117 :: Inishmore, Aran Islands; Dara Molloy, Priester und Druide.
Vor drei Jahren, am Nachmittag des 3. September 2022, die Pandemie war noch nicht überwunden, erreichte ich Inishmore. Auf der westlichsten der drei Aran-Inseln in der Bucht von Galway traf ich den keltischen Priester, Mönch und Druiden Dara Molloy. Ich hatte ihn gebeten, mir die Macht des keltischen Rituals zu erklären und zu demonstrieren. Ich hatte begonnen zu verstehen, dass wir Menschen nicht länger einseitig auf unseren grandiosen Verstand setzen können, wenn wir als Spezies auf dieser Erde überleben wollen. Ich erinnerte mich an Daras Worte, dass die symbolische Handlung des keltischen Rituals unsere Gedanken umgeht und unsere Seelen tief berührt – und ich war gespannt auf sein neues Buch Re-Imagining The Divine. A Celtic Spirituality of Experience, in dem er die menschengemachte Klimakrise und das große Artensterben in direkten kausalen Zusammenhang setzt mit dem globalisierten Monotheismus der Römisch-Katholischen Kirche. Dara Molloy hatte sich im Jahr 1996 von dieser Kirche los gesagt, um ein Leben als freier Priester jenseits der Institutionen, der Dogmen und der Religion zu führen. Er hatte sich nach einem spirituellen Leben voller Schönheit, Geheimnisse und Wunder gesehnt.
Ich hatte Fotos des Priesters in weißem Gewand und Umhang gesehen. Vor mir stand der Mann nun in Jeanshemd, Shorts und Sandalen. Kleider sind Schall und Rauch. Dara kam schnell zur Sache, wir gingen zur Kirche des Saint Ciaran, der hier im 6. Jahrhundert beim Aran-Mönch Enda studiert hatte. Der ruhige, menschenleere Ort wird geprägt von der dachlosen Kirchenruine mit einem einfachen Steinaltar an der Giebelwand. Neben der Kirche steht eine steinerne Sonnenuhr aus dem Mittelalter (Foto), in einiger Entfernung ein mit bunten Bändern geschmückter alter Weißdornbaum und eine mit wuchtigen Steinblöcken eingefasste Quelle. Hier zelebriert Dara für seine Gäste die uralten Rituale unter freiem Himmel. Er kommt vor allem mit Brautpaaren, mit Pilgern und mit Neugeborenen und dessen Eltern hierher. Die Kirche ist ihm ein Kraftort, die Sonnenuhr in der Tradition der Insulaner ein Stein zum feierlichen Abschluss von Verträgen, der Weißdorn ein Baum des Gebets und der Wünsche, die Quelle ein heiliger Ort, der in der druidischen Tradition sieben mal im Einklang mit dem Tagbogen der Sonne umrundet wird.
In unserem post-modernen Leben ist die Beliebigkeit eingezogen, die Jahreszeiten-zyklische Struktur, die Rituale und Riten haben sich weitgehend verflüchtigt. Sie haben Scheinritualen vom täglichen Shopping bis zum allabendlichem Streaming Platz gemacht. Regelhaftigkeit und Wiederholung sind Merkmal jedes Rituals, machen seine Bedeutung aber nicht aus. Diese liegt in der symbolischen Resonanz und der inneren Erfahrbarkeit. Die Zeremonie des Rituals, geprägt vom Ort, geformt mit rituellen Gegenständen und Verkleidungen, verstärkt durch Worte, Töne und Rhythmen, verbindet uns, wenn wir uns öffnen, mit der Vergangenheit, mit dem Land, der Natur, mit unseren inneren Räumen – und bisweilen mit einem größeren Ganzen.
Dara erklärt das Ritual am Weißdorn:
„Zur Feier einer Hochzeit oder der Geburt eines Kindes bringe ich das Paar oder die Eltern zu diesem alten Weißdorn-Baum an der Heiligen Quelle des Sankt Ciaran. Ich bitte das Paar, aus einer Sammlung bunter Bänder in den Farben des Regenbogens ein Band auszuwählen und es an einen Zweig des Weißdorns zu binden. Dieser Baum wurde im Lauf der Zeit mit vielen bunten Bändern geschmückt. Die Menschen, die das Ritual vollziehen, drücken damit ihre eigene spirituelle Ausrichtung aus und manifestieren ihre innere Zielsetzung. Sie bekennen sich damit zueinander, oder dazu, ihr Kind gut zu beschützen. Sie können nach vielen Jahren zurück kommen, und ihr Band hängt immer noch am Baum. Sie können dann ihre Ziele bekräftigen.
Ich habe für dieses Ritual nicht einfach einen Baum gewählt. Ich habe diesen Weißdorn gewählt. Der Baum hat eine tiefe Bedeutung, er gibt uns die Wurzeln zum Ritual. Jeder Baum hatte in der keltischen Kultur eine besondere Bedeutung und einen bestimten Zweck, verband die Menschen mit bestimmten Gottheiten und mit bestimmten Heikräften.Die Kelten benutzen den Weißdorn zum Beispiel, um einen heiligen Ort zu markieren. Oft war es das Grab eines Kindes, das bei der Geburt gestorben war. Zum Schutz pflanzten die Eltern über dem Grab einen Weißdorn. Noch heute würde kein Farmer in Irland einen Weißdorn auf seinem Land fällen. Deswegen sehen wir diese Bäume oft mitten auf dem Feld stehen.
Dieser Weißdorn markiert den Ort der Heiligen Quelle des Sankt Ciaran, an der ebenfalls Rituale statt finden.“
Dara Molloy ist der Meister der Zeremonie und des Rituals: „Worte sind nur Form, Kraft und Energie liegen im Ritual.“ Er zelebriert für die Menschen bedeutungsvolle Momente ihre Lebens: Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen. Segnungen, Initiations- und Übergangs-Riten, auch Vergebungs-, Heilungs- und Trennungs-Feiern. Wie hält er die Macht des Rituals lebendig? Woher weiß er, wie die Vorfahren in einer weitgehend schriftlosen Kultur die Rituale vor Jahrhunderten begangen haben? Der Mann ist pragmatisch, von Dogmen und Vorschriften hält er nichts. Er habe natürlich viel gelesen und viel studiert. Die Rituale, die er zelebriert, mögen nicht völlig identisch sein mit den Ritualen, die die Druiden vor 2000 Jahren zelebrierten, sie sind von diesen jedoch stark inspiriert. Was wir heute über die alten Rituale nicht mehr wissen, können wir mit Imagination und Intuition überbrücken, die Lücken mit Kreativität schließen. Es zähle die Offenheit für das eigene innere Erleben. Gleiches gilt für die Teilnehmer an einem Ritual: Sie müssen offen dafür sein und sich darauf einlassen. Eine Wirkungsgarantie gibt es nicht. „Es ist wie beim Lesen der Bibel oder beim Gottesdienstbesuch“, sagt Dara.“Menschen können das jahrzentelang machen und werden nicht berührt, und plötzlich, vielleicht nach 35 Jahren, fasst sie eine Bibelstelle oder ein Satz in der Predigt tief im Inneren an. Ich hatte gerade eine Heirats-Zeremonie mit 200 Gästen. Vielen ging dieses Ritual sicher über ihre Köpfe hinweg und sie fanden es einfach nur nett. Andere hingegen hat es tief berührt.“
Als die Menschen Anfang der 90er-Jahre in Irland begannen, die Allmacht der katholischen Kirche in Zweifel zu ziehen, zweifelte eine junge Generation von Priestern mit. Die Frauen- und Sexualfeindlichkeit, die rigide Bevormundung der Menschen, das autoritäre Bildungssystem, auch die Doppelmoral und die Gewalttätigkeit, schreckten die Besten in den Reihen der Kirche ab. Dara Molloy war einer von ihnen. 1949 geboren, wuchs Dara in Malahide bei Dublin auf. Er schlug die Laufbahn eines Geistlichen ein, wurde im Jahr 1977 in der Society of Mary bei den Marist Fathers zum Pfarrer geweiht. Im Jahr 1985 zog es den jungen Theologen auf einen der westlichsten Außenposten Irlands: Er ließ sich auf der Aran-Insel Inishmore als keltischer Mönch nieder.
Seitdem ist viel passiert in Dara Molloys Leben: Im Jahr 1996 teilte er der versammelten Gemeinde in der Kirche von Inishmore mit, dass er die Katholische Kirche verlassen und doch Priester bleiben würde. Schon seit Beginn des Studiums hatte Dara am Kurs der römischen Kirche gezweifelt, spürte eine tiefe Beziehung zu den alten Traditionen der keltischen Kultur und der keltischen Spiritualität. Während der Kontinent vom Christentum römischer Provenienz beherrscht wurde, bewahrte sich Irland bis zum 12. Jahrhundert die eigene keltisch-christliche Kultur. Die Kelten lebten vor den Griechen und vor den Römern in Europa, an den westlichen Rändern hielt sich ihre Kultur am längsten. Ihr Einfluss auf die Kultur Europas wird gerne unterschätzt.
Dara knüpfte an diese Traditionen an, nannte sich fortan einen keltischen Priester, Mönch und Druiden. Nach der Trennung von der Kirche heiratete er die Theologin und Psychologin Tess Harper, mit der der vier Kinder hat, ein spirituelles Zentrum und einen Buchverlag für die Herausgabe der eigenen Bücher betreibt. Dara, der keltische Priester, beruft sich nicht auf eine keltisch-irische DNA, sondern auf die in Irland und in seinen Menschen noch heute verwurzelte Mentalität und Geisteshaltung und auf die Erscheinungen in der irischen Landschaft, in den uralten Steinmonumenten, in der gälischen Sprache, im keltischen Jahreskreis und seinen Festen, in der beseelten Natur und in den Mythen von den keltischen Gottheiten, von der Otherworld, der Anderswelt, vom Seelengefährten Anamchara, von der irischen Heldenreise Imram und vom meditativen Schauen der Wahrheit, der Silver Branch Perception. Dazu ist das Ritual auch immer Ausdruck der eigenen inneren Erfahrung und entwickelt sich entlang dieser in die Zukunft.
Anderntags gehen wir zum Killeany Graveyard, einem Friedhof in den Dünen in der Nähe des Flugfelds. Er ist seit 1500 Jahren in Gebrauch. Wir steigen hinab in eine halb im Sand versunkene Ruine, der Kirche von Saint Enda. Hier begann im 6. Jahrhundert die Zeit des irischen Mönchstums. Dies war eines der wichtigsten Zentren der frühen keltisch-christlichen Mönche. Enda gründete hier sein Kloster, hier wurde der Patron der Insel im Jahr 535 begraben. Dara öffnet seine geheimnisvolle Crane Bag, die heilige Tasche des Druiden, die seine rituellen Werkzeuge und persönliche spirituelle Gegenstände enthält. Er legt den Inhalt sorgältig auf dem alten Steinaltar ab: eine schwarze Feder, getrockneter Salbei, eine Glocke, ein Flakon mit Blütenöl, eine kleine Schale für das Öl, ein Stück Torf, einen Seidenschal, bunte Bänder, einen Crios, den traditionellen Gürtel aus Wolle, einen Eichenzweig und Streichhölzer.
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle, außer: 3. von oben: Tess Harper [ed240925]
Wie kann ich mir das Leben eines modernen keltischen Mönchs vorstellen, frage ich Dara. Er hat seine wahre Bestimmung gefunden, so sagt er, als er nach Aran kam. Hier auf diesem Felsen im Atlantik ist die Natur Teil des Lebens, hier ist man Teil der Natur. An diesem Ort der Schönheit und der Wunder lebt er mit seiner Familie fernab der betäubenden Ablenkungen der Medien- und Konsumgesellschaft. Hier in der Abgeschiedenheit und Stille erfährt er das Geheimnis eines größeren Ganzen. Hier lebt er einfach und bescheiden und tut Tag für Tag sein Bestes, um den eigenen Werten treu zu sein und zu bleiben. Er hat für sich einen Werte-Kanon formuliert, der freilich ein universeller sein kann – wenn wir endlich aufhören, uns immer tiefer in unserem zerstörerischen westlichen Nihilismus einzugraben und diese alten Worte zu neuem Leben erwecken: Integrität, Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit, Mitgefühl, Empathie, Vergeben, Mut, Mäßigung, Zuhören, Besonnenheit, Geduld, Resilienz, Freundlichkeit, Großzügigkeit, Empfindsamkeit, Disziplin und Verständnis. Dara empfiehlt uns, eine eigene Liste zu machen und regelmäßig eine oder zwei dieser Tugenden zu üben.

Der Mann, der auf Aran Mönch und Druide in der keltischen Tradition wurde, zelebriert folgerichtig in einer verlassenen Kirche ohne Dach, am Weißdorn, an der Quelle, am weiten Strand – an dünnen Orten, in guter Verbindung mit Landschaft und Natur. Sein Wortschatz hat sich im Lauf der Jahre verändert. Er spricht schon lange nicht mehr von Gott, statt dessen benutzt er Worte wie Universum, göttlich (divine) oder heilig (sacred). Statt religiös ist er spirituell. Institutionen und Dogmen lehnt er ab, die globalisierte Vorstellung von dem einen und einzigen Gott hält er für verhängnisvoll. In der römisch-katholischen Kirche sieht er die erste erfolgreiche Macht der Globalisierung, eine Blaupause für alle folgenden Globalisierungswellen, im Dogma des Monotheismus das mächtige Vehikel der beginnenden Globalisierung, die uns nun in ihrer ökonomisch-kulturellen Ausprägung an den Rand der Existenz getrieben hat. Molloy will diesen Vorstellungen von Homogenität und Monokultur Vielfalt entgegensetzen, reiche diverse lokale Kulturen, Gemeinschaften und Glaubenstraditionen. Er hält die vermeintliche Gewissheit religiöser Systeme für Blendung, erkennt statt dessen Ungewissheit und Offenheit an. Er setzt der Offenbarung Gottes durch elitäres Bodenpersonal die eigene innere spirituelle Erfahrung eines jeden Menschen entgegen, die er eine Keltische Spiritualität der Erfahrung nennt.
Dara erklärt das Ritual der Umrundung der Heiligen Quelle:
„Diese Heilige Quelle auf Inishmore wird bis heute von Einheimischen und von Pilgern genutzt. Es ist eine lebendige Tradition. Die Quelle ist nach dem Heiligen Ciaran benannt, der hier im 6. Jahrhundert ein Kloster aufbaute, bevor er weiter zog, um das Kloster von Clonmacnoise zu gründen. Die Menschen kommen vor allem am 9. September, dem Festtag des St. Ciaran hierher, um ihn zu ehren. Sie machen hier ihre Runden. Sie nehmen aus einer Schale sieben Kieselsteine auf und gehen sieben mal um die befestigte Quelle. Nach jeder Runde legen sie einen Stein ab. Sie gehen in Richtung der Sonne, rechts herum, und sprechen auswendig Gebete und Segenswünsche. Nach sieben Runden gehen sie zur Quelle, segnen sich mit dem Wasser und benetzen sich damit.
Die christlichen Mönche haben dieses Ritual von der druidischen Tradition vor ihrer Zeit übernommen, das Ritual ist älter als das Christentum. Ursprünglich stellt die Quelle den Eingang zum Mutterleib von Mutter Erde dar. Die Erde war für die vorchristlichen Menschen der Körper der Göttin Eriu. Eriu ist die Göttin der Erde, die Irland den Namen gegeben hat – einen Namen von dreien. Die Göttin und das Land Irland heißt bei den Kelten auch Banba und Fódla. Die Quelle ist der Zugang zu dieser Göttin und damit ein besonders heiliger Ort.
Die Menschen kamen also hier zur Quelle, weil sie den Ort repräsentiert, aus dem das Leben kommt. Wenn wir uns Fruchtbarkeit für uns, für unsere Familie oder unseren Stamm wünschen, für unsere Tiere oder unser Getreide auf dem Feld, dann ist das der richtige Ort, um das Ritual zu zelebrieren und um Fruchtbarkeit zu bitten.
Die Sexualität war im keltischen Göttertum wichtig und wurde nicht unterdrückt wie im Christentum. Die Göttinnen hatten deshalb männliche Partner. Erius Mann war ein Himmelsgott, Lugh, der Gott der Sonne. Es hieß, wenn die Sonne unterging und das Abendrot aufzog, würde Lugh zu seiner Frau ins Bett kommen.
Wenn wir die Runden machen, gehen wir also um die Erdgöttin herum und tun es ihrem männlichen Partner, dem Sonnengott gleich. Dieses Wissen wurde von den christlichen Deutungen lange überdeckt. In meiner Arbeit möchte ich es wieder lebendig werden lassen. Wenn wir das Fest der Hochzeit hier mit einem Ritual feiern, bitte ich den Bräutigam wie Lugh um die Quelle des Lebens herum zu gehen und seine Braut damit zu ehren. Die Braut wird indessen mit dem Wasser der Quelle gesegnet. Später wird der Bräutigam ganz in der Nähe, an einem alten in den Himmel ragendene Stein, der das Maskuline verkörpert, ebenfalls gesegnet. Danach findet die Heiratszeremonie am Altar der Kirchenruine statt.“
Im Zentrum der spirituellen Praxis steht für Priester Molloy das eigene, unmittelbare innere Erleben und Erfahren. Es entzieht sich der Bewertung von richtig und falsch. Seine Wahrheit findet es in der Akzeptanz der spirituellen Erfahrungen anderer Menschen, auch und gerade wenn diese völlig anders sind oder zumindest anders gedeutet werden. In der Gesamtheit des spirituellen Erlebens der Menschheit sieht der Kelten-Priester von Inishmore die Hoffnung für die Zukunft der Menschheit und des Lebens auf der Erde.
In den Mittelpunkt der Zeremonien stellt Dara Molloy deshalb die Menschen, die ihn um ein Ritual bitten. Deren Überzeugungen stellt er ins Zentrum der Feier, genauso wie den Ort, den sie sich wünschen. Seine Geschick besteht darin, den Menschen in seiner ganz bestimmten Verfassung in dieser ganz bestimmten Situation mit dem Ritual zu erreichen und zu berühren. Dafür reist er mit der geheimnisvollen Crane Bag auch schon mal von seiner Insel aufs irische Festland und in Einzelfällen ins Ausland. Wer allerdings die Aran-Inseln und seinen spirituellen Inselführer kennt, kann sich kaum einen besseren Ort und einen besseren Zeremonienmeister vorstellen, um seine Seele tief berühren zu lassen.
Dara erklärt das Ritual an der steinernen Sonnenuhr
„Diese Sonnenuhr aus Stein wurde vor vielen Jahrhunderten von den Mönchen des Klosters des Sankt Ciaran geschaffen. Der Holzstock in dem Loch warf je nach Sonnenstand einen Schatten auf den Stein, der den Tag in sieben Gebetszeiten unterteilte und strukturierte. Als die Mönche den Ort verlassen hatten, benutzten die Einheimischen die Sonnenuhr als Vertragsstein. Sie kamen hierher, um Vereinbarungen zu besiegeln und Verträge abzuschließen. In einer Zeit, als es keine Rechtsanwälte gab und die Menschen nicht schreiben konnten, mussten sie eine Form finden, um Verträge feierlich und verbindlich abzuschließen. Die Paare der Insel kamen hierher, um sich das Versprechen der Ehe zu geben. Sie standen sich am Stein gegenüber, steckten den Zeigefinger der rechten Hand von ihrer Seite in das Loch im Stein, und wenn sich ihre Fingerspitzen berührten, war der Ehevertrag gültig geschlossen. Paare, die ich hierher bringe, lieben dieses kleine Ritual.
Die Säule diente zudem als Wunschstein und wird auch heute noch genutzt, vor allem am Festtag des Heiligen Ciaran. Die Leute bringen einen Seidenschal mit. Sie ziehen diesen dreimal durch die Öffnung im Stein, halten ihn dann auf beiden Seiten fest und äußern in Gedanken ihren Wunsch. Bei unseren Hochzeits-Feierlichkeiten ist diese Zeremonie auch bei Angehörigen und Freunden beliebt, die dem Brautpaar am Stein etwas wünschen können.“
Meine Zeit auf Inishmore ging zu Ende. Ich habe hier erfahren: Ein echtes spirituelles Ritual ist viel mehr als eine Aneinanderreihung von gesprochenen Formeln. Die Worte sind das Tor. Das Ritual selbst spricht mit einer Sprache, die unser Denken quasi links liegen lässt. Es berührt unsere Seele dort, wo das rationale Verstehen keinen Zugang hat. Durch die Bewegung, die Symbolik, die Handlung, durch das gemeinsame Schweigen, den Klang der Natur öffnet sich ein innerer Raum, in dem sich das Unsichtbare zeigt. Im Ritual legen wir das Denken für einen Moment beiseite und gehen ganz ins Spüren. Die Kraft des Rituals berührt uns auf einer Ebene jenseits der Worte und Gedanken. Sie kann uns heilen, wieder in Balance bringen, transformieren, uns mit Höherem und unserem Inneren verbinden und uns erinnern lassen, wer wir wirklich sind.
Doch was, wenn die Lebensrealität eine völlig andere ist, wenn wir etwa in der lärmenden Großstadt wohnen, in einem stressigen Job arbeiten, wenn wir nicht auf einer Insel im Atlantik leben und auch nicht dort hin reisen können? Was dann? In seinem hiermit empfohlenen Buch Re-Imagining The Divine. A Celtic Spirituality of Experience (hier erhältlich beim sozialen Online-Buchhändler Buch7) ermuntert der Aran-Mönch Molloy dazu, kleine spirituelle Rituale in den Alltag einzuführen und regelmäßg – alleine oder mit anderen – zu zelebrieren. Das geht immer und überall. Er nennt diese Beispiele:
:: Zünde eine Kerze an und bete vor den Mahlzeiten oder einem besonderen Essen einen Segen.
:: Backe einen Kuchen, um ein Ereignis zu feiern.
:: Zünde für einen kranken Menschen, oder einen, der unserer Gedanken bedarf, eine Kerze an oder lege einen Gebetsstein für ihn in eine geheiligte Schale.
:: Nimm Wasser aus einer Heiligen Quelle oder einem natürlichen Gewässer und segne dich oder andere zum Schutz.
:: Mache im Freien ein kleines Feuer, um das Ihr Euch versammelt, um etwas zu feiern, einen Sonnenuntergang zu ehren oder um einen besonderen Tag oder die neue Jahreszeit zu begrüßen.
:: Benutze gut riechende ätherische Öle für heilige Zwecke. Segne eine kranke Person damit. Markiere sie mit dem Keltischen Kreuz.
:: Mache eine kleine Wallfahrt zu einem heiligen Ort in Deiner Nähe, dies mit einer bestimmten Absicht.
:: Binde ein buntes Band an einen Baum und spreche den Baum für einen bestimmten Zweck heilig.
:: Vertraue Deine inneren Absichten und ZIele an einem Bach oder Fluß einem natürlichen Gegenstand an: einem Stein, einem Stück Holz oder einem Blatt. Übergebe den Gegenstand dem Wasser.
:: Begebe Dich auf eine kleine, mutige Heldenreise im Alltag.
Am Mittag des 6. Septembers 2022 verließ ich Inis Mór, die größte der drei Aran-Inseln. Es vergingen drei Jahre, bis ich heute diesen Text schreiben konnte. Der Weg der Seele ist oft unergründlich. Ein herzlicher Dank an Dara Molloy.
PS: Für ein eigenes Ritual: Kontakt Dara Molloy
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Ortskoordinaten: 53°07’55.0″N 9°41’06.2″W (Saint Ciaran’s Church)






Heartfelt thanks to Priest Dara Molloy and to you, Markus, for sharing these profound insights from the Celtic pre-Christian era.
Danke dir … von Herzen
Lieber Markus
Mir bedeutet es wirklich viel, dass Du diesen Text mit all seinen beeindruckenden Zugaben nach 3 Jahren schreiben durftest (konntest).
Von Herzen Dank dafür… Eigentlich ist mir aber dazu gar nicht zum Schreiben zumute… eher zum freudvoll Schweigen und immer wieder Ansehen.
Heilige, verehrte Weissdornbäume mit bunten Bändern gibt es hier in der weiteren Umgebung auch.
Die, die ich noch freischneiden muß (im neuen riesigen Garten) leuchten gerade wunderschön beerenrot… aber Brombeeren und Efeu haben sie sehr überwuchert in über 15 Jahren ohne Pflege… das Photo ist nur wenige Meter entfernt aufgenommen… möge es auch Dir Freude sein.
Lieber Markus,
die “117” im Buch der Tage und der Orte, Inishmore, Aran Islands; Dara Molloy, Priester und Druide, ist mein absoluter Favorit!
Ich war noch nie auf den Aran-Inseln, auf Inishmore, und kannte den spirituellen Inselführer Dara Molloy bisher nicht. Vielen Dank für die tiefen Einblicke in das Leben und Arbeiten des Meisters der Zeremonie und des Rituals.
Ich habe viele Heilige Quellen, Standing Stones (Wedding Stones) und Weißdornbäume in Irland besucht, besichtigt und bestaunt, kam aber nie dazu, an einem geführten Ritual an den Stätten teilzunehmen. Danke für die Beschreibung mittels Video-Aufzeichnung. Nach mehrmaligem Anschauen ertappe ich mich nun dabei, tiefer darüber nachzudenken und es vielleicht schon bald „vor Ort“ zu versuchen.
Wunderbar: “Er (Dara) hat seine wahre Bestimmung gefunden, so sagt er, als er nach Aran kam. Hier auf diesem Felsen im Atlantik ist die Natur Teil des Lebens, hier ist man Teil der Natur. An diesem Ort der Schönheit und der Wunder lebt er mit seiner Familie fernab der betäubenden Ablenkungen der Medien- und Konsumgesellschaft. Hier in der Abgeschiedenheit und Stille erfährt er das Geheimnis eines größeren Ganzen.”
Danke auch für den Gedankenanstoß / Dara’s Werte-Kanon: alte Worte und Werte zu neuem Leben erwecken. Jeder einzelne Wert verdient es, ein Schulfach zu werden.
Und ein letzter Dank, dass du uns an deinen Gedanken und Erfahrungen zum Ritual teilhaben lässt:
“Es berührt unsere Seele dort, wo das rationale Verstehen keinen Zugang hat. Durch die Bewegung, die Symbolik, die Handlung, durch das gemeinsame Schweigen, den Klang der Natur öffnet sich ein innerer Raum, in dem sich das Unsichtbare zeigt. Im Ritual legen wir das Denken für einen Moment beiseite und gehen ganz ins Spüren. Die Kraft des Rituals berührt uns auf einer Ebene jenseits der Worte und Gedanken. Sie kann uns heilen, wieder in Balance bringen, transformieren, uns mit Höherem und unserem Inneren verbinden und uns erinnern lassen, wer wir wirklich sind.”
Ich finde, die „117“ könnte auch die „120“ in deinem Buch der Tage und der Orte sein…