067 :: The Stags; Kowloon Bridge
Auf diesem Kap, an dem ich wanderte, gibt es keinen öffentlichen Parkplatz, kaum Platz für zwei, drei Autos. Ortsfremde haben den Weg hierher trotzdem gefunden. Sie wohnen diskret, unauffällig, zurückgezogen, wohlhabende Sommerbürger. Sie fahren kleine alte Autos, manche sind linksgesteuert. Unweit vom Cottage des alten Spiegel-Redakteurs, dort wo ein deutscher Sozialminister einst in euphorischer Verzückung Sirtaki auf einem Autodach tanzte, beginnt ein Fußpfad durch rotes Heideland auf den hohen Klippen des Toe Head.
Tief unten in den steinigen Buchten sonnen sich die Kegelrobben. Es sind um die 150 Tiere, die sich hier im Schutz der Felsen sicher fühlen. Sie liegen träge auf den Steinstränden, Menschen an einem Playa de las Baleares nicht unähnlich, ähnlicher noch den Steinen, auf denen sie gut getarnt die Stunden vorbeiziehen lassen. Draußen vor der Küste ragt wie immer das Penthouse eines großen Riffs aus dem Wasser. Der bizarre Fels erinnert mich an die Ruinen einer geschleiften Burg. Irische Augen sehen darin seit Generationen etwas anderes: wilde Tiere. Sie nennen die Felsformation The Stags, die Hirsche. Auf dem Meeresgrund östlich und westlich der Hirsche reihen sich die Wracks gesunkener Schiffe wie an einer Perlenkette auf. Am 22. November 1986 lief der Groß-Frachter Kowloon Bridge an den Stags auf Grund und zerbrach in drei Teile. Endstation West Cork. Das knapp 300 Meter lange Schiff war aus Kanada über den Nordatlantik gefahren, beladen mit Eisenerz und Öl.
Zeitgenössische Berichte beschreiben das Scheitern des Frachters und wie er zum größten Schiffswrack Europas wurde: Am 20. November 1986 ging die Kowloon Bridge in der Bantry Bay vor Anker, weil bei der Atlantiküberquerung Risse im Rahmen des Decks aufgetreten waren. Der Frachter wurde jedoch gezwungen, den Hafen zu verlassen, nachdem er seinen Anker verloren hatte und das Ruder beschädigt wurde, um eine Kollision mit einem ebenfalls in der Bantry Bay ankernden Öltanker zu vermeiden. Der Hafenmeister wollte nach der Katastrophe von 1979, als der Tanker Betelgeuse die Bantry Bay in ein höllisches Inferno verwandelt hatte, kein Risiko eingehen. Hubschrauber der Royal Air Force retteten die Besatzung, die Kowloon Bridge wurde mit laufendem Motor aufgegeben. Sie trieb aus der Bay heraus in östlicher Richtung entlang der irischen Küste. Ein Schlepper, der versuchte, das Schiff zu erreichen, musste den Bergungsversuch aufgeben, nachdem auch er Sturmschäden erlitten hatte. Der Wind drehte das Schiff. Es fuhr zurück in Richtung Küste, wobei es fast in die Baltimore Bay eingelaufen wäre. Doch dann kollidierte die Schiffsschraube mit einem Felsen, die Maschinen wurden abgewürgt. Innerhalb weniger Stunden driftete die Kowloon Bridge weiter nach Osten und lief auf ein unter Wasser liegendes Riff an den Stags Rocks am Toe Head auf. Der auslaufende Treibstoff breitete sich über die irische Südküste aus, tötete Tiere und Pflanzen und schädigte die lokalen Fischer. Im Frühjahr 1987 brach die Kowloon Bridge in drei Teile und sank 36 Meter tief auf den Meeresgrund.
Dort draußen haben Generationen von Kapitänen kapituliert, dort starben im wilden Wetter des tosenden Atlantiks Hoffnungen, versanken Träume, Menschen und Fracht. Die Hirsche standen stumm dabei. Sie stehen noch immer. Gerne würde ich die Stags einmal betrachten, wie sie der Bootsfahrende aus der Nähe sieht.
Ortskoordinaten: 51° 28′ 0″ N, 9° 14′ 0″ W (Wrack der Kowloon Bridge)
Foto unten: Lorenzo Lardelli
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos (soweit nicht andes erwähnt): Markus Bäuchle [ed240424]



Ich danke Dir fürs treue Lesen, liebe Gabi!
Hi Markus……
es ist immer wieder schön, so tolle Geschichten aus „,unserem “ Irland zu lesen.
Für einen Moment habe ich um mich herum alles vergessen.
Herrlich ……. wir warten auf mehr. 👍🙏
Das freut mich sehr, liebe Jutta. Mehr demnächst . . .
Danke Markus! Es ist so faszinierend, wie Du Deine Naturerlebnisse mit Worten noch einmal im Kopf Deiner LeserInnen aufleben lässt. Mir jedenfalls geht es so und dafür bin ich dankbar.
Liebe Grüße aus dem fernen Berlin
Gabi