Der Old Head of Kinsale. Symbol des neuen Irland. Ein alter Wehrturm und ein massives Eisentor markieren das südliche Ende des Wild Atlantic Way. Stopp. Hier ist Schluss mit Wild Atlantic Way und Tourismus für Alle. Hier beginnt der Kosmos der Reichen dieser Welt. Zutritt zur Landzunge, zum Leuchtturm und zu den grandiosen Klippen des Old Head haben nur Mitglieder und Gäste des Old Head Golf Clubs. Fast täglich werden enttäuschte Urlauber am großen Tor abgewiesen und zurück geschickt. Sie dürfen mit dem Besucherzentrum am alten Signalturm, ein Stück die Straße hoch, Vorlieb nehmen. Privateigentum schlägt Gemeinwohl.

 

Old Head of Kinsale

Der Old Head of Kinsale

 

Die Fakten wurden in den Jahren geschaffen, als der Celtic Tiger laut und ordinär röhrte. Ende der 80-er Jahre kaufte ein reicher Geschäftsmann aus dem County Kerry, ein Mann namens John O’Connor, zusammen mit seinem Bruder Patrick die markante Landzunge 35 Kilometer westlich von Cork. Der Mann aus Glencar bezahlte dem örtlichen Farmer für 220 Acres Land 240.000 irische Pfund (etwa 300.000 Euro), und was als Laune begann, wurde für O’Connor bald zur Obsession: Am Old Head sollte einer der zehn besten Golfplätze der Welt entstehen, nichts weniger als die Heimat des besten Golfclubs auf dem Planeten.

 

Old Head Golf Links

Eingang zum Golf Club am Courcey Tower: Hier ist Schluss mit Wild Atlantic Way für Alle.

 

John O`Connor´s Ashbourne Holding Ltd. nahm bald Millionen in die Hand, und von 1993 bis 1997 entstand auf dem spektakulärsten Kap an Irlands Südküste ein Golfplatz der Superlative, den bald die Bill Clintons und Tiger Woods dieser Welt bespielen sollten. Wohlhabende Amerikaner flogen vorzugsweise mit dem Helikopter ein. Die Mitgliedschaft kostete 30.000 Euro pro Jahr, eine Platzrunde 200 Euro, die Übernachtung in den Nobelunterkünften und der Schampus im Clubhaus dramatisch mehr als ein Normalverdiener  ausgeben konnte. Von 300 Mitgliedern war die Rede. Begüterte Tagesgäste füllten die Tageskasse. An guten Tagen spielten und spielen am Hold Head rund 150 Golfer.

Natürlich gefiel nicht allen in West Cork, dass sich ein wohlhabender Kerryman den schönsten Landzipfel weit und breit kaufte und diesen zu einem Luxus-Ressort für ein paar Handvoll Reiche dieser Welt ausbaute. Lokale Spaziergänger, Wanderer, Vogelbeobachter, Naturfreunde, Walbeobachter und Angler begehrten in den frühen Nuller-Jahren ebenfalls Zugang zum Old Head. Umweltschützer, Linke, Anarchisten und Gemeinwohl-Aktivisten stiegen mit ein. Die lokale Verwaltung vom Cork County Council und die oberste Planungsbehörde des Landes, An Bord Pleanála, standen auf der Seite des Protests: Sie forderten das öffentliche Wegerecht ein, das seit Jahrhunderten für den Old Head bestanden haben soll.

In den Jahren 2001 und 2002 spitzte sich der Konflikt zu. Mit People´s Picnics versuchten die Protest-Gruppen, das Wegerecht aktiv wahrzunehmen. Am großen Tor an der engsten Stelle des Kaps vom Old Head  spielten sich zeitweise bürgerkriegsähnliche Szenen ab, die heute als die zweite Schlacht von Kinsale erinnert werden. Die O´Connors stilisierten die Zugangsfrage zur Schicksalsfrage: Golfer und Vogelschützer oder Wanderer, so beschied John O`Connor, würden nicht zusammen passen. In seinem Kampf gegen das öffentliche Wegerecht sah er den Endkampf für das Privateigentum in Irland.

Nato Draht Old Head

Nato Draht trennt den Wild Atlantic Way für Alle vom WAW für die Wenigen

 

Der reiche Mann im Golfclub am Old Head setzte sich durch: 2002 entschied Irlands oberstes Gericht, der Supreme Court, dass es kein öffentliches Wegerecht gebe. Den Rest übernahm die Staatsgewalt. Das Privateigentum hatte am Old Head of Kinsale spektakulär über das Gemeinwohl gesiegt. Es war nur einer von vielen Siegen der Privilegierten im neuen Irland, aber es war ein symbolisch besonders aufgeladener Triumpf. Der Old Head, die Schönheit der einzigartigen Landschaft, die leuchtend grünen Wiesen auf den 70 Meter hohen Klippen, das Vogelparadies, das Kap, das die Welt schon zu Zeiten von Ptolomäus im zweiten Jahrhundert unserer Zeit kannte, die alte Festung der normannischen Familie Courcey, gehörte fortan einem begüterten Mann und seiner Entourage. Ein paar hundert vom Schicksal bevorzugte Menschen würden von ihm exklusiven Zugang erhalten. Der Rest musste draußen bleiben.

John O`Connor (*1943) starb im Jahr 2013. Die Old Head Golf Links sind unter die Top 100 Golfplätze der Welt gerückt. Nach der Finanzkrise kehrten die Amerikaner und die Helikopter zurück, statusbewusste Chinesen und andere reiche Asiaten gesellen sich gerne dazu. Wer einen netten Diener vor dem Management macht, darf ausnahmsweise auch schon mal das Gelände betreten. Die einfachen Menschen von Kinsale haben sich offensichtlich mit dem Golf Resort arrangiert. Auch wenn es sich nicht wirklich gut anfühlt, im Golf-Kosmos der Multi-Millionäre den Mindestlohn zu verdienen: Sie bekommen immerhin bis zu 200 saisonale Arbeitsplätze.

Handwerker, Händler und Hoteliers profitieren vom Old Head. Als Einheimischer weiß man auch, wie man zum Leuchtturm und zu den Klippen, zu den Brandungstoren und zu den Ruinen gelangt, wenn man denn will; und zudem ist der benachbarte Signal Tower mit dem Lusitania Museum mit weitem Blick über die golfgrüne Landzunge fest in der Hand des Volkes. Das ist Wild Atlantic Way für Alle. Dort oben am Signalturm hat man große Pläne. Alles dort soll besser und größer werden, Ambitionen gibt es auch jenseits von Golf-Eden.

Ob der Frieden von Kinsale hält, weiß allerdings keiner. Der Nato-Stacheldraht schützt das Golf-Resort auch nach zwei Jahrzehnten vor Eindringlingen. Die Ashbourne Holding hat dem Vernehmen nach wieder Land am Old Head gekauft, will auf einer benachbarten Farm weitere Luxus-Unterkünfte für das internationale Golf-Publikum bauen und seine Sphäre erweitern. Das sorgt für Unruhe, für Gerüchte und Gerede. . .

 

„Der Kampf am Old Head of Kinsale war in gewisser Weise eine Metapher für unsere Zeit.
Es handelte sich um einen Konflikt zwischen dem Gemeinwohl und der persönlichen Gier.
Damals haben sich Privilegien und Gier durchgesetzt . . .
Wir müssen endlich an