020 :: Beara Peninsula; Kühe auf Kuhpfaden
Mein Freund Brendan hat nach Jahren der Abstinenz wieder angefangen, Milch zu trinken. Wenn niemand mehr Fleisch isst und keiner mehr Milch trinkt, dann sterben die Kühe aus, sagt er. Viele Iren haben ein inniges Verhältnis zu Rindern, inniger als zu Schafen. Das Duo Mensch und Kuh ist immerhin eine Jahrtausende alte Erfolgsgeschichte.
Wenn ich zu Brendan fahre, nehme ich gerne eine Abkürzung über die engen Sträßchen an der Küste. Zuletzt dauerte die Abkürzung wieder eine halbe Stunde länger. Unterhalb des Steinbruchs bremste mich ein alter Traktor aus. Patrick Jim brachte seine sechs Tiere von der Winterweide nach Hause auf die Farm in Roosk. Ich durfte zwei Kilometer hinter Traktor und Kühen im gemütlichen Schritt-Tempo her bummeln. Überholen unmöglich: Die Herrscherinnen der Landsträßchen sind hier zweifellos noch immer die Kühe.
Die Kuh heißt in der irischen Sprache Bó. Die Straße heißt Bóthar, der Kuhweg; ein Sträßchen, wie das auf dem ich fuhr, nennt man Bóithrín, im Englischen wurde daraus Boreen. Es waren die Rinder, die auf der Suche nach Futter mit ihren massigen Körpern erste Pfade und Wege durch das Dickicht der Ur-Vegetation trampelten. Die Menschen folgten. Aus den Kuhpfaden entwickelte sich das irische Wege- und dann das Straßennetz. Mensch und Kuh helfen sich gegenseitig. Sie sind als Gattung im evolutionären Kampf ein traditionell gutes Gespann. Brendan will, dass das so bleibt.
Brendan ist empört, dass in den kommenden Jahren viele Kühe geschlachtet werden sollen, um das Klima zu retten. Rette sich, wer kann.
Ortskoordinaten: 51°40’44.0″N 9°39’08.7″W (Boreen bei Roosk)
PS: Patrick Jim starb am 11. Januar 2026.
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Alle Fotos: Markus Bäuchle [ed040723]


oh, sorry ich hatte gestern Nacht einfach vergessen das Foto anzuhängen
Lieber Markus
Eben dachte ich ich traue meinen Augen nicht… wie schön das heute zu lesen (habe jetzt endlich wieder Internet aber noch unglaublich viel mit dem Umzug zu tun), wenn auch zugleich traurig, wie all das unglaublich Dekadente und Dumme bis komplett Irre in dieser heutigen Zeit oft bis in den Alltag hinein redigiert… Kühe Keulen wegen Methan ist absolut abartig… irgendwann wenn die kranken Hirne obsiegen wird man noch Menschen verbieten zu atmen und zu pupsen…
Traurig, dass Patrick Jim nun nicht mehr seine kleine Kuherde zwischen Wiesen und Farm laufen lassen kann. Ich hoffe sehr, dass sein Hof weitergeführt wird und seine Kühe noch ein bisschen weiter ihrer Wege laufen dürfen…
Und ja, diese herrlich entspannten Begegnungen auf den Strassen und Boreens wird es hoffentlich noch lange hier auf der Insel geben, ich lieeeebe sie… aber ich lebe ja inzwischen auch jenseits allen Zeitdrucks… hier zum Freuen über solche Augenblicke und im Andenken an Patrick Jim nochmal eines meiner liebsten Erinnerungsbilder, als wir mal versehentlich mitten in so eine gemächlich dahin trottende Kuhherde gerieten… (Auftrieb in unsere Bergwelt… und versehentlich: weil die Farmer alles abgesperrt hatten und wir aber aus einem Waldweg daherkamen)
Heute z.B. habe ich einen neuen Nachbarn kennengelernt, Kuh-Farmer, ich war mit Liam und Loumi unterwegs und er kam mit einem Bagger angefahren, hielt neben dem winzigen Bergsträsschen hier an, stellte den Motor ab, kam zu uns streckte mir die Hand entgegen (zu Liam die give me five Geste) und sagte ich bin H und habe Dich hier jetzt schon so oft gesehen… und schon gab es einen fast 30min Schwatz… wir waren kaum 5 min weiter gegangen kam am nächsten Haus die Inhaberin heraus und begrüsste uns (sie waren ein paar Monate in Südeuropa)… noch ein Schwatz und die Einladung doch bald mal auf einen Kaffee hereinzuschauen… DAS ist es was ich auch so liebe hier auf der Insel… auch wenn ich unsere nunmehr frühere totale Bergeinsamkeit (da gab es so manche ganze Woche, wo ich nicht einer Menschenseele begegnete) und die Wildnis schon sehr vermisse…
Zum „Alles hat ein Ende“ kann ich – wie langsam und gelassen hinter einer Kuhherde herfahrend – ebenso gelassen sagen: es stimmt mich auch wirklich traurig aber ich verstehe es vollkommen! Ich werde mich über jeden kleinen Beitrag hier wie immer freuen und ich hab ja auch noch sicher nichtmal alles gelesen, weil ich auch erst spät dazu gefunden habe… Hab also nochmal ganz lieben Dank, für all das was Du (und auch all die Autoren und all die Kommentare Schreibenden) hier schon hinterlassen haben…
So schön geschrieben. Bin gleich „mitgefahren“ im Schritttempo…
Aufgrund solch eines Umtriebes erreichte ich meinen Arbeitsplatz vorgestern etwas verspätet.
Wie wäre es, wenn anstatt der Keulungen einfach das Fleisch von 200.000 Rindern nicht mehr aus fernen Ländern importiert werden darf?
Das würde doch auch den ökologischen Fussabdruck ändern.