072 :: Calf Rock, West of Beara, County Cork
Umschwirrt von Trottellummen, Tardalken und Basstölpeln erreichen wir den Calf Rock, gut drei Kilometer südwestlich von Dursey Island. Die kauzigen Vogelnamen hören sich für Menschenohren beleidigend an. Sie sind das Ergebnis von Übersetzungsfehlern und schrägen historischen Ableitungen. Der Basstölpel hieß früher Schottische Gans, den Bass hat er sich auf dem schottischen Felsen Bass Rock eingefangen, auf dem vor Jahrhunderten eine große Kolonie der Gattung Morus bassanus lebte. Ein Tölpel, wer den eleganten Fliegern Tollpatschigkeit unterstellt.
Hundert Jahre, nachdem die Seevögel ihre Namen erhielten, kehrte an Irlands rauher Südwestküste das Sicherheitsdenken ein. Englische Ingenieure entwarfen im Namen der Krone Pläne für Licht werfende Leuchttürme am wilden Atlantik. Von 1861 bis 1865 schlugen Arbeiter hunderte Stufen in den Inselfelsen, den die Einheimischen Calf Rock, den Kalb-Felsen, nannten. Auf der nach Bull und Cow kleinsten der drei Steininseln westlich von Dursey Island an der Spitze der Beara Peninsula entstand unter schwierigen Bedingungen der erste Leuchtturm auf dem Archipel: ein mit Ziegelsteinen ummauerter, etwa 30 Meter hoher Turm aus Eisen. Für die Leuchtturmwärter bauten die Arbeiter niedrige, in die Felsen geduckte Steinhütten, die dem Wind wenig Widerstand leisteten. Sie stehen eineinhalb Jahrhunderte später unbeschadet.
Der Turm aus Gusseisen wurde nach 15 leuchtenden Jahren von den Wellen eines gewaltigen Orkans abgeräumt. Drei Wärter und drei Arbeiter saßen in jenem stürmischen Dezember 1881 zwölf Tage auf dem Felsen fest, bevor sie von einem mutigen Dursianer Bootsmann namens Michael Shea gerettet wurden. Die Mannschaften zweier englischer Kriegsschiffe waren zuvor kläglich gescheitert. Michael Shea wurde ein Local Hero. Der rostige Stumpf des Turms erinnert an die Rettung, die damals in New York, in Sydney und in Wellington nach Eintreffen der Nachrichten akribisch nacherlebt wurde. Er erinnert an sieben Seeleute, die im Jahr 1869 am Calf Rock ertranken und in den Tiefen des Atlantiks spurlos verschwanden.
Nie bin ich dem Calf Rock näher gekommen als in diesem Juli, an einem anthrazitfarbenen feuchten Tag, der sich nicht nach Sommer anfühlte. Ich träume, diese Steintreppen hinauf zu gehen und mich für einen Tag, eine Nacht, einen weiteren Tag in einem der Steinhäuschen einzuquartieren, um die Stille zu hören und mich mit dem Rhytmus der Wellen zu verbinden. Ein Sommerfrischler aus Tipperary kam vor drei Jahren unfreiwillig zu diesem Vergnügen. Er hatte mit seinem alten Hund Lucky im Kajak den benachbarten Bull Rock angesteuert und war bei ruhigem Sommerwetter gelandet. Als er den Felsen verlassen wollte, hatte Lucky andere Pläne. Der Hund war verschwunden.
Der Abend kam und der 50jährige Ausflügler sah sich zu Entscheidungen gezwungen. Er beschloss, alleine zum nahen Calf Rock hinüber zu paddeln, um in den alten Quartieren der Leuchtturmwärter Schutz zu suchen. Bei der Landung am Calf verlor er das Kajak und saß eine Nacht lang auf dem Felsen fest. Am nächsten Morgen wurden Herr und Hund vom Rettungsboot aus Castletownbere eingesammelt und anschließend in der Lokalzeitung genüsslich vorgeführt.
Das mit dem Eisen als Baumaterial für Leuchttürme hatte sich nach dem Wintersturm von 1881 erledigt. Der 1889 auf dem Bull Rock gebaute Steinturm steht noch heute. Das Leuchten musste er – zugunsten einer Solarleuchte auf dem höchsten Punkt des Bulls – vor ein paar Jahren einstellen.
Ortskoordinaten: 51.57068° N, 10.24707° W
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Alle Fotos: Markus Bäuchle



Verdient: die „Michael O’Shea Medaille“.
Vielen Dank für die schöne Nahaufnahme von Calf Rock, lieber Markus, bisher konnte ich nur einen fernen Blick von Dursey Island auf den kleinen Steinfelsen erhaschen.
Irlands Leuchttürme sind faszinierend… Und es muss eine einmalige Erfahrung sein, um den Calf Rock zu „segeln“, schon die Geschichte(n) drumherum und der Anblick der Steinhütten für die Arbeiter sind beeindruckend.
Spannend die Story um den Local Hero Michael O’Shea. Er hat einige Rettungstaten in selbstloser Manier vollzogen. Eine kleine, weitere Geschichte:
Während der provisorische Leuchtturm auf Dursey Head errichtet wurde, vermietete er weiterhin sein Boot und seine Dienste an die „Irish Lights“. An einem rauen, windigen Februartag brachte er die Post der Leuchtturmwärter zum Festland. Kurz nachdem er das Boot vertäut hatte und an Land gegangen war, wobei er seine beiden Besatzungsmitglieder an Bord ließ, schlug eine große Welle gegen die Seite des Bootes und brachte es zum Kentern. Einer der Männer schaffte es an die Oberfläche und kletterte die Felsen hinauf, während der andere unter dem umgestürzten Boot eingeklemmt war, das schnell in Stücke gerissen wurde. Als ihm bewusst wurde, was geschah, rannte O’Shea zurück, tauchte direkt ins Wasser, packte den bewusstlosen Mann und zog ihn in Sicherheit. Da sein Boot nun zerstört war und der Vorfall ihn seiner Lebensgrundlage beraubt hatte, schrieb er in der folgenden Woche einen Brief an die Commissioners of Irish Lights. Er bat um eine finanzielle Anerkennung seiner Rettungstat, die es ihm ermöglichen würde, ein Ersatzboot zu kaufen. Ehre für den mutigen Iren, der finanzielle Unterstützung und die „Tapferkeitsmedaille“ von der Royal Humane Society erhielt – für all seine selbstlosen Entscheidungen und Rettungstaten.
Da auch dringender Bedarfs für eine angemessene Anlegemöglichkeiten auf Dursey bestand, wurden Gelder für den Bau eines Piers bereit gestellt. Kein Wunder, dass die Dursianer 1891 sehr erfreut über die Fertigstellung des „O’Shea’s Piers“ waren, da sie eine bedeutende Verbesserung ihrer Lebensbedingungen bei der Überfahrt zum Festland mit sich brachte.