Hungry Hill

111 :: Hungry Hill, Beara Peninsula, County Cork

Mein offizieller Lieblingsberg in Irland heißt Maulin, ein 621 Meter hoher sanfter Riese über dem Meer auf der Beara Peninsula. Weil sich der Aufstieg in tiefem grasigem und torfigem Terrain schier endlos hinzieht, ist Maulin nicht bei allen Berggängern beliebt. Ich mag ihn, weil ich von ihm meinen eigentlichen Lieblingsberg, den gegenüber im Osten, in seiner ganzen schroffen Schönheit betrachten kann: den Hungry Hill (685 Meter).

Den alten Elefantenrücken aus Sandstein habe ich oft bestiegen. Es gibt schwierige und schwierigere Routen durch den Fels hinauf auf den Doppelgipfel mit seiner dicken Torfkappe. Der Hungry Hill sagte mir immer, wie es mir wirklich geht – auch als ich ihn nur vom Tiefland der nahen Küste aus grüßen konnte. Es ist der Berg, der mich am meisten gefordert hat. Zuletzt war ich vor über zwei Jahren auf den massigen Felsklotz im Zentrum der Beara Peninsula gestiegen. Eine Verletzung, die ich mir in Ardnagashel eingehandelt hatte, ließ mich zwei Jahre lang in den Niederungen verweilen. Heute fühlte ich mich geheilt. Ich war reine Freude.

Maulin

Der Berg spricht zu mir. Er leitet mich an. Heute bei bestem Sommerwetter flüsterte er uns zu, wir sollten ruhig ein wenig übermütig sein, unsere Comfort Zone verlassen und den geraden Weg den Südhang hinauf durch den Fels nehmen. Wir nahmen die Herausforderung an und gingen die Steilwand hoch – ein Aufstieg mit vielen kleinen Klettereien. Wir wollten vor Anstrengung sterben und wurden sofort neu geboren. Instant Rejuvenation. Wir haben dem Berg vertraut, indem wir uns vertrauten. Wir erfuhren unsere Möglichkeiten außerhalb des Gewohnten und Gewöhnlichen. Wenn wir die inneren Sicherheits-Türen aufstoßen, die vertraute Alltagsblase der Routinen und ewigen Wiederholungen verlassen, wenn sich die Gedanken im Gehen, im reinen Tun auflösen, dann öffnet sich der Horizont.

Ich war an windstillen Sommertagen auf dem Hill, an eisigen Wintertagen, in strömendem, nie aufhörendem Regen und in dichtem Nebel. Patrick, der alte Farmer von Parc, hatte mich gewarnt. Gehe niemals im Nebel auf den zornigen Berg. You will get clifted. Diese südwestirische Wortschöpfung, die in keinem Wörterbuch zu finden ist, meint: Du wirst von der Klippe stürzen. Patricks besorgter Rat wurde unter den Berg-Schaffarmern West Corks von Generation zu Generation weiter gegeben. Ich war besorgt, ob die Batterien des GPS-Geräts durchhalten würden, als ich bei zehn Metern Sichtweite den Südgipfel erreichte.

Ein Mann, der am Fuß des Bergs geboren worden war und lange im Ausland gelebt hatte, kam in sein Heimtadorf zurück, um endlich einmal zum Gipfel des Hungry Hill aufzusteigen. Er war 60 Jahre alt und hatte nur einen Tag Zeit für das Vorhaben. Wir führten den unterhaltsamen Iren im strömenden Regen bergwärts. Er war nicht für die Berge geschaffen, bewegte sich bald nur noch auf allen Vieren vorwärts. An der 500-Meter-Marke gaben wir auf und lernten, wie wichtig die Teepause sein kann: Es goss wie aus Kübeln, der verhinderte Gipfelstürmer setzte sich oberhalb der Gletscherseen gemütlich auf einen Stein und genoss den Tee und ein Sandwich. Wir standen staunend dabei. In unseren Bergstiefeln stand das Wasser.

Eine sehr ehrgeizige junge Frau wollte mit mir die drei höchsten Berge Irlands hintereinander besteigen. Ich schlug zur Eingewöhnung den Hungry Hill vor. Sie lag bald japsend und hyperventilierend in 500 Meter Höhe auf einer Felsplatte und musste beruhigt werden. Wir schafften später am Tag den Gipfel des Hill. Von den drei höchsten Bergen Irlands war nie wieder die Rede.

John Lyne Hungry Hill

Ein Doktor aus dem nahen Castletownbere entdeckte seine Leidenschaft für das Bergwandern, als er 51jährig unter schweren Rückenschmerzen litt. In den 35 Jahren bis zu seinem Tod im Jahr 2012 bestieg Dr John Lyne den Hungry Hill 1300 mal. Wohl kein anderer Mensch stand öfter auf dem höchsten Berg der Beara Peninsula. Ein Freundeskreis setzte dem Wander-Doktor hoch oben im felsigen Massiv des Lieblingsbergs ein Denkmal. Die Männer errichteten zum Gedenken an John eine zwei Meter hohe Säule aus weißen Quartzsteinen – genau an der Stelle, wo der Mann mit dem gesundeten Rücken, bei herrlichem Blick über Bere Island und die Bantry Bay, so oft zum Schlussanstieg angesetzt hatte.

 

Ortskoordinaten: 51°41’15.7″N 9°47’32.8″W


Orts-Zeit

 

Das Inhaltsverzeichnis in Bildern für ein wachsendes Buch der Tage und der Orte. KLICK.

Alle Fotos: Markus Bäuchle