Oh Ruth! Wie ließ die NDW-Legende Stephan Remmler ihren Krause einst im Schunkelton singen: „Alles hat ein Ende . . .“  Das ist gerade vier Jahrzehnte her. Der Schenkelklopfer im Dreivierteltakt klingt heute wie ein Tonfossil aus der urgrauen analogen Vorzeit, bevor das Internet und das Smartphone wie eine biblische Heuschreckenplage über die Menschheit kamen. Nach nur drei Jahrzehnten in der schönen neuen Online-Welt sind all unsere Hoffnungen, die wir in die revolutionäre digitale Infrastruktur gesetzt hatten, verflogen und zerstoben –  und immer noch hat die Wurst zwei Enden.

Als ich im November 2008 damit begann, einen Blog zu schreiben, den ich bald Irlandnews nannte, war ich noch immer fasziniert von der Demokratie-theoretischen Möglichkeit, dass wir nun alle Sender sein können und nicht mehr auf  zentrale Verteilermedien angewiesen sind. Heute wissen wir, was dabei heraus kommt, wenn jeder Mensch, der ein Smartphone besitzt, sich lautstark öffentlich äußern kann – gerne auch anonym, unflätig und aggressiv – und sich bevorzugt, vom Algorithmus geködert, mit Gleichmeinenden zusammenrottet.

17 Jahre und über 4000 Beiträge Irlandnews später sind wir gänzlich desillusioniert und sehen ohnmächtig zu, wie sich einige wenige millardenschwere KI-Unternehmen das Wissen der Menschheit unter den Nagel reißen und es für ihr Eigentum ausgeben. Jede neu geschriebene und im Internet veröffentlichte Geschichte wird von den Large Language Models der US-Gangster-Companies sofort begierig abgesaugt und verwertet (umständliche Beschreibungen für „gestohlen“). Naive benutzen noch immer begeistert ChatGTP und Konsorten.

Was die übermächtigen Digitalkonzerne im größten Menschenversuch aller Zeiten mit unseren Kindern, mit uns, unseren Familien und Freundeskreisen, mit unseren Gehirnen, unseren Gesellschaften und unseren Gemeinschaften angestellt haben und künftig anstellen, wird von späteren Generationen vielleicht einmal als das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte erkannt werden. Noch allerdings stecken wir im globalen Digitalsumpf fest und versinken immer tiefer in der Flut der zunehmend künstlichen Bilder, Reels und Videos. Der Algorithmen-Krieg ist im vollen Gange.

Wir wehren uns so gut wir können: Seit vielen Jahren haben wir die zuckerbergschen Meta-Medien, das widerwärtige X zusammen mit Amazon-Bezos’s globaler Abrissbirne und all die Messenger aus unserm Leben verbannt. Wir reduzieren die Online-Zeit nach Kräften und suchen Sinn, Freude und Bedeutung wieder in der analogen Wirklichkeit jenseits der Bildschirme.

Viele Jahrzehnte lang haben die Menschen der Nachkriegszeit an ihrem Ende bedauert, dass sie ihr Leben zu Lasten ihrer menschlichen Beziehungen der Arbeit geopfert haben. Künftige Generationen werden mutmaßlich in ihrer Daseins-Bilanz bitter bereuen, dass sie einen Großteil ihres Lebens online vergeudet haben, verschleudert an ein billiges und hohles Ersatzleben.

Natürlich wollen auch wir nicht zurück in die Höhle oder auf die Bäume, obwohl es sicher nicht schadet, regelmäßig (warum eigentlich nicht jeden Tag?) einen Baum zu umarmen. Der widerständige Hirnforscher Gerald Hüther hat auf den Punkt gebracht, wie ein gutes Leben aussehen kann: Solange wir die digitalen Medien, Computer, Smartphones, Internet, als hilfreiche Werkzeuge benutzen, ist alles gut.Wenn wir sie jedoch als Ersatz instrumentalisieren, um unsere Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse dem Schein nach zu befriedigen und unsere Defizite und Seelenlöcher damit zu füllen, dann begeben wir uns auf den Irrweg und berauben uns unserer menschlichen Potentiale und Qualitäten.

Genau diese menschlichen Schwächen nutzen die süchtig machenden Algorithmen der Tech-Konzerne gezielt und grausam aus, um Kinder, Jugendliche und nie erwachsen gewordene Ausgewachsene in Abhängigkeit und Dauer-Trance gefangen zu halten. Der irische Kolumnist Fintan O’Toole hat den Algorithmen-Krieg von Big Tech gegen uns gerade mit den britischen Opiumkriegen des 19. Jahrhunderts gegen das chinesische Volk verglichen.

Das klingt alles ein bisschen zu dramatisch? Nun ja, so wie die menschengemachte Klimakrise halt. Nur schlimmer. Aufwachen tun wir gerne erst später, wenn unser eigenes Bett brennt, und nicht nur das der anderen, die wir weit weg wähnen.

 

Blick aus dem Fenster

* * * 

Zum Jahresende wird Irlandnews aufhören, ein Web-Magazin zu sein. Wir schalten zwei Gänge runter. Wir werden aufhören, die Website und (damit unfreiwillig) die räuberische KI mit zwei, drei oder gar fünf neuen Geschichten pro Woche zu füttern. Beiträge von Autorinnen und Autoren wird es künftig keine mehr geben, auch der beliebte Irland-TV-Tipp von Antje Wendel („Danke, Antje!“) wird Ende Dezember das letzte Mal erscheinen. Ich danke an dieser Stelle allen Kolleginnen und Freunden, die auf Irlandnews viele Jahre lang mit Herzblut und Freude publiziert haben, ganz herzlich. Es hat lange Zeit viel Spaß gemacht.

Irlandnews wird deshalb nicht komplett verschwinden. Fast alle der über 4000 Beiträge werden vorerst weiterhin verfügbar sein. Ich werde gelegentlich, dann nach Lust und Laune, so wie in den frühen Zeiten, hier einige Gedanken zur Diskussion stellen. Der neue Rhythmus ermöglicht mir, weniger online zu sein und frei von Zeitplänen und Zwängen neue Texte zu schreiben. Ganz altmodsch off-line (und doch nicht mit der Schreibmaschine). Aus den besten Geschichten meines Irischen Buchs der Tage und Orte soll ein Buch aus gutem altem Papier entstehen.

* * * 

Wir werden den verheerenden Siegeszug der großen, alles verzehrenden Maschine und den damit einhergehenden Niedergang der natürlichen Welt kaum aufhalten können. Wir haben allerdings individuell, als einzelne Menschen, die Wahl, begeistert oder zumindest pragmatisch mit zu machen, uns zu widersetzen oder uns zu entziehen. Wir können (noch immer) entscheiden, wie viel virtuelle Welt und Künstliche Intelligenz wir in unser Leben und unter unsere Haut lassen.

Mir drängt sich seit geraumer Zeit das Bild dieses Entscheidungs-Szenarios auf: Wollen wir Bäume umarmen oder mit Maschinen kopulieren? Meine Antwort ist klar – meine Entscheidung deshalb auch. Weil ich das Leben liebe.

Alles Gute,
oder, wie man hier manchmal sagt:
Mind yourself!

Markus Bäuchle

 

Traumland in West Cork

[ed171225]