070 :: The Paps of Anu, Berg der Göttin, County Kerry
Die Paps of Anu: Ein Mythos, ein Doppel-Berg, eine uralte Erzählung. Die Paps erinnern uns an die Zeit, als die Natur für alle Menschen beseelt war, als Geist- und Götterwesen in ihr und durch sie lebten. Wer bei klarer Sicht die N22 von Macroom nach Killarney fährt, sieht die beiden schön geformten Berge rechts der Straße und empfindet, was schon die alten Gaelen und die noch älteren Stämme vom Volk Danus, der Tuatha Dé Dannan, empfunden haben könnten. Irlands Landschaft ist weiblich, sie schafft Leben, sie nährt uns. Vor über 5000 Jahren stiegen Menschen, beladen mit Steinen, auf die beiden Bergspitzen. Auf den Gipfeln, am höchsten Punkt, formten sie zwei wuchtige, stabile Steinhügel.
Seitdem, seit der späten Steinzeit, tragen die Gipfel der beiden 690 und 694 Meter hohen Erhebungen der Paps menschengemachte steinerne Brustwarzen. “The Nipples” sind weithin sichtbar. Im Irischen heißt der bemerkenswerte Berg der sich etwa 15 Kilometer südöstlich von Killarney, im Dreieck der Counties Kerry, Cork und Limerick über das Hochland von Sliabh Luachra erhebt, An Da Chich Annan: Die zwei Brüste der Anu. Anu wird in den alten Mythen auch Ana, Anand, Danu oder Dana genannt. Sie war die oberste Göttin der Tuatha Dé Dannan, dieses sagenumwobenen Volkes, das mit der fünften Invasionswelle auf die Insel Irland kam, um dort das Volk der Fir Bolg zu besiegen und zu vertreiben. Waren die Tuatha Dé Dannan Menschen oder Götter? Wir wissen es nicht. Auch über deren Göttin Danu wissen wir wenig.
Herausgefordert wurden die Leute der Göttin Danu dem Mythos zufolge von den Milesiern, die über neun Wellen über den Ozean auf die Insel gelangten, angeführt von ihrem Druiden Amergin. Die Milesier gelten als die direkten Vorfahren der Iren, die die gälische Sprache aus Asien, der Region zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer mitgebracht haben sollen. Diese alte Sprache verbindet uns bis heute mit der Zeit der Morgendämmerung der menschlichen Zivilisation auf der Insel am westlichen Rand Europas.
Die Invasion der Milesier war erfolgreich. Es gelang ihnen jedoch nicht, die Tuatha Dé Dannan komplett zu besiegen. Die Völker einigten sich auf eine Art Gewaltenteilung: Die Gälen herrschen seitdem über die hiesige sichtbare Welt, die Tuatha Dé Dannan über die Otherworld, die andere, unsichtbare Welt, die Welt unter der Erde, das Reich der ewigen Jugend, Tir na nOg. Heute werden die Leute der Danu oft trivialisiert und auf die Vorstellung von Feen, Geistern oder Leprechauns reduziert, die Sidhe, die in den Fairy Mounds, den Feenhügeln leben sollen.
Die Website Voices from the Dawn notiert über die Paps: „Die nippelartigen Steinhaufen auf den Gipfeln gehören zu der Klasse von Monumenten, die Archäologen als „Summit Cairns (Gipfel-Steinhaufen) bezeichnen. Es hat sich gezeigt, dass sie absichtlich so platziert wurden, dass sie sowohl von den Tälern darunter als auch von anderen Gipfeln aus bis zum Horizont gut sichtbar sind. In Irland sind mehr als 1.600 Steinhaufen bekannt, wobei die Arten von Grab- oder Zeremonial-Hügeln, wie die auf den Paps, bis hin zu Pilgerstationen und Grenzmarkierungen reichen. Der Steinhaufen auf dem östlichen Pap ist der Größere, er ist vier Meter hoch und hat einen Durchmesser von 16 Metern. Der westliche Steinhaufen war ursprünglich etwa halb so groß. Der Archäologe Frank Coyne, der 2001 einige Rettungsgrabungen und Stabilisierungsarbeiten am westlichen Pap-Steinhaufen durchführte, fand Hinweise auf eingestürzte Eingänge unter den Steinhaufen, die möglicherweise als kleine Passage-Gräber angelegt waren. Er kam zu dem Schluss, dass die Cairns prähistorischen Ursprungs sind und wahrscheinlich aus der Bronzezeit oder früher stammen. Coyne war sicher: ‚Es besteht kaum ein Zweifel, dass die Berggipfel der beiden Paps in der Vorgeschichte für Rituale genutzt wurden“.
Die irisch-amerikanische Umweltwissenschaftlerin, spirituelle Feministin und Aktivistin Patricia Monaghan (1946 – 2012) schrieb in ihrem bemerkenswerten Buch The Red-Haired Girl from the Bog: The Landscape of Celtic Myth and Spirit aus weiblicher Perspektive über die Paps:
„Fotos werden ihrer Schönheit nicht gerecht: Die Art, wie sich die Paps aus den Derrynasaggarts erheben, leicht abgesetzt von dem Bergrücken, der sich wie ein Bauch zu ihnen hinauf wölbt; diese Brüste, die zum Himmel zeigen, die Brüste einer Frau in ihrer Blüte, nicht die zarten Knospen der Jugend oder die weichen Brüste des Alters, sondern voll und fest, sinnlich und mütterlich zugleich. Die Brüste stehen leicht auseinander, so dass man weiß, dass die Frau träge ausgestreckt ist. Es gibt keinen Kopf, keine Arme, keine Beine, nur Brüste und einen Bauch, aber das ist genug. Genug, um anzudeuten, dass es irgendwo einen Kopf gibt, den wir wiegen könnten, irgendwo Arme, die uns umarmen könnten, irgendwo einen Schoß, aus dem wir als Kinder der Erde hervorkommen könnten.
Haben die Bildhauer von Danu beabsichtigt, dass wir uns die Natur als unsere Mutter vorstellen? Oder könnte dieses gigantische Erdwerk etwas ganz anderes bedeuten? Wir können archäologische Texte nach Hinweisen durchforsten, aber die Archäologen, die fleißig Höhen und Gewichte auflisten, erklären uns nicht, warum die Menschen solche Anstrengungen unternahmen. Stattdessen halten sie Vorträge darüber, dass Ruinen nicht verraten, was ihre Erbauer glaubten. Die selten gewagten Erklärungen der Archäologen berücksichtigen noch seltener die Sichtweise einer Frau. Und während Newgrange und ähnliche komplexe Stätten das Zentrum von Debatten sind, herrscht ohrenbetäubendes Schweigen über das beredte, einfache Monument, das die Berge der Derrynasaggarts krönt.
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Die Stille spricht Bände zu denen, die sie hören wollen. Kehren wir zu Danus Brüsten zurück. Genauer gesagt, zu Danus Brustwarzen. Ich habe einmal eine zufällige und völlig unwissenschaftliche Umfrage unter Freunden durchgeführt, die die Paps gesehen hatten. Meine männlichen Befragten fanden nichts Bemerkenswertes an den Brustwarzen. „Sie sind aus Stein?“, vermutete einer. Versuchen Sie es noch einmal, sagte ich. Sie schüttelten nur den Kopf und zuckten mit den Schultern.
Die Frauen reagierten anders. Sie blickten von einer Seite zur anderen, dann sahen sie mich ein wenig misstrauisch an. „Nun …“, begannen sie. Dann eine Pause. „Nun …“ Eine lange Pause. Schließlich brach ich das Schweigen. „Sie sind erigiert“, schlug ich vor. „Ja!“, sagten die Frauen mit Erleichterung. „Das sind sie ganz sicher!“
Es gibt zweifellos Männer, die Danus harte steinerne Brustwarzen bemerkt haben, aber keiner in meiner Umfrage oder in den hunderten von Büchern in meinen Regalen. Diejenigen von uns, die tagtäglich mit weiblichen Brustwarzen leben, wissen, dass die Baumeister der prähistorischen Zeit, wenn sie einfach nur die Weiblichkeit der Erde hätten bemerken wollen, sich eine Menge Auf- und Abstieg hätten sparen können. Sie hätten die Berge so lassen können, wie sie sind; Frauenbrüste sehen meistens wie Hügel aus. Aber die alten Baumeister wollten uns noch etwas anderes wissen lassen: dass die große Erde erregt wird, wenn sie ihren Gefährten liebt, wenn sie ihr Kind stillt. Wie können wir die Weite und Schönheit dieser Vision begreifen?
Was verlieren wir, wenn wir die private Sprache der Frauen zum Schweigen bringen? Es gibt ein weites Gebiet, das wir kennen, schöne Sommerberge voller Beeren, die den Mund mit Süße füllen, weiche blaue Seen, auf denen sich das Licht in Regenbögen bricht, Täler, die mit ungezählten Blüten gefüllt sind. Und Stürme, die den strahlenden Himmel schwärzen, durchdringende Kälte, unerträglicher Hunger. Vertraute Straßen, vertraute Sprachen, die vor den Geheimnissen, die wir kennen, Halt machen. Aber wir sind da, wie Danu, um die Kühnen zu begrüßen, die kommen werden.“
Die Paps waren Jahrtausende lang das Ziel von Pilgern und Suchenden. Sie können aus allen Himmelsrichtungen begangen werden. Irgendwo auf dem Weg zu den Gipfeln überschreiten wir die Grenzen zwischen Erfahrung, Imagination und Traum. Der älteste Pfad führt von Norden hinauf. Er beginnt an einem geheimnisumwitterten Ort in Sliabh Luachra, oberhalb des Dörfchens Shrone: Cathair Crobh Dearg, die Einhegung der roten Klaue. Das kreisrunde Gebilde mit bis zu vier Metern dicken Steinmauern ist auch als City oder als City of Shrone bekannt und gilt als einer der ältesten Plätze vorchristlicher Pilgerschaft, von Bußgängen und spiritueller Verehrung in Europa. Manche Quellen behaupten, die City, die mit den nahen Gipfeln der Paps kommuniziert, sei das älteste spirituelle Zentrum der westlichen Welt. Noch heute treiben Bauern des Dorfes ihre Rinder am 1. Mai, dem Fest von Beltaine, um den alten Kraftort und segnen die Tiere mit dem Wasser der Heiligen Quelle, das von den Paps herunter zum Atlantik fließt.
Als ich dort war, früher im Jahr, lag Cathair Crobh Dearg überwachsen, verlassen, menschenleer. Eineinhalb Gehstunden über uns die ewigen Berge der Anu.
Ortskoordinaten: 52°00’55.9″N 9°16’31.0″W (The Paps West Cairn)
Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.
Alle Fotos: Markus Bäuchle





heute ein wunderbarer Artikel über die Paps of Anu. Ab Mitte Juni bin ich wieder in meinem „gelobten“, geliebten Land und da werde ich mal hingehen . Ich bin sehr dankbar für alle beiträge in Irlandnews
Wunderbarer ,sehr interessanter Beitrag – vielen Dank Silvia