
Seit wir das Vergnügen einer neuen SPIEGEL-Chefredaktion und des neuen Erscheinungstags Samstag haben, schaue ich wieder öfter in das Magazin, das neuerdings mit dem Claim Keine Angst vor der Wahrheit für sich wirbt. Die Titelgeschichte lässt aufhorchen: Noch neun Monate bis zur nächsten Weltklima-Konferenz und der SPIEGEL schickt schon jetzt wie aus dem Nichts zwischen Europakrise, Ukraine-Krieg und dem Kampf der Kulturen einen Beitrag über den desolaten Zustand unseres Planeten ans Licht der Öffentlichkeit: Der verheizte Planet. Wie die Gier nach Wachstum unser Klima zerstört. Mich verwundert seit langem, dass das mit Abstand größte Problem, mit dem wir Menschen konfrontiert sind, nicht jede Woche an erster Stelle der politischen und medialen Tagesordnung steht — in Wahrheit aber können wir froh sein, ganz ab und zu wieder einmal erinnert zu werden, dass die Menschheit weiterhin ungebremst auf eine dramatische ökologische Katastrophe zusteuert, dass wir mit unserem Wachstumswahn gerade die Lebensgrundlagen unserer Kinder und Enkel zerstören — und dabei so tun, als würden wir mit Mülltrennung und Ökostromkonsum diese Welt retten.
Die Titelgeschichte im SPIEGEL ist im übrigens wenig lesenswert, da die Autoren offensichtlich doch Angst vor der Wahrheit haben, der Rettung durch Technik das Wort reden und ihre Klientel nicht allzu sehr mit der Wahrheit erschrecken wollen, dass der irre gewordene Kapitalismus, die destruktiv marodierende Wirtschaft, unser aller Konsum-Sucht, die weiterhin vorherrschende Ideologie des Neoliberalismus und unser pseudo-religiöser Gottes-Ersatz namens Wachstum die Ursachen für die fortgeschrittene Zerstörung des Planeten sind (Nebenbei: Wir tun immer so, als würde bald einmal etwas Schlimmes passieren, dabei geschieht die Katastrophe längst schleichend vor unser aller Augen: gigantische Umweltzerstörung, Ausrottung von Tieren und Pflanzen, Anstieg der Temperatur und der Meere).

„Jahrzehntelang hat die grüne Bewegung die Menschen dazu erzogen, Komposthaufen anzulegen, Müll zu trennen, Fahrrad zu fahren. Sehen Sie sich an,was in diesen Jahrzehnten aus dem Klima geworden ist.
Weil die Strategie, sich auf sparsame Glühbirnen und Emissionshandel zu konzentrieren, trostlos gescheitert ist. Erstens, die Umweltbewegung war in den meisten Ländern zweieinhalb Jahrzehnte lang elitär, technokratisch und scheinbar politisch neutral. Wir sehen heute das Ergebnis: Die Richtung ist falsch, die Emissionen steigen, der Klimawandel ist da. Zweitens, in den USA waren alle großen juristischen und gesellschaftlichen Veränderungen der letzten 150 Jahre die Folge sozialer Massenbewegungen, ob für Frauen, gegen die Sklaverei oder für die Bürgerrechte. Diese Kraft brauchen wir wieder, schnell, denn die Ursache des Klimawandels ist das politische und wirtschaftliche System selbst.
Wir brauchen eine ökonomische und politische Transformation, basierend auf stärkeren Gemeinden, nachhaltigen Arbeitsplätzen, einer gerechten Wirtschaft, mehr Regulierung, einem Abschied vom Wachstumswahn. Das ist die gute Nachricht: Wir haben die echte Chance, viele Probleme zugleich zu lösen.“


Wann bist Du zum letzten Mal über einen Bach gehüpft?
Wann hast Du zum letzten Mal im Fluss gebadet?
Wann bist Du zum letzten Mal barfuß über eine Wiese gelaufen?
Wann hast Du zuletzt den warmen Regen auf Deiner Haut gespürt?
Wann bis Du zum letzten Mal auf einen Felsen gekraxelt?
Wann hast Du zuletzt dort oben auf dem Gipfel den Himmel geküsst?
Wann hast Du zuletzt Dein Herz geöffnet?
Heute ist der erste Tag vom Rest unseres Lebens. Vielleicht ein Tag, um etwas zu tun, was wir lange nicht getan haben: Die Natur* neu kennen und schätzen zu lernen.

* Und klar: Natur ist nicht nur, wenn die Sonne scheint und uns angenehm wärmt. Natur ist auch herausfordernd, angreifend, zerstörerisch und mahnt uns, uns gut zu schützen.
Alle Fotos stammen von unserer Wanderung am 21. Februar 2015 auf den Hungry Hill. Fotos: © 2015 Markus Bäuchle / Wanderlust






ein Appetitanreger hinterher……
https://www.freitag.de/buch-der-woche/die-entscheidung-kapitalismus-vs-klima?utm_content=buffer1e2ee&utm_medium=social&utm_source=facebook.com&utm_campaign=buffer
Hallo Markus, ich bin gerade mittendrin in Naomi Kleins Buch. Ein großartig recherchiertes und wahnsinnig vielseitiges Werk mit einer Fülle von Informationen, Fakten und Visionen…..ich bin begeistert und kann es nur jedem der noch ein wenig an diesem Planeten hängt zwingend ans Herz legen.
Danke, Stephan. Ich denke schon, dass wir künftig wieder besseren Journalismus sehen werden. Ob vom SPIEGEL, bleibt abzuwarten. Ein gutes Zeichen immerhin, wie sich die Redaktion erfolgreich gegen den unsäglichen dpa-Fritzen wehrte.
Lieber Markus,
wieder ein wunderbarer Text der einem zum Nachdenken anregt. Der Buchtipp ist schon notiert….klingt sehr spannend. Die Hoffnung der Spiegel wird durch seine, eher symbolische Entscheidung jetzt Samstags zu erscheinen, wieder auch nur annähernd zu alter „Stärke“ zurück finden haben ich allerdings kaum. Zu groß war der Qualitätsverlust der letzten Jahre. Freuen würde es mich auf jeden Fall.
Eine gute Zeit wünscht Stephan