektive auf die Burg verschafft Klarheit: Es gibt zwei Routen durch die Häuserbarrikaden zum Ballincollig Castle. Ich werde sie bald gehen. Vielleicht treffe ich ja auf dem Burgturm die traumhaft schöne Frau, die mir niemals begegnet sein wird.
Ortskoordinaten: 51°52’46.2″N 8°35’58.9″W (Ballincollig Castle)
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Alle Fotos: Markus Bäuchle



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