080 :: Blarney Castle, Blarney, County Cork
Seit meiner ersten Landung in Irland machte ich einen weiten Bogen um Orte mit Massenanziehungskraft. Jetzt bin ich zum eigenen Erstaunen in der Aufwasch-Schleife unterwegs. Vor dem Croagh Patrick und nach dem Steinkreis von Drombeg ein Besuch in Blarney: im größten Woll-Laden Irlands, im Blarney Castle und am sagenumwobenen Blarney Stone. 400.000 Menschen klettern jedes Jahr die enge Wendeltreppe hinauf zum oberen Wehrgang des Burgturms, um sich im Hohlkreuz auf den Rücken zu legen und den in der Mauer eingelassenen Stein von Blarney kopfüber zu küssen. Als Lohn für die absurde Verrenkung winkt den PiIgern der Legende nach die Gabe der Sprachgewandtheit und der charmanten Plauderkunst, the Gift of the Gab.
Mehr als 1000 angehende Plaudertaschen, vornehmlich wurzelsuchende Amerikaner, begeben sich Tag für Tag auf den Haddsch des westlichen Touristen und legen sich sehenden Auges 26 Meter über dem Abgrund auf den Rücken. Nur der Schwarze Stein in der Kaaba von Mekka kommt weltweit mit mehr Lippenpaaren in Berührung. Woher der Stein in der Turmmauer stammt, ist ebenso wenig verbrieft wie die Herkunft des Versprechens, dass der Steinkuss den Sprachfluss anregt. Der Blarney Stone wurde von den ursprünglichen Besitzern der Wohnburg, dem Clan der MacCarthy of Muskerry, wohl im 15. Jahrhundert in einen der zahlreichen Maschikulis unterhalb der Zinnen eingebaut.
Er könnte ein Geschenk des Schotten-Königs Robert the Bruce oder die Gabe einer Hexe oder einer Fee gewesen sein. Der biblische Jakob könnte sein Haupt darauf ausgeruht haben, vielleicht hat schon Moses den Stein berührt. Oder er war ein Teil des irischen Schicksals-Steins, den irische Hochkönige einst als Orakel benutzt hatten. Vielleicht auch nicht. Die Geschichten des Steins sind jedenfalls so wirkungsmächtig, dass die Colthurst-Familie den weitläufigen Besitz mit einem der schönsten Baumparklandschaften Europas bestens in Schuss halten kann.
Der Steinwächter auf der zugigen Turmplattform trägt an diesem warmen Sommertag eine schwarze Jacke und Mütze. Er geht gewichtigen Menschen gerne zur Hand, um sie in Rückenlage zu bringen, und bemüht sich redlich mit Desinfektionsmittel und Lappen, das Wunder von Blarney so virenfrei wie möglich zu halten. Ich dachte im Vorbeigehen an die Geschichte, die der aus dem nahen Dorf stammende Musiker Mick Flannery gerne erzählt: Als Kinder schlichen sie sich nach Geschäftsschluss regemäßig auf den Turm und pinkelten an den berühmten Stein. Ich hielt es mit Mick. Er sagt von sich: „Ich habe den Blarney Stone noch nie geküsst.“
Ortskoordinaten: 51.92896° N, 8.57078° W
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle




Sehr schöner Artikel, liest sich sehr gut, vielleicht kommen die besten ja mal irgendwann in ein Buch.
Danke, Katrin. Ja genau, das möchte ich so machen.