112 :: Menschen im Buch der Tage und Orte.

Als ich vor bald drei Jahren begann, dieses Irische Buch der Tage und Orte zu schreiben, hatte ich mir vorgenommen, regelmäßig über Menschen zu berichten – Menschen, denen ich begegnet bin, denen ich gerne begegnet wäre – auch Menschen, die längst weiter gezogen sind, deren Einfluss und Wirken mich prägen. Statt dessen drängte sich immer wieder die Liebe für die Landschaft und die Natur in den Vordergrund – und danach die Vorliebe für die Soziologie statt für die Psychologie, für die Gesellschaft statt für den Einzelnen. Ich will mein Versäumnis nachholen und – da ich Rankings nicht ausstehen kann– die Liste der neun plus zwölf Menschen in willkürlicher Reihenfolge aufstellen, über die ich hier auf Irlandnews gerne geschrieben habe, hätte, oder irgendwann noch schreiben werde.

Horst Stern: Der große Journalist, Dokumentarfilmer, Schriftsteller und Umweltschützer der ersten Stunde erklärte uns schon in den 70er Jahren, wie es um die vom Menschen geschundene Natur steht. Seine bahnbrechenden TV-Dokumentationen „Sterns Stunde“ sind bis heute legendär, seine „Bemerkungen“ über die Natur, den Wald, die Tiere nach 50 Jahren noch immer aktuell. Horst Stern starb im Jahr 2019 zurückgezogen im Alter von 96 Jahren in Passau. Am 24. Oktober 2022 wäre er 100 Jahre alt geworden. In den 90er-Jahren bis zur Jahrtausendwende lebte Horst Stern zurückgezogen in Irland. Über seine irischen Jahre war wenig bekannt. Ich habe Sterns Leben am Glanmore Lake, nicht weit von hier, jenseits der Caha-Berge, nachgezeichnet.  Hier mein Bericht.

Tomi Ungerer: Der multimedial arbeitende Künstler aus dem Elsaß kehrte mit seiner Frau Yvonne im Jahr 1976 aus den USA mehr oder weniger arbeitslos nach Europa zurück. Er siedelte sich auf einer großen Farm an einem der einsamsten Orte Irlands an, auf der Nordseite der Mizen Peninsula, in Dunlough. Ich verehre Tomi Ungerer für seine Geradlinigkeit und scheinbar widersprüchliche Vielseitigkeit: Er machte Spinnen und Schlangen zu den Helden seiner Kinderbücher, er malte und zeichnete das Kamasutra der Frösche und den Sex mit Maschinen. Er vermittelte Kindern, dass das Leben kein Ponyhof ist und malte mit dem Nebelmann eine späte Liebeserklärung an Irland und seine Menschen. Ich saß mit Ungerer und Frau einmal am Flughafen Cork zusammen und bewunderte ihr Sprachgewirr aus Englisch, Deutsch und Französisch. Gerne hätte ich den großen Künstler interviewt. Er verweigerte mir dieses Gespräch in der Angst, dass ich, wie er sagte, noch mehr Leute vor seine Tür karren würde. Tomi Ungerer (Foto oben im Jahr 1986 mit seinem Wolfshund) tat viel, bisweilen zu viel, um sich draußen am Threecastle Head vor der Welt abzuschotten. Das tat seiner Genialität keinen Abbruch. Wir haben dennoch über ihn geschrieben.

John O’Donohue: In den ersten Tagen des Jahres denke ich oft an einen Menschen, der mich viel gelehrt hat über das Leben, die Seele, Spiritualität und Natur. Ich habe ihn nie kennen gelernt, ich las seine Bücher. Am 1. Januar 2025 wäre John O’Donohue 69 Jahre alt geworden. Wäre er nicht am 3. oder 4. Januar 2008 im Alter von 52 Jahren völlig überraschend in Südfrankreich gestorben. Ich hätte ihn gerne gekannt. John O’Donohue, Ire aus dem County Clare, war Priester und Schriftsteller, Philosoph und Dichter, Umweltaktivist, Lebenslehrer, Redner und Humanist. Mit Anam Cara (erschienen und erhältlich in deutscher Sprache bei dtv), Eternal Echoes und Divine Beauty schrieb er Welt-Bestseller. In Ermangelung fundiert spiritueller Menschen im Irland der Gegenwart schrieb ich hier auf Irlandnews eine zehnteilige Serie über das Leben und Sterben von John O’Donohue mit vielen bis dahin unbekannten neuen Informationen. Die Geschichte dieses faszinierenden Menschen, der seine große Liebe erst spät im Leben fand,  ist noch nicht auserzählt.

Sophie Toscan du Plantier & Ian Bailey: Die Namen der Französin und des Engländers werden für immer miteinander verbunden sein – obwohl, oder gerade weil Bailey bis heute verdächtigt wird, Sophie Toscan am 23. Dezember 1996 auf ihrem Anwesen bei Schull auf der Mizen Peninsula in West Cork auf brutale Weise ermordet zu haben. Der ehemalige Journalist Ian Bailey brach am 21 Januar 2024 in Bantry auf der Straße erschöpft und herzkrank zusammen. Er starb auf dem Asphalt. Er hatte sich mit seiner Sucht nach Aufmerksamkeit und Substanzen zugrunde gerichtet. Sophie, die feenhafte Lichtgestalt, war ein ideales Opfer für Medien und Öffentlichkeit. Sie blieb immer erstaunlich eindimensional, ihre Persönlichkeit und ihr Leben im Obskuren. Sie wurde auf das Bild von ihren letzten Lebensminuten reduziert. Der bis heute ungeklärte Mordfall wurde medial ausgeschlachtet wie kein anderer in Irland. Viele haben mit Netflix- und Sky-Serien, mit Podcasts, Büchern und permanenten Zeitungsberichten, also mit dem Tod von Sophie und dem Leid von Ian viel Geld verdient. Auch mich hat diese widersprüchliche  Geschichte fasziniert. Ich habe bisweilen darüber geschrieben und gleichzeitig Bremsen eingebaut. Wer einfach nur Aufmerksamkeit wollte, schrieb ständig über dieses traurige Thema. Das wollte ich nicht – und ich war immer überzeugt, dass Ian Bailey nicht der Täter ist.

Fiona Shaw: Gerne würde ich einmal Fiona Shaw persönlich begegnen. Es gehört allerdings nicht zu meinen Eigenarten, berühmten Schauspielerinnen nachzusteigen. Fiona spielte Harry Potters Tante, neuerdings bewunderte ich sie in Killing Eve, Fleabag und Bad Sisters. Wenn ich in Cork bin, lohnt sich ein Blick in die Crawford Gallery am Emmet Place unweit vom Opera House meistens. Und immer schwingt die Hoffnung mit, Fiona zu sehen. Das ausdrucksstarke Porträt von Fiona Shaw, leicht geschürzt und alterungs-resistent. Die weltweit als Harry Potters Tante Petunia Dursley bekannte irische Schauspielerin aus Cobh, dem Seehafen von Cork, wurde im Jahr 2002 von Victoria Russell porträtiert. Victoria malte das Bild in Fionas Wohnung in London während mehrerer Sitzungen. Für mich ist dies eines der stärksten zeitgenössischen Frauen-Porträts. Die Crawford ist derzeit wegen Neuarbeiten geschlossen. Leider. Hier das Porträt.

Fiona Shaw in Cork

 

Peter Cornish: Die Weltenbummler Peter und Harriet Cornish tuckerten im 1974 in ihrem Renault R4 nach Irland, auf dem Rücksitz ein egroße Bufdhha-Statue. Sie kauften eine Farm mit viel Land auf den Klippen von Garranes auf der Beara Peninsula und ließen sich. Sie gründeten einnen Retreat, der Heimat sein sollte für spirituelle Menschen jeglicher Traditionen. Als Harriet krank wurde, stiftete das Paar ihren Ort tibetischen Buddhisten um den Lehrer Sogyal Rinpoche. Harriert starb im Jahr 1993 und aus dem Retreat entwickelte sich das tibetisch-buddhistische Zentrum Dzogchen Beara. Peter lebte still und zurückgezogen ein meditatives Leben auf den Klippen von Garranes. Wenige Jahre vor seinem Tod im Oktober 2023 musste er um sein Lebenswerk fürchten: Sogyal Rinpoche, ebenso schillernder wie mächtiger Buddhismuslehrer, der dem Dalai Lama ganz nahe stand, stürzte Dzogchen Beara und den tibetischen Buddhsimus in die größte Existenzkrise: Er war nach Jahrzehnten des sexuellen, psychischen und physischen Missbrauchs von Schülerinnen und Schülern im Juli 2017 endlich mit seinen Taten öffentlich konfrontiert worden und flüchtete nach Asien, wo er bald starb. Peter Cornish öffnete sich in den Folgejahren dem Dokumentarfilmer Maurice O’Brien, der einen bemerkenswert offenen und ehrlichen Kinofilm über Dzogchen Beara schuf: Chasing the Light. Im Zentrum steht Peter, ein weiser alter, blinder Mann, der langsam und bedächtig über das alte Grundanliegen und die Idee hinter seinem Lebenswerk sprach, die die Krisen überdauern sollten. Ich meine, Peters segensreiche Worte heilten viele Wunden. Dzogchen Beara, wo im Juli 2024 der erste tibetisch-buddhistische Tempel Irlands eingeweiht wurde, hat wohl eine Zukunft.

John Moriarty: Nichts hat mich in den letzten Jahrzehnten so sehr beeindruckt und geprägt wie das Werk des irischen Natur-Philosophen und Mystikers John Moriarty (Foto unten). Der Schamane aus den irischen Mooren tauchte ähnlich wie der Psychoanalytiker Carl Gustav Jung in die Tiefen des Unbewussten, seine Nachtmeerfahrten nannte er Dreamtime. Moriarty fand für sich Wege der Versöhnung mit der nicht-menschlichen Natur und der eigenen inneren Wildheit. Er wusste, dass uns Menschen nur ein Bewusstseinswandel retten kann, und er versuchte seine tiefen Erkenntnisse in Büchern, Videos, Fernsehsendungen  und Vorträgen zu vermitteln. Wir sind Teil von etwas Größerem, eng verbunden mit Tieren, Pflanzen und Steinen. Wir müssen nur lernen, es zu sehen. Über John Moriarty (1938 – 2007) schreibe ich aktuell eine Serie auf Irlandnews – mit der geschätzten Untersützung seiner Nichte Amanda Carmody. Ich möchte das Leben und Werk von John einer deutschsprachigen Leserschaft vorstellen und seine Gedanken außerhalb Irlands bekannter machen. Hier geht es zur Serie. Mitakuye Oyasin.

John Moriarty Irlandnews

 

Timothy Cadogan: Am lezten Samstag im Februar 1900 wurde der Land-Verwalter der mächtigen White-Familie von Bantry und Glengarriff in seinem Büro in der Barrack Street erschossen. William Simms Bird war auf der Stelle tot. Knapp ein Jahr später wurde der irische Farmer Timothy Cadogan für dieses Verbrechen zur Rechenschaft gezogen und starb im Gefängnis von Cork im Alter von 35 Jahren am Galgen. Bird hatte die von Cadogan gepachtete Farm im abgelegenen Tal von Coolenlemane am Fuß des Knock Bui aufgrund von Mietrückständen im August 1895 zwangsräumen lassen. Timothy Cadogan verlor Haus und Existenz. Er drohte dem Handlanger der Whites: „Ich werde Dir eines Tages die Federn ausrupfen, Bird.“ Dass der rebellische, kämpferische und bisweilen aufbrausende Cadogan wirklich der Täter war, wurde nie bewiesen. Dennoch befand ihn das politisch motivierte Gericht in einem unfairen Verfahren für schuldig. Auch 125 Jahre nach dem Mord von Bantry ist der Fall nicht abgeschlossen, ist in Coolenlemane kein Frieden eingekehrt, fordern Menschen Gerechtigkeit für den Mann, der in den tiefen Tälern im Hinterland von Bantry noch immer Verehrer hat.

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Menschen, die ich gerne getroffen und gesprochen hätte: Carl Gustav Jung, Erich Fromm, Toni Wolff, Frieda Bühler, Johann Baptist Zanon, Gabrielle Croisier, Georg Karl  Bäuchle, Sohn von Jod, Verena Kast, Kristine Fleck, Eileen Moore, TC.

 

Orskoordinaten: – – – 


Orts-Zeit

 

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Alle Fotos: Markus Bäuchle, außer Foto ganz oben: Fam. Ungerer; Collage unten: Eliane Zimmermann [rd310825]