089 :: Carrigacappeen, der Fels mit der Kappe, Gortagass, Kenmare, County Kerry
In 200 Jahren haben wir Menschen es geschafft, das Bild der Landschaften massiv zu verändern und nach unseren Vorstellungen zu prägen. Unsere Kreationen – Ewigkeitschemikalien, Mikroplastik, Nitrat, Beton, Asphalt, Flugasche und Plutonium – haben sich überall auf dem Planeten in der obersten Erdschicht etabliert und bedrohen nun das Leben auf unserem Planeten. Das reicht den tonangebenden Geologen allerdings nicht, um das Anthropozän auszurufen, das neue geologische Zeitalter, das vom Menschen bestimmt ist. Die Geologen denken in größeren Zeitläuften, in Jahrmillionen oder Jahrhzehntausenden zumindest. Was sind da 200 Jahre, oder nur 73? 1952 begann der Mensch, mit den Atomtests das Plutonium im Erdgedächtnis zu verewigen. Wir verweilen deshalb offiziell weiter im Holozän, das vor 11.700 Jahren begann.
Kürzlich stand ich zwei Kilometer nordöstlich von Kenmare halb im Wald, halb auf einer Wiese und bestaunte den Carrigacappeen, den Fels mit der Kappe: Auf einem 1,8 Meter hohen Kalksteinsockel ruht ein gut 30 Tonnen schwerer, fein abgeschliffener Findling aus altem rotem Sandstein. Ob der Sandsteinkoloss seinen Zustand als Ruhen versteht oder eher als Feststecken, ist nicht bekannt. Das Fels-Duo hält es geschätzt seit 15.000 Jahren in dieser Stellung miteinander aus – ein Ende ist nicht in Sicht. Die Eiszeit und deren Ende haben diesen gigantischen Pilz aus Stein geschaffen. Geologen rechnen den Mega-Findling dem Erdzeitalter Quartär zu, das vor 2,6 Milionen Jahren begann und bis heute andauert. Den Fels mit der Kappe geschaffen hat das Ende der letzten Eiszeit, als die Temperaturen auf der Erde langsam stiegen. Die Kilometer-dicke Eisschicht über Irland begann vor 26.500 Jahren zu schmelzen. Als das Eis vor 12.000 Jahren verschwunden war, fand sich der Sandsteinblock auf dem Kalksteinsockel wieder – und hängt seitdem in der Luft.
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Alle Fotos: Markus Bäuchle
Die abschmelzenden Gletscher führten reichlich Fels und Geröll mit sich. Sie formten die Landschaft, wie wir sie heute sehen, und gaben ihr den vorerst letzten Schliff. Den über vier Meter hohen Doppel-Solitär von Kenmare zu betrachten, gleicht einer Zeitreise weit zurück in die Erdgeschichte. Auch deswegen fasziniert der Carrigacappeen die Menschen seit langem. Er war wahrscheinlich ein Ort für Kult und Verehrung: Die Kraft, diese beiden Felsen aufeinander zu türmen, hatten schließlich nur die Götter. Im 19. Jahrhundert wurde der Findling ein beliebtes Ausflugsziel. Menschen mit Geltungsdrang lebten das Bedürfnis aus, ihre Namen mit Meissel und Fäustel im Stein zu hinterlassen. Von 1893 bis 1960 fuhr nur wenige Meter vom Findling entfernt die Eisenbahn von Headford nach Kenmare. Wenn die Passagiere den großen Steinpilz sahen, wussten sie, dass es nicht mehr weit war bis Kenmare. Heute interessiert sich kaum noch jemand für den Fels mit der Kappe. Man muss ihn in der mit Zäunen zugestellten Landschaft suchen.
Ortskoordinaten: 51°53’43.7″N 9°32’44.3″W



Klasse, toller Tip, Danke!
Hach, DAS ist mal ein Steinpilz! Ich habe hier einige riesige (und meistens gar nicht madige) Steinpilze jedes Jahr fast direkt vor der Haustür. Also ich gehe dahin ca 20m… aber so ein Eiszeit – Steinpilz ist doch etwas ganz Besonderes. Da muß ich unbedingt hin, sollte es mich nochmals Richtung Kenmare oder zur Beara Halbinsel „wehen“ . Vielen lieben Dank für diesen Bericht Markus, der mir den Weg weisen wird ein bisschen zurück in die Eiszeit… die umgibt mich hier mit ihren unglaublich schönen Hinterlassenschaften zwar auch täglich: Gaaltees, Knockmealdowns und Comeraghs sind so wunderschöne vom Eis gestaltete Berge… aber dieser Steinpilz … ja, der ist einzigartig schön!
Ja, liebe Sylvia, auch ein schönes Exemplar, Den Steinpilz-Elfmeter hast Du gut verwandelt! Gerade kam das Internet hier zurück und wir haben sogar Strom. Große Teile des Landes sind nach diesem Monstersturm Éowyn, der im Norden noch immer tobt, ohne Strom und Internet. 715.000 Haushalte und Geschäfte in der Republik Irland und fast 100.000 in Nordirland haben gerade keinen Strom. Es wird laut ESB bis zu einer Woche dauern, bis alle Häuser wieder ans Netz anygeschlossen sind. Wie sieht es bei Euch in den Knockmealdown Mountains aus, Sylvia? Kannst du das überhaupt lesen? Alles Gute, Markus